Rezension: Mathematische Molotowcocktails

Der 1970 geborene Dietmar Dath gehört als Schriftsteller und F.A.Z.-Redakteur zu den eifrigsten Textproduzenten der deutschsprachigen Gegenwart. Seit 1995 hat er 29 Romane und Erzählungen veröffentlicht, zehn Theaterstücke, 21 Sachbücher, schier unzählbar viele Artikel, Essays, Reportagen – und dann gab es da noch dieses Großprojekt über den deutschen Mathematiker Gerhard Gentzen. Eine Figur, die ebenfalls Dietmar Dath heißt, erinnert sich in dem nun endlich erschienenen Roman: “Ich erzählte meinem damaligen Chef Frank Schirrmacher davon. Er war seinerzeit der fürs Feuilleton zuständige Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Als ich mit dem Erzählen fertig war, sagte er: ‚Schreiben Sie das so! Schreiben Sie auch das mit dem Krieg und dem Tod! Schreiben Sie’s mit dem Titel: Ein deutsches Genie verhungert im tschechischen Knast.’ Mein Chef wollte das in der Zeitung sehen, die er mitherausgab. Er ist jetzt eine Weile tot. Ich werde nie wissen, was er zu diesem Buch sagen würde. ‚Schreiben Sie das so’? Ich schreibe es völlig anders, als er wohl wollte. Alles, was dazugehört, kommt zwar vor, auch der Mann, der gesagt hat, ich sollte es ‚so’ schreiben. Aber. Aber?“ Nun diskutiert Popikone Lady Gaga über Primzahlen, Büchner-Preisträger Clemens J. Setz über Legasthenie. Amazon-Chef Jeff Bezos steht derweil vorm Spiegel und über allem schwebt der Logiker und Brandbeschleuniger Gerhard Gentzen in diesem lichterloh brennenden Kalkülroman.

Wenn ein Roman von Dietmar Dath schon im Titel sagt, es ginge um betrunkenes Aufräumen, dann muss stocknüchtern sortiert werden. Dafür notwendig ist ein erster Überblick, und wer sich umschaut, der sieht ein Elend, das jährlich auftaucht, wenn die naturwissenschaftlichen Nobelpreise verliehen werden. Zahlreiche Artikel, Nachrichtenmeldungen und Fernsehbeiträge versuchen dann, physikalische Kosmologie zu erklären, Neutrinooszillationen oder theoretische Entdeckungen topologischer Phasenübergänge, also kurzum: Mathematik und Zahlen in Sprache und Bilder umzuwandeln. Es ist ein äußerst schwieriges Unterfangen, beispielsweise 2017 in der Boulevardzeitung „Bild“, nach der Bekanntgabe des Physik-Nobelpreises für den ersten direkten Nachweis im All entstehender Gravitationswellen: „Stellen Sie sich die Raumzeit als Fläche vor. Einmal angestoßen würde eine Kugel ewig in eine Richtung rollen. Analog würde ein Planet im Raum immer in eine Richtung fliegen. Diese Fläche ist eine sehr starke Vereinfachung, reicht aber, um das Prinzip zu verstehen.“

Physiker beschreiben Gravitationswellen selbstverständlich mithilfe hochkomplexer Mathematik und nicht anhand von Metaphern. Nicht-Mathematiker können sich allerdings nur mit Metaphern wenigstens annäherungsweise vorstellen, worüber die Physik nachdenkt. Was leicht klingt, ist kompliziert. Das Komplizierte zu vereinfachen, ist wiederum extrem schwierig – oder in den Worten des „Gentzen“-Romans von Dietmar Dath, wo angenommen wird, das „größte Problem beim Erklären von mathematischer Physik sei, dass die Leute sich aufs Vorstellungsvermögen stützen wollen anhand immer nur eines einzigen Sinnes, des Gesichtssinns nämlich, der Augen … sie wollen es halt anschaulich, das heißt, wenn man sagt, vierdimensional, oder dann fünfdimensional und höher, dann wollen sie wissen, wie sieht das aus, wie, wo stelle ich mir die vor, die vier oder fünf Dimensionen? Weil, drei Dimensionen, okay, dann kann ich Achsen bauen oder mir vorstellen, x, y und z, drei Stück im Raum, Höhe, Breite, Tiefe, aber wo ist dann die vierte?“

