Dem Tod ins Auge sehen

Twilight, Die Tribute von Panem und Harry Potter erzählen vom Tod. Nicht nur die Liebe, sondern vor allem das Sterben ist seit 3500 Jahren Thema der Literatur. Warum ist das so? (Entstanden zur ARD Themenwoche Tod für 1LIVE)

Als der Bruder des Königs Gilgamesch stirbt, geht der Zurückgelassene auf Wanderschaft und findet die Pflanze der Unsterblichkeit. Das ist zirka 4500 Jahre her. Die älteste, gerade neu übersetzte Fassung datiert auf Mitte des 2. Jahrtausends vor Christus. Seit Urzeiten hadern die Menschen mit ihrer Sterblichkeit. Kein Wunder, dass sich die Literatur daran abarbeitet. Im Mittelalter, 3700 Jahre später, suchten ritterliche Helden wie Parzifal immer noch den Heiligen Gral, der ewige Jugend verspricht. Heute hört Parzifal auf den Namen Harry Potter, der Gral wurde eingetauscht gegen die Horkruxe.

In unserer Zeit erreichen Geschichten über unsterbliche Vampire Millionenauflagen. Was ist die Twilight-/Biss-Reihe anderes als ein Märchen über die Verführungskraft ewiger Jugend? Der sehr alte, doch ewig 17-jährige Edward ist der moderne Gral. Mit ihm verspricht sich Bella ein bisschen Ewigkeit. Könnte man sich eine ähnliche Konstellation mit einem untoten Zombie vorstellen? (“Das Gilgamesch-Epos” (neu übersetzt von Stefan M. Maul), C.H.Beck, 19,90 Euro //Stephenie Meyer; “Biss-Box 1-4”, Carlsen, früher 49,90 Euro, jetzt 29,90 Euro // Die “Harry Potter”-Bände gibt es in verschiedenen Ausgaben bei Carlsen)

Horrorfilme, Serienkillerromane und Todesspiele sind erfolgreich, weil wir manchmal dem Tod ins Auge sehen wollen. Die Tribute von Panem, in der sich mehrere Schüler gegenseitig abschlachten, gehören wie selbstverständlich in die Bestseller- und Blockbusterlisten der vergangenen Jahre. Dabei sind sie nur der glitzernde Aufguss eines bereits 1999 veröffentlichten Romans aus Japan. „Battle Royale“ von Koushun Takami erzählt bereits von Schulklassen, die auf eine bewachte Insel verschleppt werden, um im Spiel “Alle gegen Jeden” so lange zu morden, bis lediglich einer übrig bleibt (tatsächlich bleiben ein Junge und ein Mädchen übrig, die sich in einander verliebt haben; das kennt man). Gegen die Verfilmung von “Battle Royale” sind “Die Tribute von Panem” übrigens eine harmlose Schnitzeljagd. Wer es etwas malerischer mag: Im Krimi “Und dann gab‘s keines mehr”, den Agatha Christie 1939 veröffentlichte, werden zehn Menschen auf eine Insel verschleppt. Was dann passiert, deutet der Titel bereits an. (A. Christie: “Und dann gab‘ keines mehr” (übersetzt von S. Deitmer), Fischer, 9 Euro // Koushun Takami: “Battle Royale” (übersetzt von J. H. Altmann), Heyne, 9,99 Euro // Suzanne Collins: “Die Tribute von Panem – 3 Bd” (übersetzt v. S. Hachmeister + P. Klöss), Carlsen, 39,95 Euro)

Wir sehen: Es scheint verschiedene Strategien zu geben, um den Tod auf Abstand zu halten. Man kann von der Unsterblichkeit träumen oder dem Massensterben der Anderen zusehen. Am mutigsten sind jene, die bald sterben, aber nicht aufgeben wollen. Vor 1500 Jahren schrieb der römische Gelehrte Boethius das Werk “Trost der Philosophie” im Angesicht des Todes, kurz vor seiner Hinrichtung. Schreiben gegen das eigene Sterben, anstatt klagend in der Ecke zu sitzen, das verlangt Größe. In dieser Tradition stehen moderne Helden wie der Oberhausener Regisseur, Autor und Theatermacher Christoph Schlingensief, der sein eigenes Sterben mit Filmen, Texten, Aktionen begleitet hat, ebenso Wolfgang Herrndorf, Autor des Bestsellers “Tschick”, der vor 33 Monaten von seinem Hirntumor erfahren hat. Im Blog schreibt er seitdem sein Sterben und sein Dennoch-Leben mit. Der heilige Gral ist für ihn keine Option: “Gestern haben sie mich eingeliefert. Ich trug ein Pinguinkostüm.” Es ist ein Witz, den nicht jeder kapiert, dieses Sterben und Gegen-den-Wahnsinn-kämpfen. Aber aufgeben? Niemals! (Boethius: “Trost der Philosophie” (übersetzt von Karl Büchner), Reclam, 4,80 Euro / Christoph Schlingensief: “Ich weiß, ich war‘s”, KiWi, 19,99 Euro)

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