Linkradar: Boekhandel + Amazon Dash

Deutschland ist „von Sinnen“ und lässt sich mal wieder von einem Autor provozieren. Trauer um Urs Widmer. Der neue Blog von Sasa Stanisic, Horrorgedichte, ein besserer Engel und „Less is more“ im neuen LesenMitLinks-Linkradar.

Deutschland-von-Sinnen-Ich habe die Katzenkrimis von Akif Pirincci nicht gelesen und kenne nur sein Comedybuch „Volltreffer“ (unter Pseudonym). Auf Facebook lese ich seine Wut gegen alles-Tiraden, die mit Haremsträumen über 22-jährige Kunststudentinnen und dem Beweinen seiner ständigen Opferrolle (als Single) abwechseln. Regelmäßig entschuldigt sich der Macho bei seinen homosexuellen Freunden. Das ist unterhaltsam und nicht ernst zu nehmen Warum sein Buch „Deutschland von Sinnen“ in Talkshows debattiert wird bleibt rätselhaft. Stefan Niggemeier schrieb einen klugen Text. Ich befürchte, damit ist es nicht vorbei. Verlegt vom Manufactumgründer in der „Edition Sonderwege„, jaja: „Es gibt sie noch…„. Wer nimmt sowas ernst?

201403-mikrotext-cover-fischer-400px-240x360Es wird dennoch hier aufgegriffen, weil Medien in ihrer Autopoiesis gefangen sind (wann kommt das Best-of aller Jahres-Best-ofs?). Ein schönes Gegengift und dazu literarisch relevant ist der neue Blog von Sasa Stanisic, die Bonus-Dreingabe zum Roman „Vor dem Fest“. Sasa hat bekanntlich am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert, die mehr interessante Autoren hervorgebracht haben als Hildesheim (Jan Christophersen, Kristof Magnusson, Clemens Meyer, Thomas Pletzinger, Verena Roßbacher). Mit einer Veröffentlichung zur Arztsohndebatte belegen die jungen Hildesheim-Autoren, was ihnen häufig vorgeworfen wird: dass sie allzu theoretisch an ihr Schreiben gehen.

UnknownLeider traurig: Literatur-Nobelpreisträger Gabriel Garcia Marquez wurde wegen Atemwegs- und Harnwegsinfektionen ins Krankenhaus eingeliefert und der große Schweizer Schriftsteller Urs Widmer ist tot. Nach schwerer Krankheit verstarb der 75-Jährige am 2. April in Zürich. Diogenes hat 2013 noch seine „Gesammelten Erzählungen“ veröffentlicht, die wirklich zum Besten gehöre, was die deutschsprachige Gegenwartsliteratur der vergangenen 50 Jahre zu bieten hat. Zu seinem 75. Geburtstag gab Urs Widmer im Mai 2013 etliche Interviews. Der einstige Suhrkamplektor zeigte sich auch hier, wie immer, als freundlicher, smarter Mensch. Es ist a Jammer.

ChrisAdrianChrisAdrianDer Typ heißt wie ein Boyband-Sänger: Chris Adrian. Tatsächlich ist der US-Amerikaner Kinderarzt und Autor („Die große Nacht“). Jetzt erschienen: „Ein besserer Engel“, das nur ansatzweise religiös – Adrian hat in Harvard Theologie studiert. Engel gibt es auch in ganz normalen Wahnvorstellungen. Von denen liefert dieses einfallsreiche Buch eine Menge: Vom Teufel Besessene, Halbtote im Wachkoma, Schüler, die Tiere abschlachten, einen Neunjährigern, der von seiner Mutter mit Gurten ans Bett gefesselt wird und sich scheinbar in einen Dämon verwandelt hat. „Der bessere Engel“ zeigt ziemlich krass, wie dünn die Grenze ist zwischen Alltag und Hölle, zwischen Happy und Horror. Faszinierend.

