Interview: „Auf das Archiv kann jeder zugreifen“

Seit zwei Monaten wir LesenMitLinks archiviert von „DILIMAG“ (eben hier), der Sammlung von digitalen Literaturmagazinen. Das Archiv geht zurück auf ein vom österreichischen Forschungsfonds (FWF) gefördertes Projekt, das vom 1. März 2007 bis 23. Dezember 2010 am Innsbrucker Zeitungsarchiv durchgeführt wurde. Ziel dieses Projekts war es unter anderem, die technischen und dokumentarischen Voraussetzungen zu erforschen und Erfahrungen zu sammeln, die den Aufbau eines langfristigen Webarchivs im Bereich der Literaturvermittlung und Literaturkritik ermöglichen sollten. Projektleiterin Renate Giacomuzzi (im Beitragsbild links unten) hat via E-Mail einige Fragen beantwortet.

Welche Kriterien setzten Sie für die Aufnahme eines Literaturblogs in Ihr Archiv? Dafür gibt es klare Vorgaben. Die “Lebensdauer“ des Blogs muss mindestens ein halbes Jahr umfassen, in der die Website periodisch mit neuen Inhalten auftritt, oder es muss eine „Wirkung“ festgestellt werden, die sich anhand von Verweisen und Zitaten in anderen Publikationsorganen nachweisen lässt. Eine Website kann aber auch ausgewählt werden aufgrund ihrer thematischen Relevanz, die sich durch eine thematische oder formale Mediensensibilität nachweisen lässt, also beispielsweise durch einen Schwerpunkt auf Netzliteratur oder einen innovativen Einsatz technischer Anwendungen.

Welche Blogs scheiden demnach aus? Im Zweifelsfall gilt: in dubio pro reo. Online-Varianten von in Printform veröffentlichten Magazinen scheiden aus, außer es handelt sich um inhaltlich eigenständige und unterschiedliche Versionen. Die Differenzierung zwischen „born online“ und original in Printform erscheinenden Publikationsorganen ist deshalb von grundsätzlicher Bedeutung für dieses Projekt, weil es darum geht, einen Bereich des gegenwärtigen Literaturbetriebes zu erhalten und zu dokumentieren, der genuin im Internet entstanden ist und aufgrund der dem Netz und den digitalen Medien inhärenten „Vergänglichkeit“ droht, für die Nachwelt unwiederbringlich verloren zu gehen.

Werden irgendwann alle Blogs Teil des Archivs sein? Es ist klar, dass wir nur einen Bruchteil erfassen können. Aber wir bemühen uns weiterhin, die Sammlung so weiterzuführen, dass thematisch relevante und auch inhaltlich wie formal innovative Quellen erfasst werden. Dabei sind wir natürlich auch auf die Mitarbeit der Herausgeber angewiesen, die eine Einverständniserklärung abgeben müssen.


Gerade wird diskutiert über diesen Beitrag von Buchbloggerin Caterina Kirsten. Darin schreibt sie, absichtlich polemisch: „Die meisten Blogger wollen keine Literaturkritiker sein.“ Braucht es dann eine Archivierung dieser Texte?
Als Teilbestand der Sammlung des Innsbrucker Zeitungsarchivs folgen wir bei der Auswahl den Richtlinien des Archivs, soweit dies möglich und sinnvoll ist. Das heißt konkret, dass wir unser Hauptaugenmerk auf Literaturkritik richten, die die Funktion professioneller Literaturkritik erfüllt. Sogenannte Laienblogs haben, wie Caterina Kirsten völlig richtig schreibt, eine völlig andere Funktion – sie ergänzen die professionelle Kritik, indem sie bewusst genau das tun, was diese nicht kann und darf. Allerdings verschwimmen die Grenzen zwischen Leser- oder Hobbykritik und professioneller Kritik zunehmend, unter anderem dadurch bedingt, dass die ‚Laien‘ sich professionalisieren und umgekehrt die ‚Professionellen‘ sich auch gerne als normale Leser zeigen bzw. im Netz sich persönlichere Urteile erlauben als im Feuilleton. Beispiele wären das Blog von Uwe Wittstock, aber auch das eher neue Phänomen des Verlagsblogs – siehe das Blog „Hundertvierzehn“  von S. Fischer. Ich denke, das hat vor allem mit einem Phänomen zu tun, das man als ‚Clash of Media‘ bezeichnen könnte. Die ‚alten‘ Medien leiden unter Autoritätsverlust, die Hierarchien und Machtpositionen erodieren – davon profitieren die ‚Neuen‘. Auf diesem Hintergrund ist auch das öffentliche Bekenntnis von Ijoma Mangold zu Debattenkultur auf Facebook zu sehen.