Tollkühner erscheint deshalb, ganze Romane über Mathematik, Physik, Chemie zu schreiben. Der Schriftsteller Dietmar Dath wagt dieses Experiment dennoch seit vielen Jahren. Er hat beispielsweise 2006 einen ebenso poetischen wie hypervielschichtigen Roman über Paul Dirac veröffentlicht, den Mitbegründer der Quantenmechanik. Ulrich Greiner von der Wochenzeitung „Die Zeit“ schrieb damals: „Zuweilen denkt man, auf der Spur eines der großen Geheimnisse zu sein; zuweilen glaubt man, die Physik sei wahrhaftig der Königsweg der Erkenntnis, weil ja Erkenntnis nicht selten dort wirklich tief wird, wo der eigene Verstand nicht hinreicht. Am Ende aber wird man den Verdacht nicht los, ‚Dirac’ sei ein gewaltiger, wenngleich recht hübscher Bluff.“

Dieser recht hübsche Bluff besteht in einem spezifischen Erzählverfahren, das in Dietmar Daths neuem Roman „Gentzen“ auf herausgehobene Weise beobachtet werden kann. „Gentzen“ ist so etwas wie Dietmar Daths „Faust“. Es ist der Versuch zu zeigen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Dietmar Dath berichtet, wie ein Schriftsteller, der auch Dietmar Dath heißt, versucht, einen Roman über Gentzen zu schreiben. Doch bevor ausgehend von dieser Idee knapp 600 Seiten lang gesprochen wird über Quantenwellenfunktionen, Wahrscheinlichkeitskalküle und mengentheoretische Topologie, bevor die mathematische Leistung der titelgebenden Hauptfigur umfassend gewürdigt wird, beginnt dieses Buch handfest mit einem traurigen Ende. Der deutsche Mathematiker Gerhard Gentzen vegetiert 1945 im Prager Kreisgefängnis – und stirbt.

„Er isst nicht genug. Diejenigen, die ihn eingesperrt haben und bewachen, geben ihm kaum Essbares und sehr wenig Wasser. Die Arbeit, zu der sie ihn zwingen wollen, kann er nicht länger tun. Appetit hat er keinen mehr, aber immer schlimmer Hunger. Er versteht genug von sich und seinen Zuständen, um Appetit und Hunger zu unterscheiden. Diese Klugheit nützt ihm nichts. Er weiß seit Tagen, dass er an seinem Hunger wird sterben müssen.“

„Er isst nicht genug.“ Dieser doppeldeutig klingende erste Satz eröffnet Dietmar Daths ausufernde Geschichte um besagten Gerhard Gentzen, über diesen genialen Mann, dessen Theorien und Formeln aus den 1930er und 40er Jahren bis heute die Informatik beeinflussen. „Was dem Kopf des Gefangenen entsprungen ist, wird helfen, Computer zu programmieren. Von denen weiß er nichts. Es gibt noch keine. Er weiß von Beweisen. In einem wichtigen ästhetischen, dann einem ethischen und endlich sogar einem gewissen wissenschaftlichen Sinn ist die bestmögliche Überprüfung eines Computerprogramms formal gesehen der Beweis der Richtigkeit des Beweises eines mathematischen Satzes, ein Beweisbeweis.“

Um diesen Beweisbeweis kreist Dietmar Daths Roman, wo permanent versucht wird, den Nichtmathematikern zu zeigen, wie Mathematik funktioniert, funktionieren kann. Wie aber der 1909 in Greifswald geborene Gentzen funktioniert, tritt in den Hintergrund. Der Roman misstraut biographischen Einordnungen. „Gibt es ein Epochenschicksal eines bestimmten Menschentypus? Wird man einem Individuum gerecht, wenn man es da einsortiert wie in einen Betonwohnblock aus Zeit oder ein ‚black iron prison’.“

Verführerisch ist, Gentzens Biographie in einen Betonwohnblock aus Zeit zu zwängen. 1933, im Jahr der nationalsozialistischen Machtergreifung, wurde der Frühbegabte 24-jährig promoviert. In den folgenden Jahren entwickelte er ebenso komplizierte wie schöne Methoden, Regeln und Strukturen – während die gleichsam komplizierte, doch leider hässliche Welt um ihn zuschanden ging. „Die erste Zerstörung der Vernunft kulminiert im wahnsinnig gewordenen Gesellschaftsdenken und betrifft die Verhältnisse zwischen den Menschen, das ist die faschistische Ideologie, besonders die der Nazis.“

