Rezension: Hammer ohne Thor

Im Spätsommer 1904 ereignete sich auf einem unbebauten Grundstück in New York folgende Tragödie: Der US-Athlet Simon Gillis bereitete sich im Training für einen extralangen Hammerwurf vor, schleuderte nach mehreren Drehungen sein 7,26 Kilogramm schweres Sportgerät in den Himmel und verletzte, viele, viele Meter weiter, und selbstverständlich vollkommen unbeabsichtigt, den 14-jährigen Christian Koehler, der über einen Zaun gestiegen war, um seinen entwischten Baseball zurückzuholen. Die beschleunigte Eisenkugel traf den Kopf des Jungen mit voller Wucht. Er war sofort tot.

Wer nach dieser Geschichte weiterhin glaubt, Leichtathletik sei eine harmlose Sportart, der sollte den Roman „Möller“ lesen, geschrieben vom ehemaligen Weltklasse-Hochspringer Paul Frommeyer aus Ibbenbühren. Der 54-jährige Westfale beschreibt den absolut gefährlichen, Blut, Schweiß und Tränen fordernden Erfolgsweg des fiktiven Hammerwerfers Gerald Möller, ausgehend von den Kreismeisterschaften als Elfjähriger bis zum Olympiafinale in Athen 2004. 250 Seiten braucht Frommeyer, um eine fremde Szene zu skizzieren, in der eine kleine Verletzung das Leben 130 Kilogramm mächtiger Kerls zerstören kann, in der ganz klar gilt: „Dabeisein ist nichts.“ Möller, dessen Mutter früh stirbt, wächst in einer Männerwelt auf, zwischen den breitbeinigen Machosprüchen anderer Sportskameraden, den Vorwürfen seines vernachlässigten Mädchens (Training geht vor!) und den absolut fremden Literaturexkursen seines Bundestrainers, der Goethe zitiert, wenn er Goldmedaillen meint. Möller ist permanent überfordert – trotz Rekorden, Siegen, Medaillen, Applaus.

Er irrt suchend durch eine Welt, die sich auf Sportplätzen abspielt, in Trainingslagern, Umkleidekabinen, Mixed-Zones und Call-Rooms, in den Toiletten der Dopingkontrolleure, auf den abseits gelegenen Wurfwiesen. Nicht immer dürfen Hammerwerfer im Stadion auftreten. Sie bleiben eine Gefahr. Schließlich könnten Läufer auf der Tartanbahn getroffen werden. Es ist ein Leben im Abseits. Und damit nicht exakt die Erinnerung von Paul Frommeyer, der in der ewigen Hochsprung-Bestenliste des Deutschen Leichtathletik Verbandes immer noch auch Platz sechs gelistet wird – hinter Helden wie Europameister Carlo Thränhardt und Olympiasieger Dietmar Mögenburg.

Frommeyer kommt zwar wie sein Held auch aus der Provinz. Aber er wurde auf keinen Nebenplatz verbannt, sondern stand im Rampenlicht zu einer Zeit, als der deutsche Hochsprung stark war wie nie davor oder danach. Leichtathleten waren Anfang der Achtziger Stars und Frommeyer, Deutscher Rekordhalter in der Jugend, gehörte dazu.1983 nahm er an den Weltmeisterschaften teil und war mit 2,34 Metern Dritter der Weltrangliste. Nur für die Olympischen Spiele reichte es ein Jahr später nicht. Frommeyer hängte, nach eigenen Angaben „viel zu früh“ den Sport an den Nagel und eröffnete, zur Hochzeit der Aerobic-Welle, ein Fitnessstudio in Ibbenbühren. „Startkapital war mein Name.“ Das ging vier Jahre gut, in der Frommeyer seine Kenntnisse als studierter Sporttrainer umsetzen konnte. Doch am Ende stand die Pleite und, neues Spiel, neues Glück, der Weg ins Schreiberleben, als freier Sportjournalist. – Eine Geschichte, die klingt wie ein Hochsprungwettbewerb – zweimal die Latte gerissen. Doch beim dritten Mal knapp übersprungen.

