Jüdische Jogginghosen

Darf sich ein Jogginghosen tragender Hipster auch dann mit einem Deutschen Schäferhund ablichten lassen, wenn der Köter eine SS-Totenkopf-Mütze und einen fetten Davidstern trägt? Oliver Polak ist sich sicher: „Ich darf das, ich bin Jude.“

1932 hat Heinrich Hoffmann, Leibfotograf Adolf Hitlers, den geschmacklosen Fotoband „Hitler wie ihn keiner kennt“ herausgegeben. Auf dem Cover lümmelt der selbsternannte „Führer“ im Gras. Neben ihm hockt ein namenloser Schäferhund, der ab 1934 von Blondi, Hitlers „germanischem Urhund“ abgelöst werden sollte (nachzulesen im halbseidenen „Blondi“-Wikipedia-Eintrag). Wenn der jüdische Komiker, Moderator, Schauspieler, Musiker und Autor Oliver Polak 76 Jahre später auf dem Debütcover mit Schäferhund posiert, ist die Anspielung klar. Leser, die deftigen Humor scheuen, sind hier fehl am Platz, denn „Ich darf das, ich bin Jude“ zielt auf die Magengrube und verzichtet beim Fechten aufs elegante Florett.

Oder wie Kollege Bernd Stelter umschrieb: „Oliver Polak ist saukomisch, kackfrech und trotzdem lesenswert.“ Auf Seite eins schließt der gebürtige Papenburger einen Kompromiss mit seinen lachbereiten Lesern: „Ich vergesse die Sache mit dem Holocaust – und Sie verzeihen uns Michel Friedman.“ Ab da soll es gemütlich werden. Doch seine Nazi-Anspielungen sind bis Seite 187 derart zahlreich gesät, dass Polaks Vertrag als einseitig aufgekündigt gelten darf. Hier hitlert es pausenlos, als habe Bernd Eichinger („Der Untergang“) den Co-Autor gegeben (tatsächlich war es Olivers langjähriger Freund und Gagautor Jens Oliver Haas).

Nun, worum geht es in diesem Buch? Es erzählt von einem jungen Kerl, der zufälligerweise auch Oliver Polak heißt, der im Emsland aufgewachsen ist und irgendwann bei VIVA als Feelgood-Moderator landen wird. Das ist nah am Leben des Autors. „Der Oliver Polak im Buch hat im Laufe der Seiten doch noch ein bisschen mehr erlebt als ich. Und mit ihm seine Eltern“, steht abschließend im Text. – Doch was Dichtung ist, wo die Wahrheit beginnt, das bleibt undeutlich. Hat Oliver Polak nun, wie beschrieben, nur einen Hoden, oder ist auch das bloß eine Hitler-Anspielung? Die BILD-Zeitung titelte am 19. November 2008: „Historische Aufzeichnungen enthüllen. Wie Hitler seinen Hoden verlor. Arzt: Er schrie wie am Spieß“. Ist seine jüdische Mama so klischeebeladen kontrollsüchtig? Hat er dreimal die elfte Klasse besucht? War er regelmäßiger Gast im Kölner Hochhausbordell „Pascha“? Wie dumm ist Papenburg tatsächlich?

„Ich darf das, ich bin Jude“ ist das lustigste Buch der Saison. Oliver Polak beschreibt, wie er vor der Fleischtheke immer auf die Pute zeigt (Juden essen kein Schweinefleisch) und ihn der Metzger stets darauf hinweist, dies sei aber Schwein, keine Pute: „Christen sind schon ein komisches Völkchen. Mir doch egal, wie er seine Pute nennt.“ Auf Seite 162 wird geklärt, warum alle jüdischen Männer beschnitten sind. „Weil eine jüdische Frau nichts anfasst, was nicht um mindestens 20 Prozent reduziert wurde.“ Dazwischen geht es um Partys mit dem „Indie-DJ-Gott Ostfrieslands“, um Olivers Hamburger-Schule-Band „Sternzeit“, um seine Praktikantenzeit bei Stefan Raab und britische Internatserfahrungen.

Oliver Polak ist tatsächlich Jude, er setzt die Karte nicht wie viele Stars, um sich beim Publikum einzuschleimen. „Die Begriffe Halb-, Viertel- oder Achteljude sind übrigens Nazi-Terminologie. Entweder du bist Jude oder nicht. Punkt.“ Dennoch gibt es ein paar Hinweise, warum es sich lohnt, mitzumachen, beim Judentum, falls einem langweilig ist und man aus Individualisierungsgründen schon Pazifist, Veganer, Atomkraftgegner und Asthmatiker gewesen ist: „Wir sind für 90 Prozent aller guten Hollywoodfilme verantwortlich. Die restlichen 10 Prozent haben wir finanziert.“ „Wir haben lustige Namen.“ „Wir haben den jüdischen Humor.“ Und so weiter. Ab da ist klar: Ja, er darf das, weil er Jude ist. Dieses Debüt ist cool, lesens- und verschenkenswert (Chanukka war gerade aber bald ist Weihnachten). Oliver Polak wünscht sich übrigens von allen Fans: „Lesen Sie dieses Buch nicht aus schlechtem Gewissen oder politischer Korrektheit. Das wäre mir nicht recht. Kaufen Sie sich für diesen Zweck lieber ein zweites Exemplar. Das wäre in Ordnung.“

Oliver Polak (mit Jens Oliver Haas): „Ich darf das, ich bin Jude“, KiWi, 200 S., 8,95 Euro

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