Gastbeitrag: Mike Litt über Wolfgang Welt

Am vergangenen Sonntag starb Wolfgang Welt im Alter von 63 Jahren. Im „Büchermarkt“ des Deutschlandfunks habe ich binnen einer Stunde die Sendung komplett umgeschmissen, um mit Frank Witzel und Martin Willems Erinnerungen auszutauschen. Kennengelernt habe ich Wolfgang Welt aber durch 1LIVE-Moderator Mike Litt, der später auf Facebook einen bewegenden Abschiedsbrief schrieb, den ich hier im Blog noch einmal herzeigen möchte, weil er wirklich, wirklich bewegend ist.

Ich glaube, ich war kurz hinter Utrecht, als ich beim Steuern des Autos durchs Gewitter kurz aufs Handy schaute und bemerkte, dass zwei Menschen innerhalb weniger Minuten angerufen hatten, mit denen ich schon länger nicht mehr gesprochen hatte. Norbert Kurz, Ewigkeiten der Chef des legendären Clubs „Zwischenfall“ in Bochum, und Jan Drees, der Literaturmann. Wäre ich ein Superkombinierer, ich hätte sofort gewusst, warum die beiden versucht hatten, mich zu erreichen. Norbert Kurz war es, der mich mit Wolfgang Welt bekannt gemacht hatte. Jan Drees zählt zu den Menschen, die mein eigenes Buch, das mit einem Zitat von Wolfgang Welt beginnt, sehr aufmerksam gelesen haben und daher um die Bedeutung Wolfgangs für mich weiß. Jetzt sitze ich hier nachts auf einem holländischen Campingplatz, der Himmel ist klar, was nicht zu erwarten war nach dem ganzen Regen heute, und ich kann nicht anders, als noch ein paar Sätze über und für Wolfgang zu schreiben.

Norberts Nachricht auf der Mailbox habe ich immer noch nicht gehört (ich habe wohl Angst vor der Trauer, die darin zu hören sein wird), es war die Nachricht von Jan, über die ich erfahren habe, dass WoW verstorben ist. Jan bat mich, in seiner Sendung beim Deutschlandfunk etwas zum traurigen Ereignis zu sagen. Aber ich war ja hinter Utrecht, schon fast auf Höhe Amsterdam, und überhaupt … zu Wolfgang muss ich schreiben, weil er dafür gesorgt hat, dass ich schreibe. Klar, ich habe Liebesbriefe geschrieben, Aufsätze in der Schule, all das, was man so macht, wenn man gelernt hat, zu schreiben. Aber dass ich Journalist werden wollte (obwohl der Begriff Journalist ja nicht so richtig greift, wenn man sich als Schüler Wolfgang Welts versteht), das kam vor allem durch ihn. Ich hab’s in meinem Buch ja sehr ausführlich beschrieben, wie das damals war.

Wie mich die Artikel von Wolfgang Welt begeisterten, wie sie in mir den Wunsch wachsen ließen, selber ein Schreiber zu werden. Ich hatte schon ein paar Jahre als Lokalzeitungsreporter hinter mir und war inzwischen außerdem ein Hybrid aus DJ und Barkeeper und gelegentlicher Popjournalist, als ich Wolfgang Welt persönlich im „Zwischenfall“ kennenlernte. Diese Minuten werde ich nie vergessen: Wolfgangs einzigartiger, großer Humor, der in all dem Grau seiner eigenen Texte für Menschen, die ihn nicht kannten, wohl seltener erstrahlt, war überwältigend. (Ich habe jetzt lange nach dem richtigen Wort gesucht. Wenn ich sage „überwältigend“, dann meine ich das auch so.) Zuletzt habe ich ihn Ende 2015 kurz getroffen. Dort, wo man ihn traf.

In der Pforte vom Schauspielhaus Bochum. Da war er schon weit weg. Ende 2012 hatte ich ihn gebeten, auf die Bühne zu kommen, als ich mit meinem Buch im „Bahnhof Langendreer“ zur Lesung zu Gast war. Da war er noch mehr da. Intensiv war der Abend vor ein paar Jahren, als wir uns gemeinsam das Musical „Buddy Holly“ anschauten. Ich hatte Karten in den Promi-Sitzreihen besorgen können und da guckten wir uns dieses Stück an, das für Wolfgang eben viel, viel mehr als für viele andere Leute neben uns bedeutete. Buddy Holly war sein Held, dessen Musik – wie ja in seinem Debut nachzulesen ist – die Zündung für ihn war. Alle Ungenauigkeiten, alle geschmeidigen Verbiegungen bei den historischen Fakten korrigierte Wolfgang während der Vorstellung laut und deutlich. Ein Wissenshow-Moderator mit Kölner Schnurrbart, der neben ihm saß, war genervt. Er hatte keinen Schimmer!

