Rezension: Paradise lost

Nun ist es raus: Die deutschen Rechte am Werk des britisch-tansanischen Literatur-Nobelpreisträgers Abdulrazak Gurnah hat sich der Münchner Penguin-Verlag gesichert. Wir können uns daher auf einen großen Erzähler freuen, dessen Werk bald komplett auf Deutsch vorliegen dürfte, auf einen Erzähler, der ohne Schuldzuweisung und mit viel Ironie von afrikanischer Kolonialgeschichte erzählt – derb, poetisch, keinesfalls „woke“, was beispielsweise sein vierter „Paradise“ zeigt.

Zwei Wochen sind vergangen, seit die Schwedische Akademie bekanntgab, der Literatur-Nobelpreisträger 2021 heißt: Abdulrazak Gurnah, 1948 geboren im ostafrikanischen Sansibar. Die Jury begründete ihre Entscheidung, Gurnah werde geehrt für „sein kompromissloses und mitfühlendes Durchdringen der Auswirkungen des Kolonialismus und des Flüchtlingsschicksals in der Kluft zwischen Kulturen und Kontinenten.“ Das klang deutlich nach einer eher politisch denn nach einer literaturästhetisch motivierten Auszeichnung (Nele Pollatschek hat hier in der SZ das Thema aufgegriffen). In Deutschland ist Gurnah wenig bekannt, er hat keine hohen Auflagen gehabt, die Rechte an seinen Werken lagen zum Zeitpunkt der Nobelpreisbekanntgabe bei keinem einzigen deutschen Verlag. Daher gab es am Donnerstag vorvergangener Woche nur noch antiquarische Ausgaben, die schnell ausverkauft waren.

Ich hatte das Glück „Paradise“ lesen zu können – die ersten 50 Seiten auf Englisch, dann jene 1996 unter dem Titel „Das verlorenes Paradies“ bei Krüger (und später im Taschenbuch bei Fischer Frankfurt) erschienene Ausgabe auf Deutsch. Und diese Lektüre war eine große Überraschung, denn was wir hier lesen ist ironisch, britisch, überhaupt nicht moralisierend, also nicht so „woke“, wie es die Jury-Begründung erstmal vermuten lässt.

„Paradise“ spielt Ende des 19. Jahrhunderts im deutsch-britisch kolonisierten Sansibar und erzählt von einem 12-jährigen Jungen – Yussuf – der unter ärmlichen Bedingungen in einem kleinen Kaff aufwächst, wo sein Vater ein ebenfalls sehr kleines Hotel mit lediglich vier Betten betreibt. Die Geschäfte laufen schlecht, permanent hat Yussuf Hunger und bekommt dann beispielsweise von seiner Mutter gesagt, er sollte halt die Holzwürmer essen, die im Gebälk ihres Hauses nagen – das klingt böse und ist zugleich noch einer der harmloseren Scherze in diesem Buch.

Yussuf, benannt nach dem gleichnamigen Koran-Propheten – in der Bibel kennen wir ihn als träumenden Josef – widerfährt ein furchtbares Unglück. Weil die Schuldenlast für seinen Vater unerträglich wird, gibt er Yussuf einfach fort. Der Junge muss bei einem reichen, arabischen Gläubiger schuften – und lernt dort nicht nur einen neuen Freund kennen, sondern auch en passant, dass die Welt um ihn herum im Wandel und das Paradies – da sind wir beim Titel des Romans – dass dieses Paradies sehr fern ist.

Jahrhundertelang hatte eine arabisch-muslimische Schicht die Macht in Sansibar, die nun aber schwindet zugunsten europäischer Kolonisten; worunter auch der neue Herr dieses kleinen Yussuf leidet. Auf diese Weise sehen wir: egal woher wir kommen, egal, wie wir ausschauen, so haben wir doch ähnliche Sehnsüchte, Hoffnungen, Wünsche – die sich ebenfalls: meistens nicht erfüllen, womit wir irgendwie klarkommen müssen. Das klingt erdenschwer und doch steckt eine Lebensfreude im Buch, wie auf Seite 122 nach einem Gespräch über die deutschen Kolonialherren, wenn einer der muslimischen Figuren sagt: „Was soll dieses trübsinnige Gerede. Was ist denn so wundervoll an dem Leben, das wir führen? Haben wir nicht genug, das auf uns lastet, auch ohne solche schrecklichen Vorhersagen? Alles liegt in Gottes Hand und so soll es auch bleiben. Vielleicht ändern sich die Dinge, aber nach wie vor wird die Sonne im Osten aufgehen und im Westen untergehen. Schluß mit diesem verdrießlichen Geschwätz.“

