Schreiben als Glück

Über den englischen Schriftsteller William Somerset Maugham (Bild) wird berichtet, er habe beim Schreiben immer einen speziellen Hut aufgesetzt, bevor er seine Geschichten erfinden konnte. Popautor Jack Kerouac zündete stattdessen eine Kerze an. Der jüngst verstorbene Johannes Mario Simmel brauchte, bis zum Entzug, edle Havannas und guten Whiskey. In Amerika gibt es inzwischen sogar Videos, in denen erklärt wird, wie ein Buch geschrieben wird, in Anlehnung an Skateboard- und DJ-DVDs, die Tricks, Sprünge und Scratches verraten. Wer schreiben will, sucht Rituale. Das kann der Hut von Maugham sein, oder auch eine spezielle Uhrzeit. Thomas Mann hat vormittags an seinen Romanen geschrieben und nachmittags Post beantwortet.

Franz Kafka musste bis zum Bürofeierabend warten. Aber alle Zeiten, Hüte und Kerzen haben nur einen Zweck: Sie bringen den Künstler in Stimmung. Es ist wie in einer katholischen Kirche. Spirituell wird es erst, wenn die Lichter leuchten, das Glöckchen bimmelt, wenn die Orgel ertönt und Weihrauch durch die Reihen zieht. Mit der neuen Zeit, der anderen Kopfbedeckung, mit dem warmen Licht oder fremden Duft beginnt der langsame Gang von der einen (Alltags-)Welt in die andere, erdachte, verträumte (Literatur-)Welt. Wer sich tief spürt, weit weg von allen Rollen, Erwartungen, weit weg vom Stress in Schule, Studium, Beruf, wer bereit ist, in sich zu ruhen, der wird schreiben, von allein. Wer sich tief spürt, der ist offen für neue Bilder oder längst verschüttete Erinnerungen, für echte Gefühle und wahrklingende Worte. Und dann kommt, mit jedem neuen Text, das Glück zurück.

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