Rezension: Straight Edge/straight wech

Die Feine Art des Trinkens: Mit ihrem bizarr-unterhaltsamen Alkoholicabuch laden Tino Hanekamp, Anselm Lenz und Alvaro Rodrigo Piña Orey zum großen Gelage.

„In Spanien soll eine Affenkolonie leben, die mit besonderer Vorliebe Touristen um ihre Bier-Reserven und Spirituosen-Depots erleichtert. Innerhalb dieser kleinmaßstablichen Affengesellschaft genießen angeblich wiederum diejenigen Affen die größte Anerkennung ihrer Artgenossen, die die größte Menge Alkohol vertragen.“ Der Philosoph Fashim Amir begeistert mit seinem Essay „Eingelegt – über Tiere und Alkohol“, steuert diese grandiose „urban legend“ bei und adelt den ohnehin sehr feinsinnigen Band über „Das Ende der Enthaltsamkeit“. Was klingt wie das Motto von Nucky Thompsons Prohibitionssausen aus „Boardwalk Empire“, ist eher der „Beginn des Betrinkens“. Der Untertitel verspricht, hier werde „über Bars, Cocktails, Selbstermächtigung und die Schönheit des Niedergangs“ parliert. Doch was in goldenen Lettern auf edlem Leinen daherkommt als die „7 Zirkel des Golem“, einer geheimen Geheimgesellschaft des gleichnamigen Hamburger Szeneetablissements, ist nicht einfach nur Gold, sondern vor allem: wild.

Stars wie Tino Hanekamp („Sowas von da“), Heinz Strunk („Fleisch ist mein Gemüse“), Tocotronic-Frontmann Dirk von Lowtzow und Zombie-Spezialist Georg Seeßlen („Wir Untote!“) steuern Hochprozentiges bei und schreiben Bierdunst-Einakter, erklären nochmal das „Strunk-Prinzip“, das wirkt, als sei es auf einem feuchten Bierdeckel nachts um halb drei niedergeschrieben worden, und ein Bartender weigert sich Wodka-Bull zu mixen, was man durchaus als neues Qualitätskriterium für Cocktailbars gelten lassen könnte. Durcheinander wie die Welt im Zech-Drehschwindel erscheint einem auch dieses Buch. Es gibt kurze Erläuterungen zu den wichtigsten Alkoholika wie Bier, Wein, Wodka, Rum, dazu thematisch mal sortierte, dann wieder wahllos eingereihte Texte unterschiedlicher Genre und Gattung. Da scheitert ein Alkoholiker an einem Bühnenmonolog, in dem er Jan Delay und einen Talkmaster gleichzeitig geben will. Dirk von Lowtzow bietet einen angeheiterten Liebesgesang, und ein Brandstifter besäuft sich vor der Tat bis zur Schuldunfähigkeitsgrenze.

Das alles reicht in seiner stark gespriteten Zombie- oder Sex on the Beach-Mischung locker für ein Brevier. Aber das größte Ereignis kommt vor den abschließenden, behutsam erläuterten Cocktailrezepten, nämlich die Anleitung zur „Ausstattung und Einrichtung des heimischen Saufkabinetts“. Alvaro Rodrigo Piña Orey empfiehlt unter anderem: ein Speibecken im Badezimmer (auch Vomitarium oder in protestantischen Gebieten „Papst“ genannt). Dazu kommen Ohrensessel, gedimmtes Licht und als Klassiker dekadenter Lebensart: die behäbige Schildkröte, „deren Panzer vergoldet und mit Smaragden, Saphiren, ordinären Diamanten und anderen Edelsteinen kunstfertig verziert“ ist.

Wer mehr wissen mag, der schlägt später bei Joris-Karl Huysmans „Gegen den Strich“ von 1884 nach, denn eben da lebt die erste dieser Schildkröten, und wandert träge über einen Orientteppich, verändert mit ihrem Gang und dem edelsteinbesetzten Panzer stetig das Ornament, auf dass dem Betrachter und Trinker im Kabinett der Anblick niemals müde wird. Man möchte sowieso vielem mehr über das Feiern und Ausgelassen-Sein lesen, nachdem „Das Ende der Enthaltsamkeit“ erreicht ist. Verdreht, abwechslungsreich, auf dem Kopf stehend und mit viel swag kommen die „7 Zirkel des Golem“ daher. Wie Sekt, der niemals aufhört zu perlen.

Anselm Lenz, Tino Hanekamp, Alvaro Rodrigo Piña Orey: „Das Ende der Enthaltsamkeit“, Nautilus, 272 Seiten, 19,90 Euro

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