Essay: Spiel mir das Lied vom Tod, Hartmut Lange

Gerade erscheint der neue Erzählungsband des großen Schriftstellers Hartmut Lange – in der aktuellen Ausgabe von „Der Freitag“ stelle ich „Der Blick aus dem Fenster“ umfassend vor. Zugleich wird kommende Woche Freitag die neuen Ausgabe der Literaturzeitschrift „Am Erker“ in Münster vorgestellt – darin enthalten ist dieser Essay über Lange, den ich hier im Blog erstmals veröffentliche.

„Wenn so etwas wie 9/11 ein weiteres Mal passiert, schalte ich zwei Wochen lang alle Geräte aus: Push-Nachrichten, Internet, Telefon, auch den Fernseher. Die Zeitungen kommen ungelesen in die Mülltonne.“ Das sagte vor Kurzem einer meiner besten Freunde beim Kaffee in Wuppertal. Ich überlegte kurz und dachte dann: „Mein lieber Freund hat Recht.“ Kaum auszudenken ist, in welch vernichtender Weise die mediale Welt verrückt spielen, wie Facebook-Kommentatoren, Spiegel-Online- und BILD-Hysteriker den Newsfeed explodieren lassen würden, sollte eine weitere, Epoche machende Katastrophe unser westliches Leben heimsuchen – angesichts jenes Informationsinfarkts, der nach dem tragischen Germanwings-Verkehrsunfall in den französischen Alpen beobachtet werden konnte. Ich fragte mich: „Woher kommt dieses Gedankenchaos als Reaktion auf – ja was eigentlich? – das Monströse, das Schicksal, den Tod?“ Mussten unsere steinzeitlichen Urahnen fürchten, plötzlich von einem Säbelzahntiger angefallen zu werden, so leben wir Jetztzeitigen in stets angespannter Erwartung des nächsten Eilnachrichten-Sturms, der flächendeckend die ohnehin glimmende Welt in Brand setzt.

Wie in mystischen Zeiten des Mittelalters sind wir im Jahr 2015 wieder konfrontiert mit Mirakelerzählungen, mit Apokalypse- und Chaos-Visionen, die sich genau darum drehen: um das Monströse, das Schicksal, den Tod. Unsere einst gesicherte, manchmal sogar vom hellen Licht der Aufklärung erleuchtete Welt steht nunmehr im Dauerfeuer der ständigen Spekulation und der fragwürdigen Kontingenzbewältigung. Es ist kein Wunder, dass deshalb der spekulative Materialismus, dass verschiedene konstruktivistische Theorien und dass der neumodische #Akzelerationismus philosophische Konjunktur haben.

Wie fern und doch tröstlich wirken dagegen diese Sätze des Schriftstellers Hartmut Lange, die er mir bei einem Treffen im Deutschen Historischen Museum zu Berlin am 20. Januar 2009 in den Notizblock diktierte: „Es gibt Leute, die können die Vorstellung nicht aushalten, dass sie eine flüchtige Erscheinung sind. Den Nihilismus nehmen die einen sozusagen als wissenschaftlich erwiesen an, und dann gibt es Leute, die können es nicht annehmen. Man muss das Pascalsche Erschrecken haben. Das haben nicht alle. Das hatte Kierkegaard ganz stark. Kierkegaard ist umgetrieben worden. Wenn der nicht Gott ständig bewiesen hätte, wäre er tot umgefallen.“

Lange kann oder will sich keinen Gott beweisen. Er hat eine andere Strategie: „Bei mir ist das Bewusstsein so stark entwickelt, so narzisstisch veranlagt, dass es die eigene Belanglosigkeit nicht akzeptieren kann. Wenn Sie sich gedanklich übersteigen, können Sie sich eigentlich nur noch eine Vorstellungswelt aufbauen. In der Kunst ist der Mensch im Übersteigen seiner eigenen Natürlichkeit erlöst. Das heißt, er kann eine Welt schaffen, die es nicht gibt, aber auch rein aus dem Verstande ist, aus der Phantasie. Die Kunst ist deswegen transzendent. Ich glaube, dass Künstler umgetriebener sind als Rezipienten, nicht? Also sie können sich an Kunst erbauen, sie können getröstet werden, aber die Leute die sie hervorgebracht haben, die sind immer im Fegefeuer.“

Die Kunst als Religion? 

Deutlich wird, dass es um Größeres geht, ums Eingemachte. Lange fragt, was nach dem Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit geblieben, und welcher je subjektive Horror vom Firnis der Zivilisation zaghaft bedeckt ist. Bei ihm geht es um überzeitliche Fragen, die viele Hysterien unserer Zeit noch absurder erscheinen lassen, als sie es ohnehin auf den bereits ersten Blick sind.

Langes Texten erinnern daran, dass unser Bewusstsein wahrhaftigere Wagnissen zu bestehen hat als jene, die uns in dieser Echtzeit-Phase des Anthropozäns anfallen. Im Lichte dieser Literatur kann ein Statement gegen die Erschöpfung betrachtet werden, wie sie uns allen allzu gut bekannt sein dürfte. Und so beschloss ich, das Werk dieses Schriftstellers zu lesen, immer wieder, bis ich die Erscheinungen jener narzisstischen Kränkung, dass alles Sein doch nur ein Sein zum Tode ist, für mich zum Begriff erhoben habe.

Hartmut Lange wurde 1937 als Sohn eines Metzgers und einer Verkäuferin in Berlin-Spandau geboren. Als er zwei Jahre alt war wurde seine Familie nach Polen umgesiedelt. Sein Vater, ein Anhänger des Nationalsozialismus, leitete eine Gendarmerie. Im Dezember 2014 schilderte Hartmut Lange im Rahmen eines Seminars, das ich an der Universität Münster gab, die ihm zuhandene Situation zum Ende des Zweiten Weltkrieges: „Zu uns kamen immer die Gestapo und die SS. Das Erste, an das ich mich erinnern kann, wo bei mir ein Angsthorizont entstand war, als einer dieser Offiziere mich auf den Knien geschaukelt hatte. Auf den Mützen, die auf dem Tisch lagen, war ein Totenkopf. Von hinten hörte man den Kanonendonner von der Weichsel. Dann sagte der eine zu mir: ‚Hörste? Guck mal da hin. Wenn die Russen dich erwischen, schlitzen sie dir mit dem Beil den Bauch auf.‘ Dann sind wir eingekesselt worden. Es folgte die Flucht, ständig ein Angriff von Tieffliegern und wir mussten immer in den Wald. Dann sind wir gefangen genommen worden. Mein Vater ist erschossen worden. Aber die Russen haben mich auf den Knie genommen und haben mir Kekse gegeben.“

In der DDR reüssierte Lange als Theaterautor und Dramaturg am Deutschen Theater im Umfeld von Günter Hacks und Heiner Müller. Obschon überzeugter Sozialist weigerte er sich, der SED beizutreten oder für die Stasi zu spitzeln. Ein Umstand, den er nicht als Heldentat missverstanden haben will: „Es ist, glaube ich, die Unerlöstheit des Subjekts. Das heißt, ich bin so subjektiv veranlagt, dass ich nicht in eine Partei eintreten könnte. Und mich der Parteidisziplin beugen. Also, ich verstehe mein eigenes Subjekt auch nicht. Ich bin sozusagen in dieser Gefangenschaft.“

Über Jugoslawien floh Lange 1965 in die Bundesrepublik und entwickelte sich nach schweren Krisen (unter anderem verursacht durch einen Horror-LSD-Trip) zum weltweit besten Novellenschriftsteller unserer Zeit. Zu seinen großen Bewunderern zählen Peter Stamm, Susan Sontag und W. G. Sebald. – Arbeiteten sich seine frühen Stücke wie das bei Suhrkamp publizierte „Marski“, noch an den Veränderungsmöglichkeiten des realen Sozialismus ab, so entwickelte Lange Mitte der Siebziger Jahre zwei überzeitlich-monströse Grundmotive. Diese sind der Tod auf der einen, die Kontingenz auf der vermutlich sogar gleichen Seite. Es sind dunkle, in der Tiefe des Menschengeschlechts wurzelnde Begriffe.

Da der bekennende Atheist Lange immer wieder (so auch oben) seine Literatur zur „Kunstreligion“ erhoben hat lohnt zur Beantwortung dieser Frage ein Blick in die Theologie, wo Kurt Wuchterl vor wenigen Jahren mit seiner Arbeit „Kontingenz oder das Andere der Vernunft“ das Verhältnis von Philosophie, Naturwissenschaft und Religion untersucht hat. Er beginnt mit der bereits in der Antike bekannten Definition, eine Aussage sei „genau dann kontingent, wenn sie möglich und zugleich nicht notwendig ist“. –  Kontingent sind nicht nur Worte, sondern „dazu gehören Zufälligkeiten wie unsere Staatsangehörigkeit, unsere gesellschaftliche Stellung, ebenso Krankheit und Schicksalsschläge, aber auch Glück und Gesundheit usw.“ Kontingenz ist also mehr als Zufall. Damit etwas kontingent erscheint, muss es möglich, aber nicht notwendig sein. Der Germanwings-Absturz war kontingenter Natur, dieser viel zu frühe Tod unschuldiger Menschen. Ein Riss geht in diesen Momenten durch unsere Gesellschaft. Die Katastrophe des uns allen drohenden Todes liegt offenbar. Dass wir sterblich sind ist nicht kontingent – aber wenn wir scheinbar „zu früh“ aus dem Leben gerissen werden (eine übrigens ganz und gar zutreffende Formulierung), fällt uns die Kontingenz unbarmherzig an.

Über Kontingenz

Wuchterl gelangt dann zu einem theologischen Kontingenzbegriff, dessen weit verbreitete, auch von Luhmann in seiner postum erschienene Studie „Kontingenz und Recht“ diskutierten Kernthese besagt, „dass Notwendigkeit allein Gott zukomme und die gesamte geschaffene Welt, also alles außer Gott, kontingent sei, weil dieses als Geschaffenes möglich, aber nicht notwendig sein müsse. Dabei wird Kontingenz eng mit dem freien Handeln eines allmächtigen, gütigen und gerechten Schöpfergottes in Beziehung gesetzt, der die Schöpfung auch anders vollzogen oder sogar ganz unterlassen haben könnte.“

Oder um zum Beleg der ähnlichen Beobachtungsweise Luhmanns anzuschließen: „Mit Hilfe des Kontingenzbegriffes ist einer der wesentlichen gedanklichen Ausgangspunkte der neuzeitlichen Wissenschaftsentwicklung formuliert worden, nämlich die Vorstellung, daß die Schöpfung der Welt durch Gott als Akt einer kontingenten (willentlichen) Selektion einer Welt aus unendlich vielen anderen möglichen Welten begriffen werden müsse. Die volle Tragweite der Umstellung des Denkens, die damit in Gang gebracht wurde, läßt sich, obwohl seit langem diskutiert, immer noch schwer abschätzen.“

Wuchterl erweitert die Definition von Kontingenz um drei nahestehende Begriffe, die auch für die Beschäftigung mit Langes Werk bedeutsam werden. Es sind die Begriffe der Kontingenzerfahrung, der Kontingenzbewältigung und der Kontingenzanerkennung. Kontingenzerfahrung meint hier die je subjektive Welt-Konfrontation. Problematisiert wird diese Konfrontation des Subjekts zum Beispiel dann, wenn nach Ursachen von Leiden und Not in der von Gott geschaffenen Welt gefragt, mithin eben jener Schöpfungszustand beklagt wird, der unter der Terminologie des so genannten Theodizie-Problems spätestens seit Hiob im Alten Testament bekannt ist (die Vertreibung Adam und Evas aus dem Paradies ist nicht kontingenter Natur, sondern im notwendigen Erbsündefall begründet, der unsere Zivilisation überhaupt erst möglich gemacht hat).

Kontingenzbewältigung meint dagegen jene intellektuelle Leistung subjektiver oder durch Wissenschaft geleisteter Art, die Wuchterl mit einem anschaulichen Beispiel zu erläutern weiß: „Eine Person, die im exakten quantitativen Verhalten eines fallenden Steins einen ihr unverständlichen physikalischen Sachverhalt vorfindet und ihn nicht in ihre Lebenswelt einzuordnen weiß, beurteilt diesen zunächst als nicht notwendig, also kontingent; sobald es ihr aber gelingt, den Sachverhalt durch die Naturgesetze zu erklären, verschwindet dieses Kontingenz, weil der vorgeblich kontingente Sachverhalt nun als notwendig erkannt wird. Wir sagen, dass damit eine naturwissenschaftliche Kontingenzbewältigung erfolgt ist.“ Ebenso sind philosophische Reflexionen einer Form der Kontingenzbewältigung.

