Die Depression spricht

In den vergangenen Jahren haben zahlreiche Autoren Depressionsbücher geschrieben. Aber nur Benjamin Maack erzählt aus dem Innersten dieser tödlichen Krankheit. Warum „Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein“ eines der interessanten Bücher dieses Frühjahrs ist – und warum Depression ein Thema unserer Zeit bleibt.

Eigentlich hat der Schriftsteller und Spiegel.de-Redakteur Benjamin Maack gedacht, „die Sache mit den Depressionen“ sei überwunden: „Klinik, Medikamente, Therapie. Check, check, check.“ Durchatmen. Weiterleben. Im Frühling 2017 beendet er seine wöchentlichen Therapiestunden. Zwei Monate später schleicht er die Psychopharmaka aus. Danach bringt er seine übriggebliebenen Tabletten zur Apotheke.

Doch nun, zu Beginn seiner Erzählung, kurz vorm 40. Geburtstag, ist Maack erneut auf dem Weg in eine Klinik: „Wir rollen langsam, ganz langsam, Fuß auf der Bremse. Ich sitze am Steuer unseres Familienwagens, der gerade mein Krankenwagen ist.“ Die überwunden geglaubte Depression ist keine interessante Episode mehr, kein ‚Aha, krass, das hat man jetzt auch mal erlebt’“, sondern sie ist ein Teil seines Lebens geworden.

Von diesem neuen Krankheitsverlauf erzählt Maacks autobiographisches Buch „Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein“. Es ist, und darin besteht sein Ereignis, Mitschrift seiner betrübten Gedanken. Es berichtet von Selbsthass und Lebensüberdruss, vom Heulen, Schreien, Weinen, von Psychopharmaka und Nebenwirkungen, vom Alltag in der Geschlossenen, von höllischen Tagen und dem Gefühl: „Wie fremd ich der Welt geworden bin, wie fremd ich mir selbst bin.“ Das Wort „Nacht“ wird 33 Mal vorkommen, Schwarz 18 Mal, Dunkel 17 Mal, an 23 Stellen steht, was beim schlimmsten Verlauf dieser Krankheit droht. Der Tod. Das Wort Sex taucht nirgendwo auf.

Früh nimmt Maack seinen Leser die letzten Illusionen: „Hier wird am Ende übrigens nicht alles gut. Das hier ist ja nicht mal eine Geschichte. Wenn Sie Geschichten mögen, legen Sie das Buch lieber weg. Ich nehme Ihnen das nicht übel. Legen Sie es weg, und schreiben Sie eine wütende Amazon- Kritik, retten Sie die Welt vor diesem Machwerk. Ach ja. Wenn Sie Tipps und Tricks für den Umgang mit Depressionen suchen, legen Sie dieses Buch auch weg. Und melden Sie sich, wenn Sie etwas gefunden haben, das wirkt.“

Zahlreiche Veröffentlichungen beschäftigen sich mit Depressionen im Alltag, ganz aktuell „Marianengraben“ von Jasmin Schreiber oder „Serpentinen“ von Bov Bjerg. Der US-amerikanische Schriftsteller William Styron wurde 1990 weltweit erfolgreich mit seinem Memoir „Darkness Visible“, auf Deutsch erschienen als „Sturz in die Nacht. Die Geschichte einer Depression“. Seine persönliche Krankheitsgeschichte verkaufte sich über 20 Millionen Mal. Elf Jahre später sorgte Andrew Solomon für Aufsehen mit „The Noonday Demon“, auf Deutsch „Saturns Schatten. Die dunklen Welten der Depression.“

William Styron hat 1990 aus der Erinnerung über seine Depression geschrieben, und Andrew Solomons „Saturns Schatten“ ist eine 580-seitige Studie geworden, die ihren Ausgangspunkt in der persönlichen Erfahrung findet, aber „das dunkle Reich der Krankheit“, wie es W.G. Sebald nannte, umfassend, geradezu enzyklopädisch betrachtet, inklusive Anmerkungsapparat, Bibliographie, Namen- und Sachregister.

Benjamin Maacks Veröffentlichung hebt sich von den zuvor genannten Büchern unter anderem deshalb ab, weil sie eben nicht aus der Position eines Geheilten erzählt wird. In Echtzeit, während er leidet, protokolliert Maacks Text einen Krankheitsverlauf, der wirkt wie ein stetig nach unten fließender Bewusstseinsstrom. Einige Kapitel bestehen aus wenigen Wörtern, Sätzen, Fragen, wie „Bin ich ein Arsch, oder sind das die Depressionen?“ (Kapitel 196) „Wie geht es Ihnen?“ (Kapitel 154, Kapitel 172, Kapitel 191) „Sind das die Depressionen, oder bin ich nutzlos?“ (Kapitel 255). Der Ich-Erzähler erkennt: „Mein Gehirn ist ein Schwamm, vollgesogen mit Medikamenten.“

Er sucht nach Auswegen: „Vielleicht ein künstliches Koma, bis es vorbei ist. Würden Sie das für mich tun? Darf ich darum bitten –“. Schonungslos legt er seinen Selbsthass offen: „Ich hätte Lust auf ein Eis.
– Ein Eis also? Ja genau. Lässt deine Familie im Stich, machst es dir mit einem leckeren Eis gemütlich, versteckst dich im Krankenhaus vor deinem Leben, vor deiner Verantwortung als Vater, vor deiner Verantwortung Friederike und deinen Kollegen gegenüber und feierst deine Wehwehchen mit einem leckeren Eis.“

An einer Stelle wiederholt sich das Wort „fuck“ über viereinhalb Seiten, woanders wird der Gedankenzerfall bis ins Schriftbild hinein protokolliert: „Ich kann nicht denken. Ich kann nicht denken. Ich kann nicht denken, ich kann nicht denkennichtdenken, d enk en, enk endenke ndenkenden.“

Im Sinn- und Wörtersuchen erinnert die poetische Kraft Benjamin Maacks an David Foster Wallace’ Depressionserzählung „Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur üblen Sache“, erstmalig 1984 in einer Studentenzeitschrift erschienen und auf Deutsch erhältlich bei Kiepenheuer & Witsch. Unerreicht bleibt, wie Wallace hier den Gesunden erklärt, was eine Depression ist. Er nennt sie „die üble Sache“ und versucht dass Hilflose so zu packen: „Ich weiß nicht, ob dieser Unterwasservergleich es trifft, aber wenn du dir den Augenblick vorzustellen versuchst, in dem dir klar wird, in dem dir schlagartig aufgeht, dass es keine Oberfläche für dich gibt, dass du ertrinken wirst, egal in welche Richtung du schwimmst; wenn du dir vorzustellen versuchst (…), dass sich dieses entzückende Gefühl des Erstickens über Stunden, Tage, Monate hinzieht … dann trifft es das vielleicht besser.“

Das vor einer Woche erschienene Debüt „Marianengraben“ von Jasmin Schreiber funktioniert anders als die sehr drängenden Geschichten von Benjamin Maack oder David Foster Wallace. Es ist kein autobiographisches, jedoch ein durchaus privatim inspiriertes Buch, stellt die Studentin Paula in den Mittelpunkt, eine junge Frau, die um ihren zehnjährigen Bruder Tim trauert: „An meinem Kühlschrank hängt ein kleiner Graph, ein Ausdruck vom 32.09.2016, auf dem man sieht, wie mein Herz von vierundsiebzig Schlägen pro Minute auf ein-hundertsechsundfünfzig Schläge beschleunigte, wie die Herzrate dann noch auf einhundertzweiundsiebzig kletterte und sich dort eine Weile stabilisierte und nicht mehr sank, minutenlang (…) als Mama mich aus eurem Urlaub auf Mallorca angeru-fen hat (…) Ich dachte, dass das wieder einer ihrer berüchtigten versehentlichen Hosentaschenanrufe sei und dann sagte sie: ‚Der Tim ist tot’. An meinem Kühlschrank hängt bis heute ein Graph, auf dem man sieht, wie ein menschliches Herz zerbricht.“

So sieht der Einbruch der Traurigkeit in Zeiten von Smartwatches und jenen Fitness-Apps aus, die unsere Körperfunktionen in Echtzeit überwachen. Marianengraben erzählt plot- und dialoggetrieben vom langsam Auftauchen aus der Niedergeschlagenheit, von zunächst vergeblich wirkenden Therapiesitzungen und vom steinigen Weg aus der Dunkelheit zurück ans Licht. Die Erstauflage von 10.000 Exemplaren war bereits zwei Wochen vor Erscheinen des Buchs vorbestellt, die Premierenlesung in einem ehemaligen Berliner Krematorium ausverkauft.

Mit großem Aplomb hat der zum Ullstein-Konzern gehörende Claassen-Verlag Ende Januar „Serpentinen“ veröffentlicht, den neuen Roman des Ingeborg-Bachmann-Preisträgers und Bestsellerautors Bov Berg. Auch Serpentinen erzählt von Depressionen, eingebettet in eine Vater-Sohn-Geschichte, aus der permanent die Wut und Weltverneinung eines suizidalen Vaters spricht.

Direkt im Stammhaus Ullstein erscheint Ende dieses Monats zudem „Die beste Depression der Welt“, rubriziert als sogenanntes „Humor Geschenkbuch“. Tatsächlich ist es ein veritabler, höchst unterhaltsamer Roman, in dem die Stand-Up-Comedienne und Poetry Slammerin Helene Bockhorst ohne Larmoyanz berichtet, wie eine junge Frau einen Depressionsratgeber schreibt: „Einen Ratgeber ohne erhobenen Zeigefinger, der Menschen hilft, sich selbst besser zu verstehen und all ihre Probleme zu lösen. Ein Buch, das Leben retten kann. Und mich zu einer gefeierten Autorin macht. Manchmal sehe ich es vor mir, wie ich in den Talkshows sitzen werde, und mir Leute mit Tränen in den Augen gestehen, dass ich ihr Leben verändert habe. Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich daran denke.“

So klingt es, wenn Depressionen auf moderne Instagram-Selfieness treffen. Die obschon ihres Sendungsbewusstseins grundsympathische Vera erzählt über die Strecke von 300 Seiten mit vielen fatalistisch-humoristischen Einschüben, wie sie an ihrer Buchproduktion scheitert – kein Wunder, ein wenig depressiv ist sie weiterhin. „Ich schreibe jeden Tag eine Seite. Aber es ist jeden Tag eine Seite von einem anderen Buch. Auf diese Weise hat man nach einem Monat dreißig erste Seiten von dreißig Büchern.“

Dennoch wird am Ende ein Roman entstehen, der zahlreiche Anleihen an bekannte Depressionsgeschichten nutzt – beispielsweise an „Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“ der US-Amerikanerin Otessa Moshfegh, wo sich eine urbane Frau vom Leben abgewendet hat, aber im Austausch steht mit ihrer besten Freundin. Die beste Freundin in Helene Bockhorsts Debüt heißt Pony und die hat ihr Depressionsbuch bereits geschrieben. Aber kein Verlag will es kaufen, denn nach Ansicht verschiedener Lektorate fehlt etwas Entscheidendes: „Es sei nicht nachvollziehbar, warum eine schöne, kluge Frau Ende Zwanzig an Depressionen leide.“

Es gehört zu den Irrtümern über diese Erkrankung, dass ein tragischer Anlass notwendig sei, irgendein Schicksalsschlag. Das findet Vera ebenso seltsam wie Pony, die sagt: „Ich werde auf keinen Fall ein totes Kind in mein Manuskript hineinschreiben.“ (Siehe: „Marianengraben“.) In Helene Bockhorsts Debüt ist vor allem die Beobachtung des Umfelds entscheidend. Selbstverständlich wird ihre Figur ermuntert, diese oder jene Heilungsstrategie zu wählen – eine Begleiterscheinung, die man inzwischen als Topos der depressiven Erkrankung benennen kann. Das ist an vielen Stellen auf boshafte Weise erheiternd.

„‚SEIT ICH LACHYOGA MACHE, BRAUCH ICH KEINERLEI MEDIKAMENTE’, schreit Wendy gegen die Geräuschkulisse des Cafés an. ‚WENN ICH TRAURIG BIN, DANN ENTSCHEIDE ICH MICH EINFACH GEGEN DIE TRAURIGKEIT UND FÜR DAS LACHEN, UND DANN BIN ICH NICHT MEHR TRAURIG, HAHAHA.’“

„Die beste Depression der Welt“ bringt in Momenten wie diesen vermutlich auch jene zum Lachen, die gegen diese tödliche Krankheit kämpfen. Während die Suizidrate in der Durchschnittsbevölkerung unter 0,5 Prozent liegt, sterben durch Suizid 2,2 Prozent der depressiven Patienten, die ambulant, und vier Prozent, die stationär behandelt wurden: „Dingdong, guten Tag. Ich bin es noch einmal, der Suizidgedanke. Ich möchte mit Ihnen über Selbstmord reden, und darüber, dass Sie keine Familie mehr haben.“ Mit „Die beste Depression der Welt“ hat Helene Bockhorst ein überraschend helles Buch über den Einbruch seelischer Dunkelheit geschrieben – in einem Duktus, der en passant vom Schrecken berichtet, deshalb auch jene ansprechen wird, die bislang von dieser Krankheit verschont wurden, und sich vor allzu drastischen Schilderungen fürchten. So ist dieses Debüt eine leichtgängige Melange aus Depression Memoir, Chick Lit und Tagebuch, ein komplexitätsreduzierter Einstieg in eine Verfasstheit, die schwer in Sprache übersetzt und ebenso schwer geheilt werden kann – so schön es auch wäre, wenn Lachyoga die Therapie erster Wahl wäre.

Bislang tourte Bockhorst mit ihrem Solo-Programm „Die fabelhafte Welt der Therapie“ auf Tour. Wer den Hashtag #depression bei Instagram eingibt, findet über 20,5 Millionen Einträge. Depression ist Mainstream geworden, massentauglich. Depression kann handlungstragend für jedes beliebige Literaturgenre sein. Es könnte nun behauptet werden, die Welt an sich sei depressiver geworden, wie allenthalben geschrieben wird. Aber vielleicht ist eine andere Erklärung treffender. Schaut man auf den normalisierenden Effekt von Literatur, so fällt auf, der es fiktionalen Texten seit Jahrtausenden gelingt, gesellschaftliches Tabus abzubauen.

Die Welt ist nicht depressiver geworden – aber es fällt uns leichter, über Depressionen zu sprechen, auch Dank Benjamin Maack, Jasmin Schreiber, Bov Bjerg, William Styron. Depression als Chance, Krankheit als Möglichkeit, der eigenen Beliebigkeit zu entfliehen, so wie sich Helene Bockhorsts Heldin das Rampenlicht vorstellt, nachdem ihr Buch über Depressionen erschienen ist: „Manchmal sehe ich es vor mir, wie ich in den Talkshows sitzen werde, und mir Leute mit Tränen in den Augen gestehen, dass ich ihr Leben verändert habe. Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich daran denke.“

Benjamin Maack: „Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein“, Suhrkamp, Berlin, 334 Seiten, 18 Euro / Jasmin Schreiber: „Marianengraben“, Eichborn, Frankfurt, 2256 Seiten, 20­ Euro / Bov Bjerg: „Serpentinen“, Claassen, Berlin, 272 Seiten, 22 Euro / Helene Bockhorst: „Die beste Depression der Welt“, Ullstein, Berlin, 320 Seiten, 20 Euro / David Foster Wallace: „Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur üblen Sache“, übersetzt von Ulrich Blumenbach, KiWi, Köln, 112 Seiten, 6 Euro / Andrew Solomon: „Saturns Schatten. Die dunklen Welten der Depression“, übersetzt von Gabriele Gockel, Hans Günter Holl, Gerlinde Schermer-Rauwolf, Fischer TB, Frankfurt, 656 Seiten, 10 Euro / William Styron: „Sturz in die Nacht. Die Geschichte einer Depression“, übersetzt von Willi Winkler, Ullstein, Berlin, 128 Seiten (nur antiquarisch erhältlich).

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