„We read Indie“, an dem Caterina Kirsten beteiligt ist, wird aber auch archiviert? Selbstverständlich. Auf die Frage von Frau Kirsten, ob dieses Blog wirklich die Aufnahmekriterien unserer Sammlung erfüllen würde, war meine Antwort: „Wir suchen und sammeln Quellen, die im Bereich der Literaturkritik relevant sind und sind natürlich auch an neuen Formen interessiert.“ Es wäre unsinnig an starren Kriterien bei einem Medium festzuhalten, das die Möglichkeit der Veränderung per se in sich hat. Welche Rolle Leserbewertungen im gegenwärtigen Literaturbetrieb spielen, zeigt beispielsweise das Projekt Rezi-Suche. Im literarischen Feld spielen nun einfach mehr Spieler mit als in den ’nationalen Teams‘ vorgesehen waren. Und damit ändern sich auch die Spielregeln.

Wie bewerten Sie die Aussagen von Caterina Kirsten? Ein wichtiger Punkt, den Kirsten erwähnt, ist die Heterogenität der Literaturblogs. Pauschalurteile machen hier also wenig Sinn, außer vielleicht die wirklich pauschal zutreffende Beobachtung, dass Nischenbildung und Spezialisierung in allen Bereichen zunimmt, das spezialisierte (= gute) Information erreicht nicht mehr alle – Publizität als Grundpfeiler von Informationsmedien ist damit grundsätzlich in Frage gestellt.

UnknownWer kann DILIMAG nutzen? Gibt es Beschränkungen? Auf das Archiv kann jeder/jede zugreifen. Nur bei den Quellen mit „beschränktem Zugang“ muss im Archiv um Erlaubnis angesucht werden, die Quellen für Forschungs- und Bildungszwecke nutzen  zu dürfen. Die Sammlung von Autorenhomepages dient derzeit als Quellenmaterial für zwei Dissertationen (eine bei uns an der Uni Innsbruck, eine in Göttingen). Ich selbst habe unter anderem eine Arbeit zu Literaturmagazinen im Netz veröffentlicht. Weiters arbeiten wir mit dem Netzliteraturprojekt am DLA Marbach zusammen (durch einen Austausch von Links bei identen Quellen) und vor allem durch den Austausch von Erfahrungen im technischen und dokumentarischen Bereich.

Was ist der Nutzen dieses Archivs? Jeder kann im Netz auf die Suche gehen. Ein wirklicher ‚Nutzen‘ (und damit auch Nutzung) wird aus dem DILIMAG-Archiv erst dann zu erwarten sein, wenn Quellen nicht mehr zur Verfügung stehen oder Entwicklungen nur mehr über die Quellen rekonstruierbar sind. Das wird vermutlich noch eine Weile dauern…

Wird das Internet nun komplett in verschiedenen Archiven gesichert? Das Internet wird nur sehr bruchstückhaft archiviert, obwohl das Internet Archive in San Francisco seit 1996 systematisch versucht, so viele Quellen wie möglich zu erfassen. Seit einiger Zeit bietet es auch die Zusammenarbeit mit einzelnen Institutionen an, die themenbezogene Sammlungen ‚händisch‘ betreuen. Auch wir arbeiten in dieser Form mit dem Internet Archive zusammen, wovon wir in technischer Hinsicht sehr profitieren. Die vom Internet Archive gesammelten Quellen werden auf verschiedenen Servern gelagert (weltweit verstreut, z.B. auch in Ägypten und in Amsterdam). Grundsätzlich wird das Internet aber von sehr vielen Institutionen und Archiven (Nationalbibliotheken und eben z.B. auch das DLA Marbach) archiviert, was auch gut ist, denn nur so ist es möglich, dass tatsächlich etwas in Zukunft erhalten bleibt. Die Spiegelungen sind ja häufig nur lückenhaft, weil nicht jeder Crawl alle Tiefen einer Website erfasst. Parallel ausgeführte Archivierungen können solche Lücken minimieren.

Werden die Seiten auch ausgedruckt? Ausdrucken? Hypertexte sind Hypertexte…. Wie das Internet aussieht, wenn man es ausdruckt, hat Kenneth Goldsmith hier anschaulich vorgeführt.

Kann es denn nicht sein, dass man ohne Papierausdrucke irgendwann nur noch Datenmüll vorliegen hat? Müll gibt es nur dann, wenn es keine geeigneten Suchinstrumente gibt. Gerade deshalb liegen viele Quellen scheintot im Internet herum, weil eben nicht alles gefunden werden kann. Aber vielleicht ist das das kleinere Problem, wie es uns ja Edward Snowden gezeigt hat.

4 thoughts on “Interview: „Auf das Archiv kann jeder zugreifen“

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