Mit dieser Bewältigung verknüpft ist die theologische Idee der Kontingenzbegegnung. Diese steht im Gegensatz zu jener Bewältigung rein wissenschaftlicher Natur (der fallende Stein, dessen Richtung durch das Konzept der Gravitation begründbar ist). Die Kontingenzbegegnung ist metaphysischer Art und taucht in der ihr inne wohnenden Form, „weder bei Ludwig Feuerbach, Karl Marx oder Nietzsche, noch bei Sigmund Freud oder Luhmann“ auf. Die Kontingenzbegegnung ist religiöser Art. Sie erst eröffnet den Möglichkeitsraum für die Erfahrung des Göttlichen, des Übersinnlichen. Auch dieses Konzept wird bedeutsam für das Verständnis von Langes Texten. Denn eben dort werden diese Kontingenzbegegnungen permanent instrumentalisiert.

Zur Erläuterung des Begriffs bedient sich Wuchterl bei der Verzweiflungsphilosophie jenes Søren Kierkegaard, den Lange oben bereits erwähnte. In Kierkegaards Spätschrift „Die Krankheit zum Tode“ (1849) unterscheidet der Däne bekanntlich drei Ausprägungen der Verzweiflung: „Verzweiflung ist eine Krankheit im Geist, im Selbst […] verzweifelt nicht sich bewusst sein, ein Selbst zu haben (uneigentliche Verzweiflung); verzweifelt nicht man selbst sein wollen; verzweifelt man selbst sein wollen.“ – Wuchterl schreibt: „Menschen, die sich ihrer Verzweiflung bewusst sind, vollziehen Kontingenzerfahrungen im Sinne der religionsphilosophischen Kontingenz. Das Bewusstsein, an dieser ‚Krankheit zum Tode‘ zu leiden, bedeutet zugleich eine Kontingenzanerkennung – aber eben noch keine Kontingenzbegegnung; denn der Prometheus der Autonomie glaubt, ohne ein Anderes ein Selbst sein zu können. Kierkegaard führt diesen Glauben durch den Begriff der Setzung ad absurdum, die bei ihm aus der Dialektik des Selbst folgt.“

Die Selbstverbrennung

Nun hat Lange, selbst ein „unerlöstes Subjekt“, betont, dass zwei Herzen in seiner Brust schlagen; nämlich ein rationalistisches und ein emphatisches. Oder mit anderen Worten:  „Wenn ich jemanden sehe, der arm dran ist, dann kriege ich Mitleid, aber keine Gedanken.“ Diese beiden Prinzipien, das rationale und das emphatische Prinzip, sind von Beginn an Mittelpunkt seiner Prosa-Veröffentlichungen, deren Anfang eine längere Erzählung macht, die den schaurigen Titel trägt: „Die Selbstverbrennung“ (1982), und in einem kleinen Dorf an der Elbe spielt.

Eben dort, in der Abgeschiedenheit, möchte der vierzigjährige Geisteswissenschaftler Sempert eine wissenschaftliche Arbeit über den marxistischen Materialismus schreiben, über jene Idee also, die alles Religiöse zum abgestandenen Aberglauben erklärt hat. Sempert scheint in ungefähr jener vernunftgläubigen Verfassung zu stecken, wie einst Autor Hartmut Lange in der DDR. Er glaubt an die Erlösung des Subjekts durch den marxistischen Materialismus, durch veränderte äußere Umstände. Sempert macht die Bekanntschaft des morbiden Dorfpfarrers Koldehoff, der den Glauben an Gott verloren zu haben scheint, der nachts in seiner Dachkammer sitzt und mit einem Teleskop in den Himmel schaut, wo er mehr als nur Sterne zu entdecken hofft. Mit der Wissenschaft Gott erklären: Das geht meistens schief.

