Der unsichtbare Flur

Mark Z. Danielewski zeigt in seinem grandiosen Debütroman „Das Haus.  House Of Leaves“, wie unheimlich ein Heim sein kann. Auf vier Erzählebenen geht es um einen mysteriösen, dunklen und von außen unsichtbaren Flur, der hinter der Tapete aufgetaucht ist.

Der blinde Autor Zampanò schreibt über Filme von Will Navidson, die verstörend an David Lynch erinnern und nur ein Thema haben: den Flur. Zampanò wird zu Beginn bereits tot inmitten seiner Aufzeichnungen  aufgefunden und erwacht erst unter den Händen von Johnny Truant zu  neuem Leben. Truant (darin steckt das Wort „truth“, also „Wahrheit“)  findet die Aufzeichnungen und leitet sie bearbeitet an einen Herausgeber weiter, mit unzähligen Fußnoten, Bildern, Literaturangaben versehen, als 800seitiges Dokumentenungetüm. Dieses Werk kommt dann als düstere Schauergeschichte über den plötzlich gefundenen, unwahrscheinlich riesigen Flur. Es berichtet von Zampanòs stetig wachsendem Wahnsinn, vom immer weiter fortschreitenden Ich-Verlust des Editors Johnny Truants. Das Werk verhandelt Geheimnisse, stellt Rätsel, zeigt Ungeheuer und Ungeheuerlichkeiten, es nimmt einem die Luft zum Atmen.

Vier Ebenen kommen hier zusammen: Die Ebene „Will Navidson“, der in einem Videotagebuch seine Erlebnisse mit dem neuen Haus und diesem unheimlichen, von einem Ungeheuer bewohnten Flur dokumentiert. Dann gibt es die zweite Ebene „Zampanò“, mit dem blinden Archivar der, obwohl er nicht sehen kann, alles zu Navidsons Videoaufzeichnungen wie manisch sammelt und akribisch kommentiert, sortiert, verknüpft. Auf der dritten Ebene ist Johnny Truant, der in einem Tattoostudio arbeitet, während er in der Freizeit Zampanòs Aufzeichnungen zusammenstellt, um sie für die vierte Ebene, die das ganze Werk umfasst, an einen Herausgeber weiterzuleiten, der das bearbeitete Material neu sichtet, ergänzt, kommentiert. Üblicherweise sind Geschichten linear erzählt, es gibt „Anfang, Mitte, Schluss“. Hier ist es anderes, eben weil eine Menge montiert wird, so viele Geschichten über- und nebeneinander stehen. Sie stehen mal in Spiegelschrift da oder als einziges Wort auf einer ansonsten leeren Seite, sie stehen in typographisch abgesetzten Randbemerkungen, als Fußnote und Kommentar, manchmal durch Fotos und Zeichnungen, fingierte Interviewtranskripte, Briefabschriften et cetera ergänzt.

Das ist Reizüberflutung und Lektürewahnsinn! Man fühlt sich wie Navidson, der im Flur einmal nach unten wandert, sich irgendwann um 180 Grad dreht und trotzdem wieder abwärts geht, als befände er sich in einem labyrinthischen Gebäude des Illusionsgrafikers M. C. Escher. Jeder Weg führt hinab. Und weil es dunkel ist wissen wir nicht, welche Richtung zum rettenden Ausgang führt. Da hilft nur eines: rufen. Sie sind verschwunden in diesem Flur, dessen Funktion bis zum Ende unklar ist. Anscheinend haust ein Ungeheuer in ihm. Und nach allen physikalischen Berechnungen muss er größer als die Erde sein. Er ist schwarz und verschluckt jeden, der ihn betritt. Er ist von außen unsichtbar und nur durch eine Tür betretbar. Er atmet und kommuniziert. Er kann töten und heilen. Er ist ein Labyrinth und als dieses auch ein riesiges, unlösbares Rätsel. Der Flur ist mystisch, nicht von dieser Welt und doch in ihr enthalten. Er ist einfach da, wie Gott – oder wie der schwarze Monolith in Stanley Kubricks genialem Science-Fiction-Film „2001“. Man muss sich nicht schämen: „Das Haus. House Of Leaves“ öffnet sich nicht nach allen Seiten und ist beim ersten Lesen keinesfalls komplett erschlossen. Er bleibt ein Geheimnis. Wie dieser Flur. Aber es gibt Türen, durch die man gehen kann.

Das Ganze klingt zugegebenermaßen sehr sperrig, kompliziert und anstrengend. Ist es nicht viel schöner, eine nette, in einfachem Blocksatz gesetzte, von A nach B erzählende Story durchzulesen, anstatt in diesem Collagen-Ungetüm unterzugehen? Zumal es mit einem Gewicht von 1,5 kg in keine Bahn oder Badewanne mitgenommen werden sollte, weil man es nicht in den Händen halten kann – was die Lektüre um einiges aufwendiger gestaltet. Nun, es ist schöner! Es ist besser als der Rest! Es ist modern, spannend, hip und Pop. Denn auf geheimnisvolle Art und Weise kann man „Das Haus. House Of Leaves“ ganz entspannt genießen, sich verzaubern, erschrecken, berühren, verstören lassen. Es ist, bei aller Komplexität, nicht schwierig geschrieben. Wenn doch mal Fragen auftauchen: Im Internet gibt es Foren, die seit Jahren von begeisterten Fans gefüttert werden und die etliche Themen zum Buch diskutieren – eine Rezension kann unmöglich die Vielschichtigkeit dieses Jahrhundertwerks angemessen würdigen. Wer sich mit Mark Z. Danielewski beschäftigt, der ist, wie bei jedem Meisterwerk, nicht allein, sondern automatisch Teil einer weltweiten Gemeinschaft, die sich untereinander austauscht, miteinander kommuniziert – und trotz akribischer Recherchen, Erklärungsansätzen und Zitat-Zurufen die Aura von „Das Haus. House Of Leaves“ nicht einmal ankratzt. Dank solcher Bücher existieren komplette Religionen.

Mark Z. Danielewski: „Das Haus. House of Leaves“, übersetzt von Christa Schuenke, Klett-Cotta, 798 Seiten, 29,95 Euro

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