Laber, dröhn…

„Das bin doch ich“. Toller Buchtitel. Als ob sich jemand selbst in der Lokalzeit entdeckt. Da, schau! Thomas Glavinic („Wie man leben soll„) hat mal wieder einen brillanten Roman geschrieben.

Ein erfolgloser Schriftsteller hat gerade sein Romanprojekt „Die Arbeit der Nacht“ abgeschlossen. Das Buch soll bald erscheinen und der Schriftsteller fällt ins künstlerische Kindbettfieber, in ein kreatives und emotionales Loch. Als hätte man einem trotzigen Kleinkind das Lieblingsspielzeug weggenommen, den Lolli aus dem Mund gerissen. Während sein Kumpel Daniel Kehlmann die Bestsellerlisten mit „Die Vermessung der Welt“ aufmischt und neueste Verkaufszahlen per SMS an sein Umfeld mitteilt, lungert der Held auf langweiligen Literaturveranstaltungen rum und ist selbst der größte Langweiler. Er ödet internationale Starautoren mit gelalltem Englisch an und wankt dann heim, um lediglich seine E-Mails zu checken, um seine Kleinfamilie zu nerven, um „Civilization“ am Rechner zu spielen, um sich selbst zu bemitleiden. Er fühlt sich krank, irgendwie.

Der Schriftsteller, von dem Thomas Glavinic in seinem aktuellen Meisterwerk erzählt, heißt: Thomas Glavinic! Vorsicht ist geboten bei hypochondrischen Helden, die wie ihr Autor heißen, den gleichen Beruf ausüben, in der selben Stadt wohnen und vermutlich genauso aussehen. Das ist wie eines dieser überkonstruierten Alibis, die am Anfang vieler Kriminalfilmermittlungen stehen. Sie schauen passgenau aus, sollen aber Verwirrung stiften, ablenken. Die Wahrscheinlichkeit ist also groß, dass die Romanfigur Thomas Glavinic wenig mit ihrem Schöpfer Thomas Glavinic gemeinsam hat, und der Schriftsteller bestätigt diesen Verdacht im Telefoninterview:

„Das ist ein Roman!“, sagt er, „das bin ich nicht.“ – „Warum dann der gleiche Name, die gleichen Freunde, der gleiche Wohnort, warum ist alles gleich?“ – „Es geht um ein Spiel.“ „Civilization“ ist übrigens nur eines dieser Spiele. Der ganze Roman besteht aus billigen, leicht lösbaren Spielsituationen. Der Witz entsteht, weil „Das bin doch ich“-Held Thomas Glavinic dennoch verliert, unverschuldet und mit Anlauf. Nimmt er ein Taxi, muss er 25 Minuten vor einer geschlossenen Bahnschranke warten, weil der nächtliche Güterverkehr just in diesem Moment abgefertigt wird. Auf Zugreisen sitzen grundsätzlich schmatzende, stinkende, nervige Mitpassagiere neben ihm. In der Autowerkstatt blamiert er sich, nachdem ein Mechaniker fragt, ob die Winterreifen mit oder ohne Felgen im Kofferraum liegen.

„Natürlich steckt da etwas an den Reifen, dieses Metallzeug, das ich als Felgen bezeichnen würde“, denkt er. „Aber wer weiß, vielleicht nennt man das eben nicht Felgen.“ Zum Romanende, „Die Arbeit der Nacht“ ist gerade erschienen, sitzt  Thomas Glavinic in einem Radiostudio und beantwortet gemeine  Zuhörerfragen. „…laber …drön… Was rede ich da?“, ermahnt er sich selbst. „Wie komme ich von diesem Blödsinn wieder runter?“ Wenn der Held wüsste, dass er im selben Moment Teil eines meisterhaften Romans ist, er würde nachsichtiger mit sich umgehen.

Thomas Glavinic: „Das bin doch ich“, Hanser, 236 Seiten, 19,90 Euro // dtv (Taschenbuch) 9,99 Euro

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