Gerhard Gentzen war ein logisch denkender Mensch, der während einer unlogisch-irrationalen Zeit wirkte, während der Zeit des barbarischen Nationalsozialismus, dieser nihilistischen Weltanschauung, die ihre Legitimation aus Wahnvorstellungen zog. Mathematik aber ist das Gegenteil von Wahn, weshalb einige der einflussreichsten Regimekritiker – beispielsweise in der Sowjetunion – Mathematiker, Physiker, Schachspieler waren. Sie konnten die Unlogik des pervertierten Kommunismus schlechterdings nicht ertragen – worüber man sehr viel erfahren kann in „Der Beweis des Jahrhunderts. Die faszinierende Geschichte des Mathematikers Grigori Perelman“ von Masha Gessen. Der Mathematiker Gentzen war allerdings kein Dissident. Er war ein Mitläufer. Er glaubte nicht übertrieben innig an die menschenverachtende Politik der Nationalsozialisten, „er widersetzte sich dem Zeug aber auch nicht stärker als die meisten seiner Landsleute. Er trat sogar in einen Verein von Arschlöchern namens Sturmabteilung ein, abgekürzt SA, weil er sich selbst einredete, dass man in ‚Deutschlands Größe’ wohl gar nicht mehr zum Rechnen, Denken, Arbeiten kommen würde, wenn man nicht einem Arschlochverein angehörte, der die genannten Wahnideen mit Gewalt gegen zusehends Wehrlose propagierte und umsetzte.“

Dietmar Daths „Gentzen“-Roman bezieht in Absätzen wie diesen deutlich Stellung zu den biographischen Irrungen und Wirrungen seiner exzeptionellen Hauptfigur. Exzeptionell ist Gentzen als Hauptfigur, weil er überraschend selten in dem nach ihm betitelten Buch auftritt. Das hier ist keine Romanbiographie, die brav positivistisch Lebensstationen abklappert. „Gentzen oder: Betrunken aufräumen“ verwandelt stattdessen Formeln in Literatur, will offensichtlich ein Gefühl oder eine Ahnung für die Gedankenleistung des vorgestellten Mathematikers herstellen.

Dafür nutzt der Text mehrere dutzend Figuren und Szenen, zahlreiche Haupt- und Nebenstränge, ein Erzähllabyrinth, in dem man sich nur verirren kann. Zu den zahlreichen Figuren kommen unterschiedliche Textsorten. Es gibt erzählende Kapitel, spekulative Essays und nahezu theatral anmutende Dialoge. „Gentzen oder: Betrunken aufräumen“ ist ein wildes, überfrachtetes, verwirrendes Buch – aber dieses Wilde und Verwirrende erscheint absichtsvoll. Es ist ein Verfahren, das Dath bereits 2001 anwandte in seinem Buch „Höhenrausch“, wo er zwanzig Mathematiker des 20. Jahrhunderts vorstellt und: „all dieses Spiel mit Leuten, die größtenteils wirklich leben oder gelebt haben, schmiegen sich dem Thema, der Mathematik des zwanzigsten Jahrhunderts, dadurch an, daß sie zu ihrer Erfindung und zum Nachvollzug zwar Phantasie einfordern, aber eine präzise Phantasie; nicht irgendwelche Einfälle, sondern sinnvolle Einfälle.“

So steht es in der „Höhenrausch“-Vorbemerkung, so arbeitet Dath seit jeher. Mit präziser Phantasie, und mit zahlreichen sinnvollen Einfällen gruppiert sein neuer Roman drei weitere Hauptfiguren um Gerhard Gentzen, anstatt sich auf den Mathematiker selbst zu beschränken. Neben Dietmar Dath höchstpersönlich arbeiten sich der unpolitische Programmierer Jan und die Biologin Laura an Gentzen ab. Dazwischen tritt der Mathematiker auf – mal als Siebenjähriger, der seiner Mutter ein Nachtgedicht schreibt, dann als Romane verschlingender Teenager, später als Wehrmachtssoldat in Uniform. Manchmal, in spekulativen Szenen, geht Gentzen mit der Popikone Lady Gaga aus: ins Kino, ins Museum, zum Konzert, um sich zu amüsieren und um mit ihr über Mathematik zu plaudern.

Gentzen versucht in den Lady Gaga-Momenten also das Gleiche wie Dath. Er will Nicht-Mathematikern ein Gefühl, ein Verständnis für die Mathematik geben – während er gleichzeitig zugeben muss, dass ihm die unmathematische Welt verschlossen ist.  „Ja, ich hatte wohl gar keine Definition von Konzert, glaube ich, sondern nur so eine Intuition. Und das geht nicht, da kann man einen Satz wie: Das hier ist ein Konzert und das dort nicht … den kann man auf der Basis einer bloßen Intuition gar nicht beweisen. Wovon ich ja etwas verstehe. Vom Beweisen. Jetzt dagegen …“

