Sibylle Lewitscharoff in Köln

Anfang März sorgte die konservative Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff mit einer Rede gegen die Reproduktionsmedizin für weitreichenden Widerspruch. Im Dresdner Staatsschauspiel sprach die Büchner-Preisträgerin voller Abscheu von so genannten „Halbwesen“, die durch Praktiken der in-vitro Fertilisation entstünden:

„Frau Doktor und Herr Doktor Frankenstein, die weithin geschätzten Reproduktionsmediziner, haben ein sauberes Arztkittelchen an. Der Vorgang selbst ist darum nichts weniger als abscheulich.“ Sibylle Lewitscharoffs Rede stieß auf starke Ablehnung. Am Mittwochabend trat sie nun beim Lesefest lit.COLOGNE in Köln auf, um ihren bald erscheinenden Roman „Killmousky“ vorzustellen. Es war ihr erster Auftritt vor Publikum nach der Dresdner Rede. Viele Veranstaltungen waren in den vergangenen 14 Tagen abgesagt worden und auch die Organisatoren der lit.COLOGNE hatten gehadert.

Rainer Ossnowski aus dem Leitungsteam der lit.COLOGNE: „Als die Dresdner Rede im Wortlaut bei uns ankam, waren wir entsetzt. Über diese Äußerungen, diese inhaltlichen Verirrungen von Frau Lewitscharoff.“ Man hatte sich dann doch für den Dialog entschieden, zusätzliche private Sicherheitskräfte angefordert und eine Podiumsdiskussion vereinbart, In dieser stellte sich Sibylle Lewitscharoff der herben Kritik an ihren Dresdner Äußerungen, wollte diese aber nicht gänzlich zurücknehmen. Gegenüber WDR Moderatorin Bettina Böttinger sagte sie auf der Bühne des Comedia-Theaters: „ Ich rücke nicht von den Grundideen dieser Rede ab. Wenn ich sie nochmal schreiben würde, rückte ich von einigen Formulierungen ab: drei oder vier.“

Die 400 Gäste im Saal hatten die Karten für besagte Veranstaltung bereits im Januar gekauft. Viele kannten die Dresdner Rede nicht und waren nun teilweise entsetzt, als Sibylle Lewitscharoff bekannte: „Natürlich werden über Kinder, die mit diesen modernen Methoden gezeugt worden sind, natürlich wird darüber gesprochen. Und das sind schwarze Phantasien im Umlauf, weil die Leute das auch im innersten Mark spüren, das ist etwas zutiefst Unheimliches. Und darüber wird natürlich gesprochen.“ – Während der 25-minütigen Diskussion verliessen über 80 Personen den Saal. Es gab Pfiffe und Zwischenrufe. Aber Sibylle Lewitscharoff war sich sicher, dass ihre abwehrende Haltung gegenüber der modernen Reproduktionsmedizin berechtigt sei: „Was mich in meiner grundlegenden Haltung sehr bestätigt, sind doch: Psychoanalytiker, die die jungen Menschen, die mittlerweile so gezeugt worden sind, auf der Couch haben.“

Dies wiederum führte zu energischem Einspruch von Moderatorin Bettina Böttinger: Ich frage mich tatsächlich bei den Zitaten, die ich schon gebracht habe. Sie sind eine hervorragende Autorin. Mit allen wichtigen Literaturpreisen geehrt worden in den letzten Jahren. Sie wissen um die Bedeutung eines jeden Wortes, wenn Sie einen Text schreiben. Wie konnte es passieren, dass sie so viele Begriffe, (es folgte Applaus) dass Sie so viele abwertende Begriffe in diesen Kontext gebracht haben? Einerseits war es freilich mutig von Sibylle Lewitscharoff, trotz des Unmuts beharrlich zu bleiben. Zugleich irritierte sie deutlich mit ihren teils evangelikal wirkenden, sehr harten Meinungen. Sie bat um Nachsicht, betonte auch, dass sie keinesfalls einen Menschen ablehnen würde, nur weil er im Reagenzglas gezeugt worden sei. „Ich würde übrigens auch die Mutter nicht ablehnen.“

Dennoch müsse man diese neuen Reproduktionsmöglichkeiten sprechen: „Die Dimension, in einen Menschen, in die Entstehung eines Menschen einzugreifen, das ist ein Riesenpunkt in der Geschichte der Menschheit. Und ich finde, auch wenn ich falsch liege, darüber sollte zumindest heftiger diskutiert werden.“ Mochte Sibylle Lewitscharoff das Publikum hier für einen kurzen Moment auch gewonnen haben, so verlor sie es wieder, als der Nationalsozialismus zur Sprache kam. In ihrer Dresdner Rede hatte Sibylle Lewitscharoff die neuen Reproduktionsmöglichkeiten bereits mit den Lebensborn-Heimen des Nationalsozialismus in Verbindung gebracht.

