Linkradar: Die Bestseller-DNA, Pornoschriften und Writing Spaces

#94 Erst kam die Frankfurter Buchmesse, danach ein zweiwöchiger Urlaub,  im Anschluss ein Braunschweiger Wochenende beim Raabe-Preis, der in diesem Jahr verliehen wurde an Petra Morsbach für ihren Roman „Justizpalast“ – und jetzt, drei in der vergangenen Woche moderierte „Büchermarkt“-Sendungen später (hier, hier und hier) ist der Linkradar wieder da – bis zur kleinen Winterpause vom 22. Dezember bis 15. Januar. (Das Beitragsbild stammt von diesem MDR-Kommentar.)

Die Bestseller-DNA: glauben Gesa Schöning und Ralf Winkler entschlüsselt zu haben und erzählen im Börsenblatt, wie ihr Tool funktioniert, das Texte auf ihre Erfolgschancen untersucht. „Dies stellt insbesondere für Verlage eine spannende Chance dar, die zum einen die Flut eingereichter Manuskripte kaum bewältigen können.“ Felix-Emeric Tota hat das Programm getestet, und hier im F.A.Z.-Blog süffisant beschrieben, welche Chancen sein aktuelles Romanmanuskript hat: „Bestseller-DNA erkennt Gemeinsamkeiten zu „Reise ans Ende der Nacht“ (L.-F.Céline), „Der Fänger im Roggen“ (J.D. Salinger), „Ich bin dann mal weg“ (H. Kerkeling) und zum Voynich-Manuskript, wovon sich der Algorithmus nicht hat beeindrucken und stattdessen zu der Meldung hat hinreißen lassen: „Error 404 – Bestseller-Score konnte nicht gefunden werden.“

Die Krümel vom Kuchen: können häufig nur noch verteilt werden, wenn man Diogenes-Verleger Philipp Keel glauben möchte, der im F.A.Z.-Interview aus dem Literaturgeschäft erzählt. „Praktisch auf der ganzen Welt ist der Buchmarkt in den vergangenen siebzehn Jahren um die Hälfte eingebrochen. Von Kollegen aus Amerika höre ich, dass es dort sogar noch schlimmer ist. Von einem Debüt werden nicht einmal zweitausend Exemplare verkauft, in einem Land mit 325 Millionen Einwohnern ist das bestürzend. (…) Es verdienen alle nur noch die Hälfte, die Autoren, die Verlage, die Buchhandlungen.“ Die Lösung: Eine Rebellion. „Bücher und Geschichten werden nie aus der Mode kommen, sie sind das, was alles andere überleben wird. Es geht darum, den Unterhaltungsfaktor in der Literatur ins Zentrum zu stellen und unsere Autorinnen und Autoren einem großen Publikum vorzustellen. Die Veranstaltungen mit Diogenes-Autoren sind so gut besucht wie noch nie.“

Unverlangt eingesandt: werden Manuskripte an alle Verlage, egal, ob hier Behörden-Telefonbücher oder Einstellungstest für die Feuerwehr auf den Markt gebracht werden. „Manche Menschen machen sich nicht einmal die Mühe, unsere Namen herauszusuchen, sie schreiben dann „An den Verlag“ oder „Bitte ans Lektorat weiterleiten“ und vergessen, den E-Mail-Verteiler mit den fünfzig Verlagen, an die sie ihr Manuskript verschicken, auf Blindkopie zu stellen.“ Die Kollegen von Culture Books haben hier sehr schön erklärt, warum sie keine Einsendungen prüfen und weshalb sich jeder Autor eine Agentur suchen sollte, weil Verlage besseres zu tun haben, als „täglich Absagemails schreiben zu müssen – oder schreiben zu lassen, weil sich jemand mit den Kochrezepten aus Urgroßmutters Nachlass („Scans der Originale in Sütterlin im Anhang, Sprache vermutlich Schlesisch“) zu uns verirrt hat, oder weil ein verblendeter Männerrechtler glaubt, seine frauenfeindlichen Pornoschriften seien ausgerechnet bei uns besonders gut aufgehoben.“