Beide, Sempert wie Koldehoff, suchen nach einem Weg aus dem Chaos ihrer Zeit, einen Weg aus ihrem längst erkannten „Sein zum Tode“, irgendetwas, woran sich in dieser Unerklärlichkeit ein Festhalten ist. Dabei ahnen sie, was bereits Blaise Pascal in seinen „Pensées sur la religion et sur quelques autres sujets“ (1669 postum erschienen) niederschrieb: „Denn, was ist zum Schluß der Mensch in der Natur? Ein Nichts vor dem Unendlichen, ein All gegenüber dem Nichts, eine Mitte zwischen Nichts und All. Unendlich entfernt von dem Begreifen der äußersten Grenzen, sind ihm das Ende aller Dinge und ihre Gründe undurchdringlich verborgen, unlösbares Geheimnis; er ist gleich unfähig, das Nichts zu fassen, aus dem er gehoben, wie das Unendliche, das ihn verschlingt.“

Die Geschichte wird erzählt vor dem Hintergrund einer realen Schreckenstat. Am 18. August 1976 überschüttete sich der evangelische DDR-Pfarrer Oskar Brüsewitz aus Zeitz vor den Augen seiner Gemeinde mit Benzin und zündete sich an. Nur weshalb? Wollte er vordringlich gegen die sozialistische Marginalisierung seiner Kirche protestieren? Am Tag seiner „Selbstverbrennung“, die ihm am 22. August den Tod bringen sollte, hatte Brüsewitz zwei Plakate auf das Dach seines Autos angebracht. Auf den Plakaten stand: „Funkspruch an alle …. Funkspruch an alle …. Wir klagen den Kommunismus an wegen: Unterdrückung der Kirchen in Schulen an Kindern und Jugendlichen!“ – Aber muss derjenige, der sein Dasein in derart unchristlicher Weise negiert nicht schlichtweg wahnsinnig sein, seiner Tat somit jeder rationale Grund abgesprochen werden? Oder welche andere Ausprägung von Gottesferne ließ Oskar Brüsewitz Hand an sich legen? Sagt man das so: „Hand an sich legen?“ Oder hat sich der Pfarrer nicht vielmehr aus dem Leben gerissen?

Warum lebt und warum stirbt der Mensch? Was stellt der Mensch, was stellen Menschheit wie das je eigene Subjekt an, um sich in aufgeklärten Zeiten mit dem ebenso gewissen wie dann doch zufällig auf einen hernieder stürzenden Endes zu arrangieren? Um dieser Frage zu begegnen hat Lange in „Die Selbstverbrennung“ Figuren installiert, die auf stets unterschiedliche Weise mit Tod und Kontingenz umgehen. Die Erzählung ist deshalb ein herausragendes Zeugnis der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur, weil sie die Ideen- und Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts auf gerade einmal 180 Druckseiten als stete Versuche der Kontingenzbewältigung vorstellt.

Koldehoffs Bewusstsein, das sich stets redlich um Gott bemühte, ist unrettbar beschädigt. Der belesene, intelligente Mann wollte, ähnlich wie Kierkegaard ein Jahrhundert zuvor, seinen Schöpfer begründen – aber die neu entstandenen Konzepte philosophischer wie naturwissenschaftlicher Natur haben ihm den Weg zur religiösen Kontingenzbewältigung versperrt. Er ist zu bemitleiden.

Marxist Sempert dagegen hat Gott längst aus der tröstenden Gleichung subtrahiert. Für ihn gilt, dass die Unerlöstheit des Subjekts am besten im Kommunismus aufgehoben ist, dass eben hier staatlicherseits Angebote bereitgestellt werden, die das ermöglichen, was zwischen dem Nichts aus dem wir gehoben und dem Nichts in das wir eingehen im Vordergrund stehen soll: Das gute Leben. Dass auch seine Strategie scheitern wird, dass er sich einer wissenschaftlichen Beschäftigung hingibt, die aufgrund seiner Ermattung zum Scheitern verurteilt ist, ahnt der Leser bereits auf der dritten Seite:

„Das Gesicht des Vierzigjährigen zeigte Spuren der Resignation. Es wirkte schlaff. Die blauen, etwas verschleierten Augen und das müde Lächeln, das sich in zwei tiefen Furchen über den Mundwinkel festgesetzt hatte, der von Jahr zu Jahr immer weiter zurückweichende Haaransatz, dessen Blöße Sempert durch geschicktes Kämmen der Schläfenhaare zu bedecken versuchte, die träge Art zu sprechen, das kaum merkliche Hängenlassen der Unterlippe, die Angewohnheit, den Kopf immer etwas zu sehr in Richtung Nacken zu halten, so daß der Eindruck entstand, er würde, falls Sempert diese Anstrengengung unterließ, unweigerlich mit dem Kinn auf die Brust fallen, dies alles waren Anzeichen einer nachlassenden Spannkraft.“