Permanent reden diese Figuren aneinander vorbei, können sich nicht verständlich machen. Doch trotz dieser geballten Unverständlichkeitsmomente entsteht ein tieferer Eindruck von sowohl mathematischer als auch gesellschaftlicher Komplexität. Deshalb gibt es so viele Figuren. Beinahe fünf Dutzend werden auf einer Doppelseite unter der Überschrift „Wer hier lebt“ wie in einem Drama rubriziert, darunter „Frank Schirrmacher | Mitherausgeber einer Zeitung, Benjamin Diehl | Sohn verarschter Eltern, Jeff Bezos | Geldheini, Rima Abadi | Junge Frau an der Brezeltheke, Eva Papachristou | Hirnexpertin, Eine schiefe Tante | Sehr seltsam, Georg Greiner | Besitzer und Geschäftsführer des Comicladens Superdoppelduper, David Hume | Aufklärer, Clemens J. Setz | Souffleur, Whisky und Whiskey | Zwei überwiegend gute Geister.“

Diese Figuren stecken in ihren eigenen Leben, Gedanken und Vorstellungen. Und all diese Leben, Gedanken und Vorstellungen werden in Bezug zu Gerhard Gentzens regelhafte Mathematik gesetzt, wie der gerade eben genannte Frank Schirrmacher, bis zu seinem frühen Tod 2014 Herausgeber jener „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, für die auch Dietmar Dath arbeitet. Anhand von Schirrmacher wird ironisch-systemtheoretisch gezeigt, in welcher Weise menschliches Handeln als kybernetisches Programm beschrieben werden kann, als ein Phänomen, mit dem sich auch Gerhard Gentzen auseinandergesetzt hat. Die Schirrmacher-Passagen gehören zu den unterhaltsamsten Stellen, beispielsweise, wenn es um den sogenannten „Readerscan“ geht.

„Das ist eine neue Idiotie von einer Firma aus der Schweiz, die hundertneunzig Leute die Zeitung lesen lässt, mit einem Markerstift in der Kralle. Damit sollen sie anstreichen, was sie lesen und wann sie ‚aussteigen’. Mithilfe dieser Wissenschaft erfahren wir, ob wir gut sind, als Zeitung, und weshalb eben leider nicht. Das Ergebnis: Die Menschen mögen Teaser und Überschriften, aber wenn sie nicht wissen, wer die Leute sind, um die es geht, steigen sie aus. Rezensionen mögen sie gar nicht. Ob sie gerne in der Nase popeln, steht noch nicht fest.“

Der F.A.Z.-Herausgeber und Feuilletonchef Frank Schirrmacher wird als geradezu von Readerscans besessen beschrieben: „Am Dienstag, dem 03. Dezember 2013, einem verrückten Tag, sitzt Frank Schirrmacher da und brüllt mal wieder vom Readerscan und dass der ja für alle Welt unwiderleglich bewiesen habe: Bestimmte Sachen bräuchten wir einfach nicht mehr. Interessanterweise lauter Sachen, für die man freie Mitarbeiter bezahlen muss, Rezensionen von Literatur zum Beispiel. Blöder kann man Basis und Überbau nicht aneinanderkleben. Dann beauftragt er mich mit Geschenktipps und sagt außerdem: ‚Machen Sie doch mal was über diese Fernsehserien.’“

Eine Zeitung, in der Rezensionen erscheinen, beauftragt eine Readerscan-Studie. Die Ergebnisse dieser Studie verändern die Entscheidungen des Herausgebers. Daraufhin erscheinen weniger Rezensionen. Was unterscheidet so eine Zeitung von einem Computerprogramm, wenn doch beide auf Berechnungen beruhen? Diese Frage ist eine der vielen Pointen von „Gentzen oder: Betrunken aufräumen“. Das illustriert auch ein anderes, sehr kurzes Kapitel dieses Romans mit folgender Parabel:

„Der sechsunddreißigjährige Jonas lebt in Stuttgart. Er liebt sowohl einen Mann wie eine Frau. Die Beziehung zu dem Mann hält er geheim, sie könnte ihm in seiner Branche schaden. Die Frau weiß nichts vom Konkurrenten. Der aber weiß von ihr. Er kann damit leben. Durch einen Onlinebuchungsfehler, den Jonas aus Zerstreutheit begeht, erfährt die Frau die Wahrheit. Sie stellt Jonas ein Ultimatum: ‚Ich bin nicht homophob, aber eifersüchtig. Entscheide dich.’ Jonas wählt die Frau und bittet den Mann, das ‚ohne Szene’ hinzunehmen: ‚Es tut schon genug weh.’ Er hat den Großzügigen bestraft und die Kleinliche belohnt. Das ist sein Zwischenergebnis.“

