Linkradar: Smombies, Morrissey, Klachelsuppe in Klagenfurt

„Wobei Elizas Brüste wie zwei Fässer über Ezras heulenden Mund rollten und der ekstatische Schmerz seines knolligen Ständers seine Aufregung etwas milderte…“ Well, er kann brillant über religiöse Enttäuschungen („I have forgiven Jesus“), Weltschmerz („You have killed me“), Liebeskummer („Bigmouth strikes again“) schreiben – Sex ist dagegen nicht sein Metier. Der große Morrissey wurde gerade für seinen Debütroman „List of the Lost“ (hier ein Verriss von Ed Cumming im Guardian) mit dem „Bad Sex in Fiction Award“ ausgezeichnet. Wie gut, das Clemens Setz’ „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ uferlos unterhaltsam bleibt und dass der auf ganz andere Weise unterhaltsame Linus Volkmann seine Notizen zum Jugendwort des Jahres aufgeschrieben hat. Schade ist dagegen, dass die „Lyrikedition 2000“ im Sommer 2016 eingestellt wird. Herausgeber Florian Voß berichtete auf Facebook, dass die Verkaufszahlen zuletzt katastrophal waren (mit 25 Verkäufen je Ausgabe). Das Beitragsbild zeigt eine Version von Fee Katrin Kanzlers charmanter „Buchrückenpoesie“, die sie regelmäßig auf Facebook postet.

Goethe_(Stieler_1828)Weltliteratur statt krachdeutscher Parolen! Unter diesem Titel wurde vor einer Woche mein neues Zündfunk-Feature gesendet (hier nachzuhören). Es ging um Goethe und Feridun Zaimoglu, um „Junge Hunde“ und das Konzept interkultureller Literatur. Die Reaktionen waren deftig. Eine ernsthaft mit „Wutbürger“ unterschriebene Leserpost an den Bayerischen Rundfunk in Auszügen: „Dieser Beitrag von Jan Drees ist wieder mal typisch für den staatsdienenden Tenor des Bayerischen Rundfunks! Wenn die Redaktion zukünftig in einem Land leben möchte, wo man vorrangig muslimendienende

800px-Johann_Gottfried_Herder_2Literatur verlegen wird und auch der Islam einen immer beängstigenderen Einfluss auf Meinungsfreiheit und persönlicher Entfaltung haben wird und das unter Weltliteratur versteht, dann ist das deren Sache. Aber ein Hohelied zu singen auf diese Art Zukunft sollten Sie untereinander in Ihrem trauten Redaktionsstübchen! Lassen Sie bitte die Mehrheit der Mediennutzer glücklich sein mit ihrer eigenen Literaturauswahl und vor allem, ihrer Art zu leben!“ (Das Bild links zeigt Johann Gottfried Herder, das Bild rechts darüber Goethe.)

dYGz53VJTilman Rammstedt arbeitet an einem neuen Buch; wir demnächst täglich live dabei sein können; Die Aktion, bei der Rammstedt sich selbst unter Beobachtung stellt wird hart gefeiert (hier in der F.A.Z., dort in der S.Z., da in der Welt). Nun kommt der Clou, in Form einer Nachricht meiner lieben Freundin Miriam Zeh (Bild), die vorhin schrieb (ich darf zitieren): “Ich frage mich, ob irgendjemand außer mir dieses Projekt auch widerlich und nicht nur innotvativ findet. Was für ein Kunstverständnis hat denn ein Verlag, der seine Autoren mit einer Eisenkette an einen Schreibtisch fesselt und welcher gebildete Leser wird freiwillig zum Prosumenten von einer den Voyeurismus überschreitenden Totalüberwachung?“

Wanda-8Bussi, bento: Dass das neue „Angebot für junge Leute“ des SPIEGEL ein Totalausfall ist dürfte sich inzwischen rumgesprochen haben. Die Sprache klingt wie das Wort „Jugendgetränk“, das mir gerade in österreichischen Cafés begegnet. Der durchgeschwitzte Ventil-Popautor Linus Volkmann packt Stefanie Sargnagel, das neue Jugendwort „Smombie“, eine Fischvergiftung namens Wanda (Bild) in seinen Lust auf greise Jugendsprache?-Text, wie „junge Leute“ heute ganz gewiss nicht angesprochen werden.