Koldehoffs Frau Elfriede zeichnet dagegen eine frömmige Gelassenheit aus. Sie glaubt an den christlichen Gott und tadelt ihren Gatten ob seiner Verzweiflung, ob seiner positivistischen Gottesrecherche: „Es ist immer dasselbe. Wie oft habe ich dir gesagt: Du mußt deinen Verstand demütigen, Koldehoff. Statt dessen läßt du dich von ihm unterjochen und schämst dich, und zuletzt willst du doch ganz und gar aus der Welt verkriechen.“

Wissenschaft, Marxismus, Glaube sind als vierter Versuch, der Kontingenz zu begegnen eine besonders düstere Figur gegenübergestellt. Neben den beiden Kindern Annemarie und Gerd wohnt Elfriedes vom Krieg gezeichneter Bruder Eberhard im Pfarrhaus und empfängt sein Gnadenbrot. Eberhard hat vor vielen Jahrzehnten, in den unheilvollen 30er und 40er Jahren der nationalsozialistischen Terrorherrschaft, ein besonders fürchterliches Konzept zur Kontingenzbewältigung angenommen.

Eberhard hat weder die Aufklärung noch den Weg des Kommunismus’, erst Recht nicht die Hingabe an den christlichen Erlöser gewählt, sondern wie so viele junge Menschen jener Zeit den Tod höchstselbst angebetet. Das damals gewählte Erlösungszeichen ist immer noch angebracht auf der Vorderseite seiner Mütze, die er stets im Verborgenen mit sich führt (das Aufsetzen der Mütze ist ihm strengstens verboten). Es ist ein Totenkopf, der ihn ausweist als einer jener nihilistischen Anhänger von Adolf Hitlers SS, die im Bewusstsein absoluter Kontingenzverachtung Europa in Schutt und Asche gelegt, die gemordet und wieder gemordet haben – als könnte die Angst vor der Gewissheit des je eigenen Todes mit dem Tode selbst bekämpft werden: „Ich kenne den Kitzel des Todes! Wir haben ihn geliebt! Wir haben diesen Engel empfangen und ausgeteilt, und ich lasse mich von keinem Pfaffen sentimental machen!“

Aus dieser Konstellation jener vier um ihren Frieden kämpfender Figuren entspannt sich im Folgenden ein Kampf um die Seele, der seit Mephistos Buhlerei in Goethes „Faust“ kaum erschütternder in der deutschen Literatur ausgefochten wurde. Lange, der aus dem Theater das Wissen um die szenische Dialektik mitbringt, lässt in „Die Selbstverbrennung“ die einzelnen Figuren in je unterschiedlicher Konstellation aufeinandertreffen. Sie streiten um den richtigen Weg zur Erlösung, sie suchen diese Erlösung aber auch stets selbst, wie Koldehoff, der in seinen glücklichsten Stunden die Kontemplation und in dieser eine Kontingenzbegegnung  überraschend nahe kommt: „ich sitze, wenn die Umstände es erlauben, allein in der Sakristei zwischen weißgekalkten Wänden und beobachte auf dem kruzifix meines Heilands die Schatten der hereinbrechenden Dunkelheit, und ich denke dabei an … nichts.“

Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr Nichts? Was geschieht mit und in jener metaphysischen Leere, wenn diese nicht gefüllt wird – was der westlichen Zivilisation seit der Aufklärung in keiner Weise gelungen ist, wie es der französische Schriftsteller Michel Houllebecq kürzlich erst in einem Interview mit dem Spiegel konstatierte? Und können die hunderttausendfachen Facebook-Kommentare, Hysterie-Tweets und Internettexte, deren Menge beim Germanwings-Absturz unzählbar schienen, ein Beleg sein für die komplette Seinsvergessenheit unserer Gegenwart, für das Fehlen von Strategien, die es erlauben, mit Kontingenz und den Tod an sich umzugehen?

1982 konnte Hartmut Lange nicht ahnen, wohin das gesellschaftliche Bewusstsein bis ins Jahr 2015 steuert. Aber sein Werk war ab da und ist bis heute der vornehmste Versuch, in diese metaphysische Leere zum Trost (wenn schon nicht Wissenschaft, Glaube, Ideologie) jene Anschauung zu setzen, die er selbst aufs Herausgehobendste beherrscht: Die Kunst.

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