Kettcar als Klingelton? – Niemals!

Köln, ein Frühlingsabend vor Kettcars Auftritt in der Live Music Hall. Marcus Wiebusch sitzt im tiefen, schwarzen Sessel, trink Mineralwasser. Er ist Kettcar-Frontmann und einer der Labelinhaber von Grand Hotel van Cleef ( wo auch Tomte und Bernd Begemann erscheinen).

Marcus, du stehst bei den meisten Kettcar-Interviews Rede und Antwort. Siehst du dich als Sprecher der Band? Es kreist oft um die Texte. Wir haben drei Leute in der Band, die gerne Interviews geben: ich, Reimer und Erik. Aber wenn du Erik nach den Texten fragst, kriegst du etwas andere Antworten. Er muss dan abspulen, was ich ihm mit auf den Weg gegeben habe. Wir haben da auch drüber geredet, weil ich nicht alleine die Interviews machen will. Und unterm Strich wollen sehr viele Leute mit mir reden. Ich fühle mich zwar nicht als Sprecher, mache das aber ganz gerne, wenn es nicht zu viel ist, wie in den letzten Wochen, zum Teil. Zur Album-Promotion war es zum Teil gnadenlos. Da haben wir uns zu dritt aufgeteilt. Wir hatten 27 Interviews in weniger als fünf Stunden.

Beim ersten Album „Du und wieviel von deinen Freunden“ war das vermutlich noch anders. Worin unterscheiden sich für dich die beiden Alben? Das erste Album hatte einen emotionalen Kern, den es meiner Meinung nach auf dem zweiten Album nicht gibt. Es gibt politische Songs, es gibt Liebeslieder, es gibt kleine Geschichten, es gibt Quatschsongs wie Stockhausen.

Warum ist Stockhausen ein Quatschsong? Weil ich diese Story offensichtlich nicht erlebt habe und den gebrochenen Daumen von Carlos Santana habe ich auch nie besessen. Aber es sind gute Zeilen drin. Der Song arbeitet mit zwei Ebenen. In der ersten Strophe erzähle ich, auf deinem Shirt stehen Dinge, die du gerne wärst aber nicht bist, wo es um Identität und Abgrenzung geht und wie man sich selber wahrnimmt und in der zweiten Strophe erzähle ich, was das vielleicht mit uns und der Band zu tun hat. Eingebettet ist das Ganze in der Geschichte, dass ich mit den Menschen, die am weitesten von mir weg sind, auf finanzieller und auch künstlerischer Ebene, auf der einen Seite Bill Gates und auf der anderen Seite Karl Heinz Stockhausen, dass ich mich mit denen im Fahrstuhl treffe.

Warum sind Stockhausen und Gates so weit von dir entfernt? Bill Gates ist ja offensichtlich und Karl Heinz Stockhausen verfolgte einen ganz anderen Ansatz von Kunst, als wir. Wir sind Kinder englischer Popmusik. Wir schreiben nur Popsongs. Was anderes können wir nicht, was anderes wollen wir nicht. Wir sind eingebettet in ganz pfiffige Texte, aber Stockhausen, also diese reelle Musik, der Erfinder elektronischer Musik zu sein, das ist halt das Ding. Und ich weiß das deshalb, weil ich das damals im Musikunterricht durchnehmen musste und die Musik kannst du dir nicht anhören, auf den haben sich Kraftwerk bezogen und das ist wahnsinnig weit weg von meinem Kunstverständnis.

Möchtest du nichts erfinden? Wenn du 36 Jahre bist, 20 Jahren dabei, dann weißt du, welche Karten du in deinem Leben in die Hand gekriegt hast und dann weißt du auch, dass du nicht mehr Radiohead wirst. Aber ich weiß, dass ich ziemlich einzigartige Texte schreiben kann, dass das der Schlüssel zum Kettcar-Erfolg ist, und dass ich Popsongs liebe, die Einfachheit, auch das Stumpfe und ich werde den Teufel tun, um jetzt irgendetwas neues zu tun. Die Leute können mich noch so sehr kritisieren, das vom ersten zum zweiten Album nichts passiert. Aber die textliche Latte, die ich da vorgelegt habe, die muss man erst mal überschreiten. Ich bin ein guter Texter und auf dem dritten Album, das kann ich jetzt schon sagen, wird musikalisch auch wieder nichts passieren. Aber textlich werden es wahrscheinlich die besten Texte dieses Landes werden, hoffe ich, arbeite ich hart dran, damit es passiert.