Nun bekräftigte sie erneut, dass die Anfänge der deutschen Frauenbewegung der im Nationalsozialismus wurzelten und auch in Köln sagte sie: „Die Nationalsozialisten haben mit vielen dieser Dinge angefangen (….) dass sie tatsächlich auch Versuche unternommen haben, ob man nicht schon auf künstlichem Wege das auch machen könnte. Diese Forschungsrichtung wäre also wunderbar gewesen, hätte man das auf diesem Wege schon machen können es geht ja tatsächlich um Menschenzucht.“ Moderatorin Bettina Böttinger fragte an dieser Stelle mehrfach nach: „Was hat die Frauenbewegung in den 70ern oder wie sie sich heute darstellt mit der Reichsfrauenführerin Gertrud Scholtz Klink zu tun?“

Lewitscharoff: „Die jungen Frauen heute sicher gar nimmer. Aber was die Gestalterin der frühen Zeit – ich bin ja älter auch – also das, was am Anfang so los war. Das hatte für mich eine klare Schlagseite auch dahingehend. Und zwar in dem Sinne, dass natürlich diese entsetzliche Kriegserfahrung die Frauen auch allein gelassen hat, also (…) viele Männer waren im Krieg oder verschollen. Die Frauen mussten übernehmen und viele Mütter waren im BDM gewesen und vieles davon ist einfach auch auf merkwürdigen Schleichwegen in die Anfänge der Frauenbewegung hereingeragten. Heute glaube ich nicht mehr, dass das so virulent ist.“ Sie betonte zudem, dass „also die Bewunderung für Leni Riefenstahl,  war zumindest in den frauenbewegten Teilen in Berlin, die ich kannte, in den 70er und 80er Jahren sehr sehr hoch. Die Leni Riefenstahl galt auch als Pionierin einer Frau, die ihren Weg selbst gewählt hat und da sehr sehr erfolgreich war.“

Als Fazit bleibt: Sibylle Lewitscharoff distanziert sich grundsätzlich nicht von ihrer Dresdner Rede. Sie beharrt darauf, dass sich Teile der Deutschen Frauenbewegung aus dem Geiste des Nationalsozialismus entwickelt hatten. Und die medizinische Möglichkeit der invitro-Fertilisation bleibt für sie ein Schrecken, über den bislang nicht ausreichend diskutiert wurde. Mit ihrem Auftritt auf der lit.COLOGNE im Köln hat Sibylle Lewitscharoff die Debatte nicht beendet – sondern verschärft.

Hier geht es zu meinem Deutschlandradio-Beitrag vom 19. März, 23:10 Uhr (Sendung: Fazit) Spiegel.de hat den LesenMitLinks-Text hier aufgegriffen

6 Kommentare zu Sibylle Lewitscharoff in Köln

  1. ohne Mme L.s argumentation zu teilen, gut zu finden sowie noch weniger ihre art und, sagen wir, artikulationsweise ohne anflüge von belustigung und etwas ironie genießen zu können – aber: weit sind wir gekommen, vor allem deshalb bzw. damit –> 2. satz: „Man hatte sich dann doch für den Dialog entschieden, zusätzliche private Sicherheitskräfte angefordert und eine Podiumsdiskussion vereinbart, In dieser stellte sich Sibylle Lewitscharoff …“

    und, dass sie jetzt nicht kreide frisst und zu kreuze kriecht oder zumindest sich irgendwo verkreicht oder zurückzieht, hat auch einen gewissen seltenheitswert.

    brauchen wir inzwischen kfor truppen zum schutze von neutralität und meinungsfreiheit?
    (in öffentlichen diskussionen wie dann noch mehr in den sozialen netzwerken?)
    bzw. in abwandlung eines gedichtes, ( von M.Dinescu) : herr schütze mich vor den guten, den vor den schlechten hüte ich mich selber …

    das manfrau aufsteht und geht ist soweit normal, lauter protest dabei m.E. ohne weiteres zulässig
    (aufgrund der vergleiche usw., selbst wenn sie vielleicht etwas substantieller gemeint und meinetwegen auch getan oder zumindest beabsichtigt waren, als sie so polemisch rüberkommen und nur in ihrer zuspitzung aufgegriffen werden, wie andererseits doch recht subjektiv und auf das eigenen erlebnis-umfeld gestützt … sowie nochmals: weit von meiner sichtweise und akzeptanz entfernt) …

    aber das nun sicherkeitskräfte angefordert werden müssen!
    auch wenn das seitens der organisatoren schon klug und vorausschauend-bedacht war, denen ich damit auf keinen fall keinen vorwurf mache, im gegenteil.

  2. Ich finde, Frau Lewitscharoff hat mit ihrer Kritik an der Reproduktionsmedizin im Wesentlichen ganz recht. Und ich finde es gut, dass sie nicht (wie viele andere es täten) sofort einknickt weil ihre Meinung in den Leitmedien nicht geteilt wird. Man sollte ihr wenigstens mit sachlichen Argumenten begegnen, und nicht mit argumentfreien Empörungsritualen.

2 Trackbacks & Pingbacks

  1. Kein Blatt vor dem Mund, aber ein Brett vor dem Kopf | indub.io
  2. Lesen mit Links

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


%d Bloggern gefällt das: