Der Literatur-Nobelpreis geht an…

Hubert Winkels im Gespräch, in der gestrigen Ausgabe der von mir moderierten Sendung „Büchermarkt“ im Deutschlandfunk über die Literaturwelt am Vorabend der Bekanntgabe (die üblicherweise um 13 Uhr stattfindet, wobei 2016 auch 11 Uhr vermutet wird). Aufgrund des öffentlichen Interesses wird seit Wochen und wie immer medienwirksam spekuliert, welcher Autor, welche Autorin gute Chancen auf den Literatur-Nobelpreis hat. Die Jury gibt sich hingegen diskret und verschwiegen wie bei einem Staatsgeheimnis. Dieses Jahr wurde die Bekanntgabe zusätzlich noch um eine Woche verschoben, was weitere Spekulationen mit sich gebracht hat. (Das Beitragsbild ist von Wikipedia und zeigt den kenianischen Schriftsteller Ngũgĩ wa Thiong’o, einen der langjährigen Literatur-Nobelpreiskandidaten).

Hubert Winkels, es gibt viele wichtige Literaturauszeichnungen, auf verschiedene Weise ist jeder von ihnen ausgerichtet. Warum aber ist dieser Literatur-Nobelpreis nach wie vor die wichtigste Auszeichnung? Man würde gerne scherzen und sagen: Weil es am Anfang so gekracht hat bei Herrn Nobel. Seit 1901 wird der Literatur-Nobelpreis vergeben und er hat eine lange Tradition. Das ist das zweite Kriterium. Das erste, würde ich sagen, ist: Es ist ein Literaturpreis für die ganze Welt, für alle Nationalsprachen, für alle Literatur überhaupt, auch für alle Gattungen. Wir hatten schon Lyriker, Dramatiker, Epiker, Erzählungsschreiber, die ausgezeichnet wurden und das unterscheidet ihn denn schon von großen internationalen Preisen wie dem Man Booker Prize für die englischsprachige Welt. Diese beiden Elemente machen ihn so bedeutend und wie alles, was auf diesem Feld der Kompetition, des Wettbewerbs bedeutend ist, auch auf eine gewisse Weise unangenehm.

Es ist aber gleichzeitig auch deshalb so ein bedeutender Preis, weil es satte 800.000 Euro gibt. Heutzutage ist gerade dieses Finanzielle immer wichtiger, auch wenn man sich mit Kunst beschäftigt. Selbst in der bildenden Kunst redet man häufiger darüber, was ein Bild gekostet hat…Wobei ich jetzt glaube, wenn ich mir jetzt Swetlana Alexijewitsch angucke oder Günter Grass oder Herta Müller, dass bei diesen Personen das Geld – für jeden toll und prima und er weiß damit etwas anzufangen – nicht entscheidend ist. Dazu haben die meisten, wie Harold Pinter, ein Leben hinter sich, die sind in ihrem letzten Lebensjahrzehnt, sie haben eine große Anerkennung, die brauchen jetzt nicht mehr unbedingt dieses Geld, obwohl es schön ist. Ich glaube nicht, dass es die Summe alleine ist. Ohne Summe wäre es schwieriger. Der Prix Goncourt hat überhaupt keine Dotierung; der funktioniert auch.

Gleichzeitig, Sie sprachen es gerade an, Harold Pinter ist so ein Beispiel: der Literatur-Nobelpreis kommt oft erst zu den Autoren, wenn sie bereits eine lange Karriere hinter sich haben. Aber was kommt nach dem Literatur-Nobelpreis noch? Ist das denn, wie bei Pinter, so etwas wie der Präsentkorb für den Ruhestand, oder kann es danach auch weitergehen? Pinter war damals schwer krank und kurz vor dem Tod. Er ist auch nicht hingefahren, genauso wenig wie Elfriede Jelinek und andere, wenn auch aus verschiedenen Gründen. Es hängt ein bisschen mit dem Lebensalter zusammen. Bei Elfriede Jelinek war noch viel zu erwarten und es kommt auch noch viel und bei anderen natürlich nicht mehr. Aber alles im allen glaube ich dem selben Argument wie eben: Wenn jemand in diesem Status ist, dass er den Literatur-Nobelpreis bekommt, ist er in der Regel eine solche kulturelle Größe in seiner Nationalsprache und in seinem Land, dass er sich davon auch nicht mehr umhauen lässt, auch nicht in dem Sinne: Uff, jetzt fällt mir nichts mehr ein, jetzt kann ich nicht mehr schreiben oder: Jetzt muss ich nichts mehr schreiben. Die literarischen Spuren haben sich ins Leben so eingegraben, meistens in den Fällen, dass dann nichts ganz Außergewöhnliches – weder positiv noch negativ – passiert.

Wir wissen nicht, wer als Literatur-Nobelpreisträger morgen angekündigt wird; die eigentliche Verleihung ist dann im Dezember. Aber obwohl wir das nicht wissen veröffentlichen Buchmacher wie der weltgrößte Sportwettenanbieter „Ladbrokes“ jährlich Listen mit errechneten Favoriten und Quoten. Als diesjährige Favoriten führt „Ladbrokes“ Adonis auf mit derQuote: 6:1. Was ist davon zu halten? Davon ist nur dann etwas zu halten, wenn man davon ausgeht, dass aus der Jury in Stockholm jemand geplaudert, nur dann gibt es Hinweise, die dann bei Ladbrokes auch tatsächlich zu Quoten realistischer Einschätzung führen. Ansonsten ist es Kaffeesatzleserei.

 

Jan Drees

Ich bin Redakteur im Literaturressort des Deutschlandfunks und moderiere den „Büchermarkt“.

Im Jahr 2000 erschien mein Debütroman „Staring at the Sun“, 2007 folgte ein überarbeiteter Remix des Buchs. Im Jahr zuvor veröffentlichte der Eichborn-Verlag „Letzte Tage, jetzt“ als Roman und Hörbuch (eingelesen von Mirjam Weichselbraun). Es folgten mehrere Club-Lesetouren (mit DJ Christian Vorbau). 2011 erschien das illustrierte Sachbuch „Kassettendeck: Soundtrack einer Generation“, 2019 der Roman „Sandbergs Liebe“ bei Secession. Ich werde vertreten von der Agentur Marcel Hartges in München.

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