Brauchst du die Musik für deine Texte? Es hilft natürlich auch. Wen ich einen Text wie „Im Taxi weinen“ habe, kann ich die Musik runterknüppeln, dann weiß ich, der Song funktioniert über den Text, über eine bestimmte Melancholie. Das ist ja ein Singer-Songwriter-Song. Guck dir den Conor Oberst von Bright Eyes an, der macht das auch oft oder einen Bob Dylan.

Ist das ein Textbasteln? Gibt es einen Urtext, den du dann verdichtest? Du hast viele intertextuelle Bezüge, bis hin zu Monty Pythons… Mal so, mal so. Auf der neuen Platte habe ich unterschiedliche Textkonzepte verfolgt, wie bei „Einer“, wo ich nur Sachen aufzähle, denen man die Schuld gibt, Counterstrike, Markus Merck, MP3s. Oder ich erzähle kleine, narrative Geschichten, wie „48 Stunden“, vergleichbar mit „Balkon gegenüber“ auf der ersten Platte. Dann gibt es lyrische Texte, wo ich nur einen starken Satz habe. Ich habe immer mein kleines Büchlein dabei, da schreibe ich eine Idee sofort rein…

Wie Paul Auster und sein rotes Notizbuch. Ja, ich habe mal gehört, dass das ziemlich viele Leute machen. Auch im HipHop ist das ziemlich verbreitet.

Sind das die starken Sätze, die du hörst, aus der Wirklichkeit? Wie du siehst, ich klaue sehr oft. Wie beim „Leben des Brian“, hier geht‘s zur Kreuzigung und jeder bitte nur ein Kreuz. Ich weiß nicht, wie mir das in den Sinn kommt, aber wenn es passt, nehme ich es rein. „Ich danke der Academy“ ist aus Fightclub, das habe ich sofort in mein Büchlein geschrieben – der Rest ist Geschichte. Da denke ich mir, wie wir alle Rollen spielen, uns geht es dreckig, wir gehen nach draußen und versuchen, unsere Rolle aufrecht zu erhalten. Aber im Grunde genommen möchten wir eine Pumpgun nehmen oder wir sind so am Ende, das wir am liebsten was kaputt hauen würden.

Kettcar wird niemals Radiohead. Euer Neuzugang beim Grand Hotel, Altmeister Bernd Begemann, ist sich gleiches bewusst. Ihr ward gemeinsam auf Tour. Gibt es Ähnlichkeiten? In jüngeren Jahren war für mich unter anderem Bernd Begemann State of the Art was deutschsprachige Texte angeht. Seine ersten Soloalben „Rezession, Baby!“ und „Solange die Rasenmäher singen“, haben schon großen Einfluss auf mich gehabt. Ich glaube er spürt, dass er zum viel,viel früheren Zeitpunkt sehr sehr viele Sachen in deutscher Sprache angeschoben hat, auch mit „Die Antwort“, seiner ersten Band. Er ist der Godfather of deutsches Songwriting. Ich wünschte, er würde mehr Popularität kriegen. Die Konzerte mit uns waren Triumphzüge und Bernd hat alles vom Leder gezogen. Leider hat er sich verschleudert, in den letzen Jahren, zu viele Alben veröffentlicht.

Wie verhindert Kettcar, sich zu verschleudern? Wir machen alle zwei Jahre eine Platte, wo du die besten elf Songs hast, die du schreiben kannst. Zwei Jahre ist eine lange Zeit, wir haben dann vierzehn, fünfzehn Songs, von denen wir vier wegschmeißen.