81-8Gh+PB6L._SL1500_Alles verprasst: Autor Tom Hillenbrand rantet hier sehr scharf und gut, nachdem der Europäische Gerichtshof sein Urteil zur Urheberpauschale gefällt hat, das sehr autorenfreundlich ist. „Es legt nahe, dass die derzeitige Ausschüttungspraxis der VG Wort seit beinahe fünfzehn Jahren rechtswidrig ist – und die Verwertungsgesellschaft uns Autoren gemeinsam mit den Verlagen in ganz großem Stil über den Tisch gezogen hat.“ Trotzdem jammern die Verwerter. Absurd wird es, wenn das Deutschlandradio Britta Jürgs interviewt, Aviva-Verlegerin und Vorsitzende der Kurt-Wolff-Stiftung: „Jürgs berichtete von Verleger-Kollegen, die von der VG Wort bereits Aufforderungen zur Rückzahlung von Ausschüttungen zurück bis ins Jahr 2012 erhalten hätten:

27770_124548204233192_3428502_n„Denn gerade diese Rückzahlung, die jetzt innerhalb von 14 Tagen erfolgen sollen, das kann schon wirklich existenziell sein. Schwierigkeiten werden wir alle damit haben. Aber da kann schon der eine oder andere auf der Strecke bleiben.“ Zwar seien die Ausschüttungen der letzten drei Jahre von der VG Wort immer unter Vorbehalt erfolgt, räumte Jürgs ein: „Aber wir haben uns alle nicht gedacht, dass es tatsächlich so weit kommen könnte.“ Das sagt viel über die Selbstsicherheit der deutschen Verlage aus.

12227687_1035077056532177_2864511421352605451_nPerlentieftauchen: Demnächst gibt es einen Verein für internationale Feuilletonforschung. Das haben die Teilnehmer der Fachtagung vergangene Woche in Graz beschlossen. Julia Neuwirth (Bild) und ich haben spontan über Anton Kuh, das Interview als Kunstform und die große Diskussion u.a. mit Sigrid Löffler und Lothar gebloggt – und zwar hier, hier und hier. Alles Weitere zu meinem am Samstag gehaltenen Vortrag „Klicks statt Kohle – Digitale Literaturkritik zwischen Performanz und Prekariat“ gibt es hier. Beachtet wurden wir u.a. vom Perlentaucher, Spiegel.de und „Die Liebe zu Büchern“.

Pausenbild

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Montag las ich auf Einladung von Heimo Strempfl und dem Musil-Institut der Alpen-Adria-Universität im Kärtnerischen Klagenfurt. Im Sommer war ich nach den „Tagen der deutschsprachigen Literatur“ eben da, habe ich Hotel Moser gesessen, geschrieben, Klachelsuppe im Augustin bestellt – und das Ergebnis dieser großen Reise vor wenigen Tagen im Hamburger Literatur-Quickie-Verlag veröffentlicht. Das Bild zeigt Autor Gerhard Benigni aus Villach am Wörthersee. Am heutigen Donnerstag lese ich ab 20 Uhr beim Wiener „Buch im Beisl“ (hier geht es zur Ankündigung). Der Eintritt ist frei.

Konsuminventur

edeka_heimkommen_facebook_sharingNatürlich sprechen jetzt alle über den aktuellen Edeka-Spot, der mit großen Emotionen auffährt und keine Werbung für die Bestattung in gelben Plastiktüten ist, sondern einen allein stehenden Witwer zeigt, der zu Weihnachten seinen Tod fingiert, um alle Kinder an den heimischen Wohnzimmertisch zu locken. Mit klarer Kante argumentiert dieser Userkommentar aus dem österreichischen Standard: „Manipulativ, übergriffig und zynisch.“ Die SZ nennt #heimkommen ebenso berührend wie extrem unrealistisch:

„In einer Familie, in der sich alle so blendend verstehen und so köstlich miteinander amüsieren wie in der letzten Szene dargestellt, gäbe es wohl kaum einen Grund, sich vor Weihnachten zu drücken.“ Word!

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