In der Literatur fand Frommeyer eine neue Leidenschaft. „Mich faszinieren die großen Monomanen“, sagt er heute, „Thomas Bernhard, Wolfgang Koeppen, Gottfried Benn.“ Sein Hammerwurf-Held Möller wird sich nach der Karriere eine wesentlich gefährlichere Leidenschaft zulegen: das Fliegen. Er kauft sich eine Cessna und steigt überm Ruhrgebiet auf, erhebt sich, wie damals als Hochspringer, über die Welt. „Manchmal glaube ich, dich zieht alles magisch an, was irgendwie weltabgewandt ist“, wird Möllers Freundin an einem der letzten Tage ihrer Beziehung sagen. „Der Leistungssport ist ja doch irgendwie eine Parallelwelt, wie es heute immer so schön heißt. Und jetzt das Fliegen. Da ist ja ganz direkt die Weltentfernung die eigentliche Sache. Irgendwie passt das zu dir, meine ich. Das bist du ja auch ganz authentisch, aber verdammt noch mal, es gibt doch irgendwann auch die ganz bodennahen Angelegenheiten, dies kleine Glück der Normalität.“ Möller wird nicht verstehen, was ihm seine Verlobte damit sagen will.

Denn ebenso wie viele Soldaten nach dem Auslandseinsatz schwer ins Alltagsleben zurückfinden, so irrt auch Ex-Hammerwerfer Möller durch eine Zivilgesellschaft, die ihm außer Spielcasinos und Bordelle keinen Thrill geben kann, die das langweilige Pendant zum Dauer-Höhenflug im Stadion ist. Eine hoffnungsfroh gestartete Karriere droht, tragisch zu enden, was ein typisches Schicksal ehemaliger Hochleistungssportler ist. Denn immer wieder sterben die alten Recken viel zu früh an Alkoholismus, Schulden, Drogensucht. Nach dem immensen Druck im Stadion, nach Applaus und Fernsehauftritten bleibt: Leere, das Gefühl, das Leben sei nun ausgelebt, vorbei. Paul Frommeyers Roman ist deshalb mehr als ein Leistungssportpanorama, mehr als eine gradlinig erzählte Siegergeschichte. „Möller“ ist kein Leichtathletik-Version der „Rocky“-Filme mit Sylvester Stallone, eher eine Meditation über Leben, Tod und Sinn – darin vergleichbar mit Clint Eastwoods Boxerdrama „Million Dollar Baby“. Hier geht es um riesige Schattenseiten, die das typische Leichtathletik-Thema Doping vernachlässigbar erscheinen lassen.

Nicht die Zuschauer sind vom Tod bedroht im internationalen Profisport-Business unserer Tage. Wenn am morgigen Montag die weltbesten Hammerwerfer im Finale der Leichtathletik-Weltmeisterschaften im koreanischen Daegu antreten, wird ein mehrere Meter hoher Käfig den Wurfkreis abschirmen. Dass sich ein Unfall wie beim Training 1904 in New York ereignet, ist nahezu ausgeschlossen. Das Hammerwurfnetz fängt das potentiell tödliche Gerät ab, bevor es Schaden anrichten kann. Doch wie fängt man die starken Männer nach jahrelangen Wettkämpfen auf, die irgendwann, mit Mitte Dreißig, erkennen: „Es ist ja auch klar, dass es nie wieder etwas geben wird, wo ich so erfolgreich sein werde wie im Sport“ ? Hammerwurf-Held Möller wird darauf seine eigene, bedrückende Antwort finden. Paul Frommeyers Leben verläuft heute in ruhigen Bahnen. Seit mehreren Jahren lebt er mit seiner Freundin an der Ostsee, schreibt weiterhin für Zeitungen über Sport. Die Weltmeisterschaftskämpfe wird er entspannt vom heimischen Sessel aus verfolgen – ohne Alkohol, „ich brauche kein Bier vorm Fernseher“, wie es sich für einen ehemaligen Spitzensportler gehört. „Nur bei den Hochsprungwettbewerben wundere ich mich manchmal, dass ich früher auch so hoch gekommen sein soll. Es ist schon verrückt – mit meiner Bestleistung von 2,34 Metern gewinnt man heute noch Medaillen bei internationalen Meisterschaften. Ein seltsames Gefühl. Irgendwie.“

Paul Frommeyer: „Möller“, CNG sports & media Verlag, 262 Seiten, 19,90 Euro

One thought on “Rezension: Hammer ohne Thor

  1. Pingback: Lesen mit Links

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.