220px-Hieronymus_Bosch_-_The_Garden_of_Earthly_Delights_-_HellNoch mehr Hölle: Es gibt unheimliche Gedichte, die mich in Alpträume und in Hieronymus-Bosch-Bilder gestürzt (rechts) haben – darunter Goethes „Der Erlkönig“, Georges „Komm in den totgesagten Park und schau“ (liegt am Titel) und „Kubla Khan“ von Coleridge (auf das ich als 11-Jähriger tatsächlich wegen ELO gekommen bin). Über den Zusammenhang von Horrorfilmen und Gedichten schreibt Fabian Thomas hier auf „The Daily Frown“ und stellt den schlau klingenden Sammelband  „Metonymie“ aus dem Verlagshaus J. Frank vor (den ich nicht gelesen habe). Georg Leß interessiert mich nun sehr, ist er doch in Adrian Kasnitz’ „Parasitenpresse“ (der auch den Literaturklub Köln verantwortet).

IMG_2299In eigener Sache: Im Blog gibt es zwei neue, im Anspruch stark auseinanderstrebende Texte zu den Wanderhuren und zu Niels Werbers Lexikon der Literaturwissenschaftlichen Systemtheorie. Da ich gerade in Zeeland schreibe gibt es neue Bilder im LesenMitLinks-Tumblr. Mit Max von Malotki war ich am Dienstag in 1LIVE Plan B on Air (kommenden Dienstag sprechen wir über „Hate Radio„). Wir sprachen unter anderem über Linus Volkmanns grandios albernes Buch „Lies die Biber“ und das sehr smarte „Der Tatort und die Philosophie“ (hier nachhören). Die Uni Düsseldorf hat mein Creative Writing-Seminar online gestellt und die Wuppertal Biennale ist mit dem Programm rausgerückt.

Konsuminventur

04630eaa55Dank Matthias Kalles (Bild) Anti-Illies-Programm „Verzichten auf“ bin ich vor elf Jahren mit der „Weniger ist mehr“-Bewegung in Kontakt gekommen. „Die Grenzen des Wachstums“ vom Club of Rome steht dagegen halbgelesen im Bücherregal. Lebensmittelverschwendung ist mir bis heute ein Rätsel, weil mir quasi nie etwas verschimmelt und an aus nahezu allem eine Nudelsauce kochen kann. In Wallonien müssen Supermärkte ab sofort per Gesetz ihre bald umkippenden Lebensmittel spenden. Das gefällt mir genauso wie Amazon Dash, ein Gadget, das gerade vorgestellt wurde und konsequent zu Ende gedacht Verschwendung beendet (in Kombination mit einem Grundkurs Kochen).

Jan Drees

Ich bin Redakteur im Literaturressort des Deutschlandfunks und moderiere den „Büchermarkt“.

Im Jahr 2000 erschien mein Debütroman „Staring at the Sun“, 2007 folgte ein überarbeiteter Remix des Buchs. Im Jahr zuvor veröffentlichte der Eichborn-Verlag „Letzte Tage, jetzt“ als Roman und Hörbuch (eingelesen von Mirjam Weichselbraun). Es folgten mehrere Club-Lesetouren (mit DJ Christian Vorbau). 2011 erschien das illustrierte Sachbuch „Kassettendeck: Soundtrack einer Generation“, 2019 der Roman „Sandbergs Liebe“ bei Secession. Ich werde vertreten von der Agentur Marcel Hartges in München.

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4 Kommentare

  1. […] Ridiculous Potato: Im April hatte LesenMitLinks hier ein Gesetz aus Wallonien vorgestellt, das gegen das Wegwerfen von Lebensmitteln vorgeht. Dass […]

  2. Ich glaube lediglich, dass dem Buch eine feuilletonistische Adelung erfährt, eine Diskursqualifikation, die es nicht verdient hat. Da werden ja keine „unbequemen Wahrheiten“ debattiert, sondern ernsthaft Ideen verhandelt, die irgendwo zwischen Aluhütchen gegen Radiowellen und Rückforderung verlorener Ostgebiete liegen.

  3. Wer sowas ernst nimmt? Nicht jeder ist mit dem Köpfchen gesegnet, „Deutschland von Sinnen“ so aufzunehmen. Es ist traurig zu sehen, mit welcher Motivation Menschen dieses Buch kaufen (ich arbeite in einer Buchhandlung). Da hilft alles Durchschauen und jede ironische Akademikerdistanz nüscht.

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