Mit Rechten prämieren: das klappte in unserem schönen Nachbarland Österreich gerade nicht so gut, wie es gerade hier in Standard nachzulesen war. „Der diesjährige Kulturpreis des Landes Kärnten geht an den Schriftsteller Peter Turrini. Wie Kulturreferent Landesrat Christian Benger (ÖVP) nach der Regierungssitzung am Dienstag vor Journalisten sagte, wurden die Vorschläge für die Preise einstimmig angenommen. Das Kulturgremium hatte sich allerdings erst für Schriftsteller Josef Winkler ausgesprochen und wollte den Preis teilen – Benger entschied dagegen.“ Der ORF meldete: „Eine Reaktion gab es auch von der FPÖ. LR Gernot Darmann sagte, die Freiheitlichen würden sich gegen eine Ehrung Winklers verwehren. „Wie immer Kulturreferent Benger nun vorgeht, seitens der FPÖ würde es in jedem Fall eine Ablehnung Winklers geben. Der bekannte Kärnten-Beschimpfer Josef Winkler mag vieles verdient haben, aber sicherlich nicht den Kärntner Landeskulturpreis’“

Pausenbild

WritingSpaceProject: Auf dieser Instagram-Seite werden Bilder gesammelt, die Schriftsteller-Schreibtische zeigen, „The spaces where writers research, nap, procrastinate, and, eventually, write“, hier im Pausenbild z.B. den Schreibort der amerikanischen Kurzgeschichtenautorin Emma Straub.

Konsuminventur

Mit der Pumpgun gegen Pressfleisch: Natürlich liegt es auch an Attila Hildmann, dass die Berliner Morgenpost gestern „Der vegetarische Metzger“ vorgestellt hat, einen Konzeptladen von David Meyer und Gründer Jaap Korteweg (Bild). „Wie sehr fleischlose Imbiss-Wurst und Burger in den Medien präsent sind, zeigte sich zuletzt bei dem vegan produzierenden Attila Hildmann“, schreibt die Morgenpost. „Als Ende Oktober eine ‚Tagesspiegel‘-Kritikerin dessen Burgerqualität verriss, eskalierte die Situation. Seine Antwort garnierte Hildmann mit einem Foto von sich mit Pumpgun und beschimpfte die Kritikerin. Solche Probleme hat Meyer bislang nicht. „Unsere Currywurst hat mehrere erste Preise in der Stadt gewonnen, sogar die New York Times hat uns gelobt.“ Hildmann hat sich inzwischen entschuldigt.

Buch der Woche

Das Buch der Woche kommt aus dem Archiv: Der Ex-Junkie Harry umgarnt die Blumen-Verkäuferin Soja im geteilten Berlin des Jahres 1987. Die nymphomanische DDR-Bürgerin lässt sich geradezu anfixen vom Liebling-Kreuzberg-Charme des Westberliners und liebt ihn bis zu dessen schnellem Lebensende. Harry stirbt an AIDS. Zurück bleiben sein Notizbuch und Sonjas Erinnerungen an eine privat wie politisch brüchige Zeit, als dieser infizierte Wohlstands-Kerl aus den blühenden Landschaften in den grauen, braven Osten kam, das Blumenmädchen, das bessere Leben übernehmen. Man muss eine Annexionsparabel auf die Wiedervereinigung herauslesen aus dieser souverän komponierten Geschichte, die einen manchmal schwindelig werden lässt vor Begeisterung. Katja Lange-Müller belastet, schindet, schleift ihr Ost-West-Deutsches Liebespaar, lässt es mal harsch, dann wieder hoch diplomatisch um ein gemeinsames Leben ringen. Hier fordert der siechende, Heroin köchelnde Westen „Solidarität“, während die solide DDR in der Küche steht und

stärkende Brühe aufsetzt. Die Rollen sind dabei stets ambivalent. Harry = BRD, Sonja = DDR, das geht nicht exakt auf. Analogien werden vertauscht, wenn der Kriminelle erkennt, dass er und Erich Honecker die Erfahrung einer zehnjährigen Haft teilen. „Ihm haben sie die ganze Jugend versaut.“ Nur manchmal zuckt man zusammen, so in dem Moment, als Harry im Badezimmer steht, das rote Handtuch „wie ein Matador“ schwenkt und „Friede“ ruft. Das ist großer, vor allen Dingen anrührender Kitsch. Bis alle Mauern fallen und man weiß: Dabei mag Freiheit, dabei wird aber auch viel Schutt entstehen. (Katja Lange-Müller: „Böse Schafe“, KiWi, 208 Seiten, 16,90 Euro)

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