Hast du die Ruhe, weil du auf deinem eigenen Label veröffentlichst? Klar. Mir erzählt niemand irgendwas. Das ist sehr, sehr angenehm. Es gab eine kleine Geschichte, als wir das erste Album rausbrachten. Wir hatten Gespräche mit größeren Plattenfirmen und die haben sich „Balkon gegenüber“ angehört und gesagt, das ist ja richtig geil, das ist voll der gute Song, aber da muss noch ein zweiter Refrain rein, das ist dir klar, Markus, ja? Notfalls musst du das, was du am Ende machst, noch mal singen Da habe ich gesagt: Nee, ihr hört doch wie der Song ist, da muss nichts noch mal hin. Dann kommt das Totschlagargument, so kannst du das nicht im Radio spielen, bla, bla, bla. Wenn du es selber machst, hast du die absolute Freiheit. Den solche Leute bei großen Plattenfirmen, die ticken dann auch so: ich möchte, dass du den Song schreibst, dass wir ihn verwerten können. Du sagst: mache ich nicht. Und dann lassen sie dich fallen. Das ist der Mechanismus, weil du nicht in ihr Popmuster reinpasst. „Balkon gegenüber“ ist so, wie ich ihn geschrieben habe, richtig. So ist es bei der neuen Platte auch. „48 Stunden“, unsere erste Single, hat auch keinen Refrain und wir haben ihn ausgekoppelt als erste Single. Wir glauben nicht, dass eine Major-Firma „Deiche“ als zweite Single ausgekoppelt hätte, das wäre denen viel zu riskant. Funktioniert ja auch nicht im Mainstream-Radio, da haben wir im Grunde keine Chance.

Kettcar als Klingelton wird es demnach auch nicht geben? Nein, Niemals.

Gab es schon Angebote? Na klar, wir waren mit der Single in den Charts und dann kam Jamba an, das muss man sich mal vorstellen und dann haben die uns ein MP3 geschickt und das war ganz schlimm. Die ganze Geschichte ist gnadenlos. Die Kids haben offensichtlich keinerlei Bezug mehr zu Songs oder dem Wert eines Songs. Für die ist eine 15-sekündige Sequenz irgendwie mehr wert. Jamba verdient sich ja dumm und dusselig.

Ihr wollt die jungen Leute auch nicht mehr abholen? Nee. Also, die Klingeltonleute, die sind verloren. Da geht gar nichts mehr. Ich wüsste jedenfalls nicht, wie man das Rad je zurückdrehen sollte. Die haben Musik entwertet, für immer. Da bin ich auch völlig hoffnungslos. Und diese ganze Entwertung ist natürlich Major-gesteuert. Du musst also quartalsmäßig irgendwelche Hypes aufbauen, einmal kurz rein in den Markt, abzocken, abzocken, abzocken, einmal kurz raus aus dem Markt. Wie soll ein 15-jähriger Fan von O-Town oder wie die Boyband of the week gerade heißt, eine Beziehung zu denen aufbauen? Der fühlt sich einmal kurz hochgeschaukelt, kauft sich das O-Town-Album, von der Band hörst du nie wieder was, die Beziehung kann nicht aufgebaut werden und der Fan denkt, warum habe ich jetzt eigentlich 14 Euro ausgegeben, ich kann mir das auch bei meinem Kumpel brennen. Trotzdem geben die ganz ganz viel Geld für Klingeltöne aus. Das liegt meiner Meinung nach daran, weil sie zum Klingelton einen höheren emotionalen Bezug haben, weil sie angeben können damit, auf dem Schulhof, da können die zeigen, das ist real, das ist immer witzig, was Neues, spritzig, up to date. O-Town gibt es heutzutage nicht mehr. Und Kettcar hören sie nicht.

Welche anderen Wege wollt ihr dann geben, um etwas dagegen zu setzen? Wir arbeiten hart daran, um keine Ausschusssongs auf Alben zu  haben. Und: liebevolle Aufmachung, Präsenz zeigen. Wir touren regelmäßig. Wir sind immer da. Wir sind auch nicht übertrieben arrogant zu den Fans, haben keine übertrieben hohen Eintrittspreise, all so was. Wie Musik eben funktionieren sollte, eine normale Beziehung zu jedem Menschen aufbauen. Da sind wir nicht alleine. Es gibt Bands wie „Wir sind Helden“, die machen das ähnlich. Ganz normal seine Musik anbieten und keinen Quatsch mit machen, auch keinen unglaubwürdigen Supergau hinlegen. Das erwarten unsere Fans auch, dass Kettcar eine Band ist, auf die man sich in letzter Konsequenz verlassen kann.

Beitragsbild: Ben Kriemann/Wikipedia

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