Yussuf muss im Geschäft des Geschäftsmannes schuften. Und ihm wird eingeschärft: „Wenn ein Kunde einen Witz macht, lächele, bis du einen Furz läßt, wenn es sein muß, aber wage es nicht gelangweilt dreinzuschauen.“ Mit Darmwinden geizt Gurnah nicht, viel später wird er auf diese und auch auf andere körperliche Unflätigkeiten zurückkommen. „Paradise“ ist immer mal wieder derb, handfest, es werden schmutzige Witze gerissen, häufig auf Kosten von Yussuf, diesem naiven Schönling, der von Frauen wie Männern gleichermaßen begehrt wird.

Permanent ziehen sich die Figuren in „Paradise“ gegenseitig auf – so bekommt die Geschichte enormen Schwung. Gleichzeitig werden alle Bevölkerungsgruppen auch als Rassisten dargestellt, allen voran die Araber, die das Land jahrhundertlang ausgeplündert haben – und die nun unter Druck geraten durch europäische Kolonisten. Und dann gibt es da noch die Inder: „’Traue nie einem Inder!’ stieß Mohammed Abdalla wütend hervor. ‚Der verkauft dir seine eigene Mutter, wenn es einen Gewinn abwirft. Seine Geldgier kennt keine Grenzen. Wenn du einen siehst, macht er einen schwachen und ängstlichen Eindruck, aber für Geld wird er überall hingehen und alles tun.“

Als sich wiederum die sansibarischen Expediteure während eines krachenden Gewitters ängstigen, werden sie – wieder von einem Araber – verlacht: „Warum singt ihr nicht ein Lied, um den bösen Zauber zu bannen? Oder eßt ekelerregendes Pulver, das irgend so ein Hexenmeister für Euch zubereitet hat? Kennt ihr keine Zaubersprüche? Warum schlachtet ihr nicht eine Ziege und lest in ihren Eingeweiden? Ihr Leute seid versessen auf Dämonen und Vorzeichen. Und ihr bezeichnet euch selber als Männer von Ehre und tut so großartig. Los schon, singt uns ein Lied, um den bösen Zauber zu vertreiben.“

Das ist große Literatur, da „Paradise“ nicht schuldzuweisend argumentiert. In der Figurenrede entlarvt sich jeder irgendwann. Im Mittelteil dieses Romans zieht der reiche Kaufmann – übrigens ein Araber – mit Yussuf und einem bunten Tross angeheuerter Männer durchs Binnenland Sansibars, um Karawanenhandel zu treiben. Aufgrund der Gräueltaten und Absurditäten, die das Expeditionsteam dort erlebt, wurde „Paradise“ hin und wieder verglichen mich Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ – aber dieser Vergleich hinkt. Gurnahs Blick ist menschenfreundlicher als des polnisch-britischen Schriftstellers, der hundert Jahre früher seine bahnbrechenden Werke wie „Der Niemand von Narzissus“ (1897), „Nostromo“ (1904) oder „Die Schattenlinie“ (1917) veröffentlichte.

Auf der „Paradise“-Reise gibt es echte, glaubwürdigere „Clash of Culture“-Begegnungen. Nicht nur das Expeditionsteam ist divers zusammengewürfelt, sie treffen auch auf Einheimische, die sich mal mehr, mal weniger zivilisiert verhalten. Und sie erzählen einander Geschichten, beispielsweise von den Russen, die als sehr unkultiviert beschrieben werden, weil in Russland sogar die Kinder saufen würden. Auf diese Weise dreht Abdulrazak Gurnah sehr geschickt den fremd-rassistischen Blick auf eine andere Kultur. Für viele Afrikaner sind nämlich Europäer die eigentlich Wilden. Deutsche werden als rotgesichtige Idioten mit Haaren in den Ohren beschrieben – und als erbarmungslose Pedanten:

„Bewundernd sprach er von ihrer Strenge und Unerbittlichkeit. Jeder Verstoß wurde bestraft, wie sehr das Opfer auch um Gnade flehte oder sich zu bessern gelobte, erzählte er. ‚Wenn bei uns ein Schuldiger Reue zeigt, fällt es uns schwer, ihn zu bestrafen, vor allem wenn der Urteilsspruch hart ist. Leute kommen, lege ein gutes Wort für ihn ein und bitten für ihn, und wir alle haben Menschen, die uns nahestehen und jämmerlich wehklagen. Beim Deutschen ist es genau anders herum. Je härter die Strafe, desto unerbittlicher und unversöhnlicher ist er. Und die Bestrafung ist immer hart Ich glaube, sie strafen gerne. Sobald der Deutsche das Urteil über dich gefällt hat, kannst du bitten und flehen, bis dir die Zunge anschwillt, er wird vor der stehen, mit unbewegtem Gesicht und ohne Scham.“

Bemerkenswert ist die Ironie am Anfang des Zitats, einer von vielen derartigen Stellen aus „Paradise“; ein Buch übrigens, dass eine sehr große Lust am epischen Erzählen zeigt – und das durchaus auf eine sehr britische Weise. Was wiederum kaum verwunderlich ist. Seit Ende der 1960er Jahre lebt Abdulrazak Gurnah in Großbritannien, hat dort als Literaturprofessor gearbeitet. Das spürt man; kennt vielleicht nicht alle Speisen, kann nicht jedes hier beschriebene Kleidungsstück direkt zuordnen, aber es entsteht kein Gefühl von Exotismus. Leid und die Absurditäten des Lebens stehen immer zusammen, Tragik auf der Einen und Komik auf der anderen Seite werden gleichzeitig betrachtet in einer Weise, die eben nicht zum Moralisieren einlädt, sondern dazu, die Welt als das zu nehmen, was sie ist: komplex.

Glücklicherweise war schnell absehbar, wann Abdulrazak Gurnah wieder auf Deutsch gelesen werden kann. Seit 2006 ist keine einzige Übersetzung des diesjährigen Nobelpreisträgers in Deutschland erschienen, obwohl er 2006 zum Fellow der Royal Society of Literature gewählt wurde und 2016 Juror war beim renommierten Man Booker Prize – auf dem antiquarischen Markt werden britische Erstausgaben von Gurnah mit bis zu 2000 Euro angeboten. Ins Deutsche übersetzte Exemplare sind nirgendwo erhältlich, elektronische Ausgaben gibt es ebenfalls nicht, weil niemand die Verbreitungsrechte hat.

Um diese Rechte wurde über zwei Wochen hinweg geboten. Einige deutschsprachige Verlage waren im Rennen. Sie mussten sich einigen mit der britischen Literaturagentur RCW, die auch hierzulande bekannte Schriftsteller unter Vertrag hat wie Nick Hornby, Edward StAubyn, Donna Tartt und László Krasznahorkai, der ebenfalls Anwärter auf den Literatur-Nobelpreis ist.

Bei solchen Schwergewichten ist üblich, dass sofort das komplette Werk verkauft wird, was aber eben nicht jeder Verlag mal eben so stemmen kann. Hanser, die zahlreiche Nobelpreisträger*innen im Programm haben, boten nicht mit. Luchterhand ist ebenfalls nicht ins Rennen eingestiegen, jedoch Blessing und Penguin aus der gleichen Verlagsgruppe. Suhrkamp hielt sich wie immer bedeckt und wollte nichts verraten. Dass sich sowohl der Fischer-, als auch der Berlin-Verlag um die Rechte kümmern würden, war klar, weil dort bereits Übersetzungen von Romanen Abdulrazak Gurnahs erschienen sind. Nun gibt es endlich Gewissheit. Die deutschen Rechte hat der Penguin-Verlag erhalten und verkündet in seiner Pressemitteilung:

„In den kommenden Monaten werden erste, bereits ins Deutsche übersetzte Werke wieder verlegt werden, gefolgt von der deutschen Erstveröffentlichung seines zuletzt erschienenen Romans ‚Afterlives’ (2020). Begleitend zu den Publikationen sind Auftritte und Medientermine mit dem Autor in Deutschland, Österreich und in der Schweiz geplant.“

Wir können uns also freuen, nicht nur auf „Paradise“, sondern auch auf die vielen weiteren Romane dieses großen Schriftstellers, dem auf unterhaltsame Weise gelingt, das Fremde sowohl ein wenig näher, als auch auch humorvoller zu betrachten. Abdulrazk Gurnah – dieser Mann ist ein Glücksfall für die Literatur, der es verdient gehabt hätte, auch ästhetisch gewürdigt zu werden von dem Nobelpreiskomitee in Stockholm, denn was ihn auszeichnet, ist weniger die Literarisierung einer Kluft zwischen den Kulturen, sondern das uns alle als Menschen Verbindende.

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