Wo Verhalten berechnend wird, verlieren wir das, was uns als Menschen auszeichnet. „Gentzen oder: Betrunken aufräumen“ ist übervoll von derartigen Anekdoten, die mal vom narzisstischen Amazon-Chef Jeff Bezos berichten, dann zum aktuellen Georg-Büchner-Preisträger Clemens J. Setz springen, aber auf nahezu jeder Seite zeigen, dass sowohl Rechnungen, als auch berechnendes Handeln den Humanismus töten können. Das wusste ironischerweise auch der Readerscan begeisterte F.A.Z.-Herausgeber Frank Schirrmacher, der 2009 einen Bestseller schrieb mit dem Titel: „Payback. Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen.“ Dennoch hat er in seiner Funktion als Herausgeber anders gehandelt: „Die Stimmung, die hier gemalt wird, sagt: Das alte Rezensionenfeuilleton ist erledigt, jetzt muss Leben in die Bude, denn daran gewöhnt das Netz nun mal alle, an dieses ‚Leben’ in seiner umfassenden Dummheit.“

Der Mensch wird in diesem Roman immer wieder zur Maschine. Gleichzeitig ringt er um den Erhalt des Menschlichen. Darin liegt eine Spannung, die sich unterscheidet von der Spannung einer Kriminalgeschichte. Die Spannung in Dietmar Daths Roman besteht aus den Rechnungen auf der einen und den unberechenbaren Gefühlen auf der anderen Seite. Diese Spannung ist so groß, dass sie einen hyperkomplexen Mehrhundertseiten-Plot hinweg trägt. Denn es gibt Äonen von Gedanken, die wir in dieser Sekunde mit einem einzigen Knopfdruck abrufen können. Aber kein Gedanke ist so wertvoll und so neu und schön wie der, dessen erstes Flügelschlagen wir gerade jetzt in unserem Bewusstsein hören.

Weil „Gentzen oder: Betrunken aufräumen“ von der Schönheit dieser menschlichen Gedanken weiß, ist das Buch auch eine große Verbeugung vor der Kunst, „weil Kunst nicht notwendig ist. Wenn man liest oder zuhört, kann man aber jemand anderen oder etwas anderes besser verstehen lernen. Mehr: Man kann lernen, dass es Leute gibt, die man nicht versteht. Das wiederum ist dann doch wieder notwendig.“

Dietmar Daths Roman ist bemerkenswert, weil er auf künstlerische Weise zeigt, warum sich Menschen nicht nur in mathematische Konzepte, sondern auch in andere Menschen einfühlen sollten, warum es wichtig ist, der Welt empathisch zu begegnen. Ja, Empathie kann überfordern – wie dieser von vielen und so Vielem erzählende Roman. Aber wer sich auf Komplexität einlässt, der wird mit Schönheit belohnt, wie Jan, der unpolitische Programmierer, wenn er sich irgendwann betrinkt: „Und tatsächlich, zwei kleine Tumbler voll Whisky bringen dieselbe seltsame Detailaufmerksamkeit, die Jan vom betrunkenen Kunsterleben kennt, in sein Coding, und führen zu Weisheiten wie: ‚Wenn man es in zwei Zeilen sagen kann, ist es eleganter, als wenn es in einer steht, die zu vollgepackt ist, obwohl das in richtiger Sprache statt Computercode umgekehrt zu sein scheint, jedenfalls meistens.’“

Deshalb ist dieser Roman nahezu 600 Seiten lang: weil es eleganter sein kann, etwas in zwei betrunken aufgeräumten Zeilen zu sagen anstatt in einer, die chaotisch unaufgeräumt ist. Man kann sich auf dieses Buch einlassen wie auf den hypnotischen David Lynch-Film „Inland Empire“ oder Arnold Schönbergs atonale „Drei Klavierstücke op. 11“ aus Gerhard Gentzens Geburtsjahr 1909. Wer sich von klassischen Erzähl- und Harmonie-Vorstellungen verabschiedet, wer diesem faszinierenden Roman umweltoffen begegnet, der spürt wahrhaftige Schönheit, der übersteigt wie in Trance das Gewöhnliche und ahnt nicht nur den anfänglichen Hunger Gentzens, der immer auch ein Hunger nach Erkenntnis war, sondern auch, was gemeint ist mit diesem letzten Satz auf Seite 591: „Das Einzige, was sich von selbst versteht, ist das Ende.“

Dietmar Dath: „Gentzen oder: Betrunken aufräumen“, Matthes & Seitz, Berlin, 608 Seiten, 26 Euro.

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