Rezension: Schauerstunden mit Beat Stehle

„Wenn ihr den aufnehmt, könnt ihr gleich eine Klinik auftun.“ WG-Hausfreund R.M. warnt seine Freunde vor ihrem neuen Mitbewohner Beat Stehle. Zu spät. Die Vierer-Clique ist dem skurrilen Schweizer verfallen und tappt ahnungslos in eine gruselige Falle – im Roman „Stehle“ von Andreas Münzer.

Der 27-jährige Beat Stehle fällt wie ein Außerirdischer in die kuschelige Wohngemeinschaft ein. Programmierer und Ich-Erzähler Robert bastelt tagsüber digitale Computerwelten aus Nullen und Einsen, er ist ein ordentlicher Mensch. Und die fünf Quadratmeter große, mit WG-Gerümpel vollgestellte Kammer neben der Wohnungstür, dieser nicht genutzte, „Niemandsland“ getaufte Raum, ist ihm ein Dorn im Auge. In ihm lagern „Umzugskartons, Ingrids nie gebrauchte Wanderschuhe, Staubsauger samt Ersatzbeutel, an der Wand mein Spezialfahrrad, Tüten Farbeimer, eine von irgendwelchen Bekannten vergessene Einkaufstüte mit vier Toastbrotlaiben.“ Damit soll Schluss sein. Robert beschließt, die Kammer als Kleinstbüro zu vermieten.

Stehle will aber kein Büro, sondern stattdessen seine Matratze in das winzige Zimmer legen, um mitzuwohnen. „Aber ich kann euch verstehen, wenn ihr es nicht vermieten wollt, fügte er schnell hinzu, wenn ihr das niemandem zumuten wollt.“ Schnelle Entschuldigungen, dieses fixe Entwaffnen von Menschen, die längst mit dem Rücken zur Wand stehen, das wird Stehles Strategie in den folgenden Wochen sein. Damit kriegt er jeden sowohl rum, als auch an den Rand des Wahnsinns. Tatsächlich ist dieser Mann ein unheimlicher, widersprüchlicher Geist, der sich unter phantasievollen Ausflüchen an fremde Computer, Kleidungsstücke und Geliebte ranmacht. Die WG wird wegen Stehle wenig später aufgelöst. Der notorische Rumstreuner, lässt sich aber nicht abschütteln. Er verfolgt Robert, wie ein übles Gerücht, er zieht erneut bei seinem alten Mitbewohner ein, er gräbt, wühlt, stört bis der überforderte Programmierer eines Tages vor seiner verschlossenen Wohnungstür steht, bis Stehle ihn nicht mehr ins eigene Heim, ins eigene Leben zurücklässt, bis die Situation katastrophal eskaliert. Mit Stehle zieht das Unheil ein.

Beat und Robert, die Namen gleichen sich. Beat, das ist die Kurzform vom lateinischen Beatus, der Glückliche und, englisch ausgesprochen, klingen Rock’n’Roll, die Beatles, die Achtundsechziger, Revolte an. So, wie das kleine Zimmer jahrelang für Gerümpel, das Verdrängte, Unbequeme stand, wird mit diesem seltsamen Beat Verborgenes von vier Leben aufgedeckt. Nach-dem Robert mit Beats polnischer Freundin geflirtet hat, dreht Beat am Rad: „Es war, als ob Stehle, nur weil ich einmal in seinem Garten herumgeschnüffelt hatte, gleich mit einem umso größeren Spaten kam, um meinen umzugraben und gleich noch den einen oder anderen Grenzstein zu versetzen.“

Das klingt nicht gut. Wen Grenz- und Grabsteine umgesetzt werden, kommen die Untoten wieder, das weiß jeder, der sich einmal Goethes „Wahlverwandtschaften“ angeschaut hat. Hätte die WG ihr Gerümpelzimmer, ihr Konsumgrab unangetastet gelassen, alles wäre weiterhin gut. Mit einer Idee fängt es an. Der Horror folgt kurz danach. Dabei ist unklar, wer irre ist: Beat oder Robert? Hat Beat Stehle tatsächlich gute, naive Gründe für seine Ausrutscher, ist vielmehr Robert der Psychopath, der überall Feindseligkeiten wittert? Oder ist Robert, in bester Stephen-King-Tradition, der unheimliche, ins sicher geglaubte Heim einfallende Dämon? Ist dieses Buch eine düstere Komödie? Ein Zivilisationsthriller? Psychohorror? Skurrile Biographie? Die „Stehle“-Geschichte hätte Andreas Münzner konsequent als Groteske niederschreiben können, als ein Mix aus „Alf“ und „Mein neuer Freund“. Stattdessen bleibt der Text des gebürtigen Amerikaners unfassbar, lässt sich, ebenso wie sein Held, nicht greifen, kaum kategorisieren. Man begibt sich auf unsicheres Terrain, mit diesem ungewöhnlichen (dabei aber lesenswerten) Roman. Ob dem „Stehle“-Buch weitere Auszeichnungen für den 41-Jährigen folgen werden? Den Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung (Beitragsbild), den Irmgard-Heilmann-Preis und den Preis der Schweizerischen Schillerstiftung hat Andreas Münzner bereits eingesackt. Das ist verdienter Lohn, für seinen Mut, gegen den Mainstream anzuschreiben.

 Andreas Münzer: „Stehle“, Liebeskind, 254 Seiten, 18,90 Euro

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