Rezension: In der Ausnüchterungszelle

Crash, Boom, Bang: Lucy Frickes Debütroman „Durst ist schlimmer als Heimweh“ sprengt das Leben. Eine junge Frau flüchtet sich nach ihrer erbarmungswürdigen Horrorkindheit in eine staatlich betreute WG. Aber das gute Leben wartet woanders.

Judith hat sich in ihrem jungen Leben immer nur das Eine gewünscht: Eine offene Tür zum Wegrennen. Sie wurde vom Vater missbraucht. Ihre Mutter hat sie allein gelassen. Die Lehrer ließen die Oberstufenschülerin durchs „soziale Netz“ fallen. Nun steht sie auf der Straße. Judith ist raus. Doch vorm freien Fall kommt diese Wohngemeinschaft, wo es ausnahmsweise keine Waffen, keine Drogen, dafür warmes Essen und ein Hochbett gibt. In jeder Stadt findet man diese Einrichtungen vom Jugendamt und in dieser hier wohnen neben Judith die beiden Betreuer Tina und Bernd, der debile Mirko, der lebensmüde Hartmut und Ella, die bald zur engsten Freundin wird.

Behaglich wird es deshalb nicht. In diesem Roman fliegen Fetzen und Fäuste, bluten Mädchenmünder, klopft die Polizei immer wieder an die Tür, liegt man nachts mal unter Sternen und dann wieder in der weiß gekachelten Ausnüchterungszelle. Die zarte Judith steht dazwischen, eine Gefallene wie alle hier. Besserung bedeutet in ihrer trostlosen Vergangenheit, dass Papa sie irgendwann bloß von hinten nimmt. So muss sie wenigstens sein Gesicht nicht sehen.

Ihren Schmerz bekämpft das Mädchen auch in der WG, mit Klingen und Scherben. Sie ist eine Ritzerin. Und wenn das Blut nicht hilft, dann übergibt sie sich, immer wieder, kotzt ihren Weltekel aus. An anderen Tagen helfen Drogen, mit Sex bezahlt, ausnahmsweise. Aber „mit Ausnahmen hat noch jeder Scheiß angefangen“, sagt Ella und hat natürlich recht. Wenn Judith sich „wie ein Mädchen“ fühlen will, dann kauft sie roten Martini an der Tankstelle, weil der wenigstens süß schmeckt. Es gibt tollpatschige Verehrer und dann wieder Penner im Fahrstuhl, die ihr ungeniert auf die Füße pissen. Judiths Leben bleibt bitter und rutscht Seite für Seite ab. Das hier ist große Literatur zum Anschnallen.

Lucy Fricke wurde 1974 in Hamburg geboren und hat am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert. Dort lernen angehende Autoren, wie literarische Texte geschrieben werden. Franziska Gerstenberg („Wie viel Vögel“), Tobias Hülswitt („Saga“), Juli Zeh („Spieltrieb“) und Clemens Meyer („Als wir träumten“) haben ebenfalls dort studiert. In Hildesheim gibt es eine ähnliche Einrichtung, die zum Beispiel Paul Brodowsky („Milch Holz Katzen“) den Suhrkamp-Weg geebnet hat.

Seit Jahren tobt eine Feuilletondebatte über diese Genie-Lehrlinge. Einigen wird Blutarmut, Karrieretexten, ein übertriebener Kunstwille unterstellt. Oft klingt das wie eine Pauschalverurteilung. Warum eigentlich? Juli Zeh schreibt ambitionierte, kluge Metapher-Romane und gilt längst als Stern vieler Deutsch-LK-Schülerinnen. Mädchen wie Franziska Gerstenberg träumen sich in zartblasse Digicam-Momente. Paul Brodowsky hat schöne, flirrende Miniaturen über „Kirschen essen“ und „Türfarben“ verfasst. Realisten wie Clemens Meyer und jetzt auch Lucy Fricke reißen mit dem Schaufelbagger tiefe Löcher in den Stadtasphalt und sind einach nur begeisterungswürdig. Was haben sie gemeinsam? Wenig. Was haben sie zu sagen? Eine Menge. Und Lucy Fricke ist ihre Heldin. Wirklich!

Lucy Fricke: „Durst ist schlimmer als Heimweh“, 192 Seiten, Piper, 16,90 Euro

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