Während der Pause hatte ich Schwierigkeiten, Wolfgang wieder zu finden, nachdem ich kurz auf der Toilette war. Er hatte sich einen ruhigen Ort zum Entspannen gesucht, vielleicht wäre er ohne mich auch dort geblieben, ohne sich den zweiten Teil dieses Comics zu geben.

Die beste Buddy-Holly-Story bekam ich hinterher, als Wolfgang mir dann während der Rückfahrt nach Bochum noch einmal persönlich und in ungeschriebenen Worten erzählt hat, wie das damals auf der Kirmes in Bochum-Langendreer auf der Wilhelmshöhe war mit dem Holly-Sound an der „Raupe“ … wer auch immer das jetzt gerade liest, bitte höre Dir „Brown Eyed Handsome Man“ an. Denke an die 60er Jahre (was man sich so vorstellt), denke ans Ruhrgebiet, denke an diesen Mann namens Wolfgang Welt und mich, wie wir gerade von der A40 bei Dortmund-Lütgendortmund nach Bochum-Langendreer abfahren. Da sind wir dann ja auch schon auf der Wilhelmshöhe, wo so vieles von dem, was Wolfgang Welt beschrieben hat, spielte, stattfand, für immer lebendig bleiben wird. Die berühmte Mansarde, das Elternhaus. Da hat er gelebt und geschrieben über Menschen, wie er mal sagte, deren Namen vielleicht nie auf einem Grabstein stehen werden. Da haben wir mal seinen Geburtstag gefeiert – er, Norbert und ich – und es war ein echtes Fiasko. In einem seiner Bücher hat er diesen Abend dann aber liebevoll ganz anders beschrieben – und da habe ich begriffen, dass er nicht nur diesen besonderen Humor hatte. Er schrieb auch mit Liebe und obwohl man ihn für einen der krassesten Realisten halten könnte, lag auch ihm daran zu schreiben, wie es hätte gewesen sein können.

Ach, Wolfgang, nun schreiben sie alle, dass Du der Verkannte warst. Das stimmt! Vorher hieß es immer: „Er ist verkannt. Und wenn er in Rente geht, wird er von staatlicher Unterstützung leben müssen.“ Nee, den Deckel hast Du bezahlt! Du hast Dich jetzt verabschiedet ohne offene Rechnungen. Du hast verdammt viel auf den Tisch gelegt. Jetzt raus, leider viel zu früh, leider ohne verdiente Preise und Ehrungen, die Dir in ein paar Jahren „mehr“ sehr gut getan hätten. Du aber hast – und das ist neben deinem Humor und deiner Liebe noch unbedingt zur Sprache zu bringen – immer ganz großzügig gegeben. So viele Worte, so viel Seele! Wenn Du jetzt sagen würdest: „Der Text ist irgendwie beschissen angehaucht“, es wäre gut, ich würde wieder lachen … was ich jetzt gerade nicht kann. Schlaf‘ gut, großer Wolfgang Welt!

6 thoughts on “Gastbeitrag: Mike Litt über Wolfgang Welt

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  2. Jürgen Welt on

    Lieber Mike Litt,
    ich möchte mich recht herzlich für die Sendung und diesen Artikel bedanken. Ihr alle, die Ihr in der letzten Woche Eure Anteilnahme an Wolfgangs Tod bekundet habt, habt uns eine Menge Trost gegeben.
    Wir hoffen, dass er in Eurem Herzen und in Eurem Gedächtnis seinen Platz behält.
    Alles Liebe (auch im Namen meiner Schwester)
    Jürgen Welt

    • Mike Litt on

      Lieber Jürgen, liebe Familie, Euch viel Kraft sowie alles Liebe & Gute in der Trauer! Wolfgang kann nicht vergessen werden!
      Mike

        • Lieber Jürgen, Ihr alle – danke. Ich las in den vergangenen Tagen wieder viel Wolfgang Welt und ich denke freilich auch an Euch. Alles, alles Liebe und meine aufrichtige Anteilnahme, Jan

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