Linkradar: Biss zum Wahnsinn

Amazon versucht, Verlage zu erpressen. Übersetzungsfehler nehmen überhand. Schriftsteller leiden an bipolarer Störung. Zwei Autoren-Fotografen zeigen „Ihre Besten“ und nachmachen gilt nicht – im LesenMitLinks-Linkradar der Woche.

TwilightNewMoonDie nervigsten Zehn: lesen.net stellt diese Woche arge Übersetzungsfehler vor und wundert sich, dass Robert Ludlums „Die Bourne Identität“ in der ersten Übersetzung als „Der Borowski-Betrug“ verkauft wurde und „Der König von Narnia“ wurde in den 1950ern erfolglos als „Abenteuer im Wandschrank“ auf den deutschen Markt gebracht. „In die deutsche Erstauflage von Walter Isaacsons Steve-Jobs-Biographie schlich sich unter anderem der Klassiker der Fehlübersetzungen: Das englische “silicon” (dt. Silizium) mutierte zum Kunstoff Silikon.“ Auch ist „Biss zum Morgengrauen“ deshalb falsch, weil Stephenie Meyer nicht das Ende, sondern den Beginn der Nacht gemeint hatte.

Ohne TitelAlle irre: Es ist ein Kreuz mit den Korrelationen. Gerade geistert eine Studie durchs Netz, die neurologische Antworten auf das Phänomen Obdachlosigkeit gefunden haben will. Der Wahnsinn macht eben weniger Angst, wenn er begründbar ist. Eine schwedische Langzeitstudie hat über einen Zeitraum von 40 Jahren das Leben von fast 1,2 Millionen Menschen ausgewertet, die in psychiatrischer Behandlung waren: „Demnach haben alle Kreative zusammengenommen lediglich ein höheres Risiko, an einer bipolaren Störung zu erkranken. Speziell für Schriftsteller aber ist zusätzlich die Anfälligkeit für mehrere andere Erkrankungen, darunter Schizophrenie und Depression, deutlich erhöht.“

1795229_682892558418923_4483515467468168270_oNew German Fiction: Ein sehr interessanter Nachwuchswettbewerb sucht unveröffentlichte Prosatexte in deutscher Sprache (25.000 – 50.000 Zeichen). Ausserdem kenne ich Victor Kümel, einen der Veranstalter, und er hat gefragt, ob ich es hier nicht publik machen könnte. Die zwei Preisträger erhalten jeweils einen Abdruck in der Literaturzeitschrift Edit und eine Einzelpublikation in englischer Übersetzung bei Readux Books, (immerhin) 500 Euro Honorar, Lesungen in Berlin und Leipzig, je ein Edit- und ein Readux-Abo. Teilnahmeberechtigt sind alle, die nach dem 31. Mai 1983 geboren sind. Einsendung direkt auf der Website. Einsendeschluss ist der 31. Mai.

1272870_10201570600459164_564483819_o„Unsere Besten“: Susanne Schleyer und Michael J. Stephan sind ganz besondere Fotografen. Inzwischen dürften sie nahezu jeden bekannten Autor fotografiert haben und im Gegensatz zu Isolde Ohlbaum kommen sie auch ohne das obligatorische Gestrüpp aus (eine sehr gute Fotografin, keine Frage, nur die Bäume neben den Autoren sind legendär). Die beiden sind aber vor allem Intellektuelle, fotografierende Denker, die ihre literaturkritische Meinung nie verschweigen, die ich immer gern auf irgendwelchen Verlagsfesten treffe, wie hier bei Fischer in Frankfurt (Bildmitte), einfach: gute Künstler. Gerade wurde ihre Ausstellung „Unsere Besten“ in Berlin eröffnet (läuft bis 21.9.)

450px-Andreas_PlatthausAmazon: Die „Totengräber der Literatur“ erpressen den schwedischen Verlagskonzern Bonnier (Ullstein, Piper, Berlin Verlag). Das schreibt Andreas Platthaus (Bild) in der F.A.Z. unter der Überschrift „Vorwärts in die totalitäre E-Welt“: „Die bislang üblichen Rabatte von dreißig Prozent für E-Books will der Internethandelskonzern auf vierzig bis fünfzig Prozent erhöht sehen.“ Das Börsenblatt sammelt hier erste (wütende Stimmen), darunter von KiWi-Vertriebschef Reinhold Joppich: „“Wenn sie uns boykottieren, dann stellt sich Amazon selbst an den Pranger.“ – So allmächtig wie Amazon gerne geschrieben wird, ist der Onlinehändler nicht.

das-brennesselhaus-085770135In eigener Sache: Heute habe ich die Ehre, mit Nora Gomringer, Ulrike Draesner, Alban Nikolai Herbst und anderen freundlichen Menschen in der Villa Concordia zu lesen. Die Bamberger Veranstaltung zum Nibelungenlied findet eine Fortsetzung bei der Literatur Biennale (kommende Woche Dienstag im Köhlerliesel). Max von Malotki und ich haben „Das Brennesselhaus“ in 1LIVE Plan B vorgestellt. Ebenfalls heute lesen Fabian Hischmann und Philipp Möller auf der Biennale. Im LesenMitLinks-Blog gibt es neue Texte zum „Hate Radio“ und zu Carl-Christian Elze. 1LIVE Shortstory sendet am Sonntag „Papageien aus Neuseeland“ von Susanne Schedel.

 Konsuminventur

BrandtZwiebackFake: Dass die BILD-Zeitung trotz großer Kampagnen eher kein Anwalt der kleinen Einkäufer ist, zeigt das immer wiederkehrende Problem mit den so genannten „Volksprodukten“ (Bildblog berichtet zum Beispiel hier). Jetzt geht es mal wieder um eine der kuriosesten Fake-Investigativmomente der Konsumkultur: BILD stellt in einer zweiteiligen Serie Marken-Produkte vor, die es im Discounter angeblich billiger gibt. Sie stützen sich dabei auf ein Buch aus dem Südwest-Verlag und die App „MarkenDetektive“. Aber warum sollte eine Firma nicht verschiedene Produkte herstellen können? Wenn die Doppelkekse von AlDI genauso schmeckten wie die Prinzenrolle, würde ich sie kaufen. Dass aus gleicher Hand nicht immer gleiche Qualität kommt sieht man aktuell an der Debatte um das Michael-Jackson-Album.

Jan Drees

Ich bin Redakteur im Literaturressort des Deutschlandfunks und moderiere den „Büchermarkt“.

Im Jahr 2000 erschien mein Debütroman „Staring at the Sun“, 2007 folgte ein überarbeiteter Remix des Buchs. Im Jahr zuvor veröffentlichte der Eichborn-Verlag „Letzte Tage, jetzt“ als Roman und Hörbuch (eingelesen von Mirjam Weichselbraun). Es folgten mehrere Club-Lesetouren (mit DJ Christian Vorbau). 2011 erschien das illustrierte Sachbuch „Kassettendeck: Soundtrack einer Generation“, 2019 der Roman „Sandbergs Liebe“ bei Secession. Ich werde vertreten von der Agentur Marcel Hartges in München.

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