Rezension: Das Ende der Diät

Monaco rules, die Croisette blitzt weiter unten in „Ein langer Brief an September Nowak“, den melancholischen Debütroman von „Erdmöbel“-Sänger Markus Berges aus Köln.

Eine magersüchtige Deutsche trifft Mitte der Neunziger ihre fettleibige Brieffreundin in Monaco, flüchtet vor dem Körperschock und erlebt auf einem französischen Roadtrip, was es heisst, 19, enttäuscht und gleichzeitig frei zu sein. Erdmöbel-Sänger Markus Berges erzählt in seinem Debütroman von Elisabeth (Betti), einer jungen Frau, die als mittelpunktsfähig beschrieben werden kann: „Als Betti, vorne und hinten bepackt, auf den hellerleuchteten Bahnsteig trat, erwartete sie, augenblicklich aus der Menge heraus angesprochen zu werden.“  – So beginnt ihre mit Erwartungen überfrachtete Reise, die sie nach ein paar hochsommerlichen Wochen zu der delirierenden Erkenntnis bringen wird: „Ich konnte mich nicht fassen.“ Und: Rückblickend sind 13 Jahre alte Tränen lächerlich.

Jahrelang schreiben sich Betti und September Nowak, als Brieffreundinnen. Sie haben, geradezu undenkbar in Jpeg-Filesharingzeiten, ein Bilderaustauschverbot vereinbart. Stattdessen beschreiben sie sich in malerischen Farben. Aber nur die Dicke aus Monaco weiss, dass Worte lügen können. In den Briefen ist die Tochter einer Putzfrau mittendrin im mondänen Leben, dazu angehende Ballerina, Sportschwimmerin… Sie nutzt phantasievoll alle Möglichkeiten einer Brieffreundschaft.

Ist das schon Betrug? Für Betti bedeutet es Enttäuschung, durchaus auch ein bisschen: Ekel. Mit Körpern hat sie es nicht so. Wenn dann irgendwo steht, „Betti stank nach Schweiß und war frei“, wirkt das leidglich scheinbar seltsam. Schweiß macht nur die Frau frei, die sich von irgendeinem Körperterrorismus bedroht fühlt. Mit dieser Argumentation legitimierte sich 2008 auch Charlotte Roches‘ „Feuchtgebiete“. Ist auch schon wieder zweieinhalb Jahre her.

Betti reist entlang der südfranzösischen Küste, sieht Orientdiscounts mit „Schlangenbeschwörermusik“, genießt Frühstück unter Platanen. „In den seltenen Brisen flatterten auf Servietten gedruckte Möwen“. Es geht um Styroporinseln, Tropfstein-Stalagmiten, die wie reale Menschen aussehen, um heimlich geschossene Fotografien. Dazu kommen Irrtümer bekannter Geistesgrößen; immer wieder das fremde Spiel mit der eigenen Identität, etliche Täuschungen und Szenerien, die man nicht nur aus den schwindelerregenden Bildern M.C. Eschers kennt, sondern auch aus Internetforen und WWW-Chats. Somit ist „Ein Brief an September Nowak“ mehr als eine Neuinterpretation von Françoise Sagans 1954 erschienenem Debüt „Bonjour Tristesse“ oder J.D. Salingers „Fänger im Roggen“ von 1951 (beide Bücher kommen bei Markus Berges vor). Dieser Reise-Coming of Age-Sommerroman ist eine leicht zurückversetzte Geschichte über moderne Mythen, digitale Scharaden, über Popversprechungen und wie Eis in der Sonne schmilzender Hoffnungen.

Während viele Popliteraten zugeben, Literatur sei die Groupie-Chance für alle Nicht-Gitarristen, gibt es etliche deutsche Musiker, die irgendwann von den Songs zum Buch gefunden haben wie „Element of Crime“-Sänger Sven Regener mit seiner „Herr Lehmann“-Trilogie, PeterLicht, der sogar den Publikumspreis beim Klagenfurter Ingeborg Bachmann-Wettlesen gewonnen hat. Smudo von „Die Fantastischen Vier“ unterstützte Tagebuchprojekte des „jetzt“-Magazins der Süddeutschen Zeitung und fürs Frühjahr 2011 ist der Debütroman von Ex-„Echt“-Sänger Kim Frank angekündigt. Das späte Debüt von Markus Berges ist also kein bisschen verwunderlich, es reiht sich ein, in eine Fülle verdammt guter Buchveröffentlichungen talentierter Musiker – wer es internationaler mag: Leonard Cohens Literatur kann man beim „Blumenbar“-Verlag nachlesen, „Franz Ferdinand“-Frontmann Alex Kapranos begeisterte 2007 mit seinen „Sound Bites“ bei Kiepenheuer & Witsch.

Erdmöbel, entstanden aus der Band „The Coffins“ (Die Särge), gehört seit Jahren zu den interessantesten deutschen Singer-Songwriter-„Projekten“. Ihre Neuinterpretation von Nummer-1-Hits wie Nirvanas „Smells like Teen Spirit“ („Bewaffnet Euch, bringt Freunde mit“) oder Robbie Williams‘ „The Road to Mandalay“ („Hilf mir aus dem Meer an Land / Schlag mich zusammen auf dem Strand“) sind elektronische Liebeserklärungen. Ihr ohrgängiges „Für die nicht wissen wie“, verbindet das Beste der Kölner Schule: Deutsch und Electro. Dazu gibt es melancholische Ironie, die Pop nicht verkleinert, sondern entrückt (gleiche Größe, andere Entfernung, das macht den Unterschied). – Markus Berges, der mit Stimme, Ideen, Gitarre und Trompete seine drei „Erdmöbel“-Kollegen unterstützt, gelingt mit „Ein langer Brief an September Nowak“ übrigens Ähnliches. Dieses Buch kommt daher wie YouTube, Facebook, last.fm „avant la lettre“, also seiner Zeit voraus. Das alles wird rückblickend erzählt, von 2010 aus, als stellte hier jemand fortwährend Spiegel auf, in diesem wunderbaren, auf der warmen Meeresoberfläche reflektierenden Roman.

Markus Berges: „Ein langer Brief an September Nowak“, Rowohlt, 208 Seiten, 18,95 Euro | Foto: Ekimas

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