Rezension: „Was glaubt ihr denn?“

Was ist das eigentlich; Glauben im Jahr 2016, über 200 Jahre nach Immanuel Kant? Das hat sich der Theatermann Björn Bicker aus München gefragt und ist in seiner Heimat losgezogen. Er hat indische Sikh, togolesische Sunniten, irakische Schiiten, katholische Pfarrer und afrikanische Pfingstler getroffen. Er hat ein Theaterstück über seine Erfahrungen gemacht und dann das Stück weitergeschrieben, bis ein komplettes Buch daraus entstanden ist, eine Mischung aus Drama, Prosa, literarischer Reportage. „Was glaubt Ihr denn – Urban Prayers“ heißt es und ist gerade bei Kunstmann erschienen.

Eine Besonderheit des Textes ist der immer wieder auftauchende Chor der Gläubigen, ein Chor, der Bickers Montage aus mehreren Interviews durcheinanderspricht, ein Chor der Vielfalt. Dieser Chor war das ursprüngliche Stück, eine kunterbunde Wider-, Gegen- und Zusammenrede eben jener Sikhs, Juden, Christen, Moslems die über lange Zeit besucht, befragt, von Björn Bicker besucht worden waren: „Ihr liebt uns. / Ihr liebt uns nicht. / Ihr habt unsere Vorfahren umgebracht. / Wir sind trotzdem da. / Und jetzt steht ihr hier neben uns und ruft: Wir glauben.“

Es gibt historisch gesehen viele Bedeutungen, viele Einsätze von Chor. „Im antiken Theater ist es der Chor der Bürger, der immer wieder die Handelnden überprüft, kommentiert, der das demokratische Volk repräsentiert und meistens auch in einer Stimme spricht“, sagt Bicker, „der Chor der gläubigen Bürger, der hier auftritt ist in sofern ein ganz besonderer Chor, weil er fast nie eine einheitliche Stimme findet. Alle sagen, sie seien Gläubige, aber sobald einer anfängt zu sprechen, hat der andere schon wieder eine andere Meinung, weil er vielleicht einer anderen Religion angehört, weil er in einem anderen sozialen Kontext oder in einem anderen Milieu lebt. So ist das ein Chor, der immer versucht, eine gemeinsame Stimme zu finden, das aber nie hinkriegt.“

Im Deutschland dieser Zeit kann man viele Chöre auf den Straßen hören: Es sind Sprechchöre, die unterschiedlichste Anliegen vertreten. Es gibt die Hass-Chöre von Pegida und anderen Rechten. Es gibt aber auch den Chor der Dresdner Semperoper, der kunstvoll versuchte, während einer Demo die fremdenfeindlichen Parolen zu übertönen; was zu juristischem Ärger geführt hat. „Wenn man in einer Gesellschaft der Vielfalt lebt, wo es nicht mehr darum geht zu überlegen, wer ist eigentlich die Mehrheit und wer bestimmt die Mehrheitsmeinung, sondern wenn es darum geht, diese Vielfalt zu organisieren und jeden zu seinem Recht kommen zu lassen, dann müssen wir uns Regeln ausdenken dafür“, sagt Bicker. „Interessanter Weise schaffen die Religionsgemeinschaften untereinander das ziemlich gut.“

Auf seiner Recherche hat Björn Bicker am Stadtrand von München ein altes Bürogebäude entdeckt, das schon kurz vor der Bauruine stand, in dem man sich aber bislang billig einmieten kann. Inzwischen praktizieren hier zehn verschiedene Religionsgemeinschaften ihren Glauben. „Und wenn man da reingeht, dann läuft man durch die ganze Welt“, sagt Bicker, „die arrangieren sich. Die haben alle verschiedene Bedürfnisse. Die haben verschiedene Zeiten, die haben verschiedene Regeln, aber das funktioniert.“

Augenscheinlich gibt es selbst im Jahr 2016 Orte, in denen Muslime, Christen, und Sikhs friedlich miteinander leben können; obwohl sie total unterschiedlich sind, obwohl sie sich manchmal in die Quere kommen – was dazu führen kann, dass dann beispielsweise die Sikhs ihre Räume mit Silikon abdichten, weil vor der Moschee geraucht wird, der Rauch dann nach oben zieht; aber Sikhs dürfen mit Zigarettenrauch nicht in Berührung kommen. Danach müssen sie sich umfangreich reinigen. Kam es deshalb zum Streit? Nein. Man fand eine pragmatische Lösung: das Silikon.

Es wirkt zunächst, als sei das geballte Nebeneinander von Religionen, die in „Was glaubt ihr denn“ durch den Chor vertreten werden, ein neues Phänomen, vor allem die Frage darüber, wie diese Pluralität der Stimmen in unserer Gesellschaft auszuhalten und zu organisieren sei. Doch bereits in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts hat der aus Kues an der Mosel stammende Theologe und Philosoph Nicolaus Cusanus über das Neben- statt Gegeneinander unterschiedlicher Religionen nachgedacht. In seinem sehr schönen Werk „De pace fidei“ ist ein Mann – Cusanus selbst – Teilnehmer eines kuriosen Disputs. Im Himmel beraten die Engel und Seligen, was angesichts des zahlreichen, durch die Religion verursachten Leids, der Kriege, der Zerwürfnisse auf Erden zu tun sei. Ds klingt schon sehr nach unserer Gegenwart.

Cusanus wird sein Leben lang die Meinung vertreten, dass jeder Glaube berechtigt sei. Er beschäftigt sich sich nicht nur mit dem Christentum, sondern auch mit dem Islam, dem Zoroastrismus, sogar mit dem antiken Polytheismus. Seine Beobachtungen treffen sich mit Björn Bicker, wenn der im Interview sagt: „Ich habe festgestellt, dass die Religionsgemeinschaften untereinander oft Respekt haben, weil sie wissen, was es bedeutet, wenn man gläubig ist.“

Diese verstehende Auseinandersetzung mit den Religionen ist in den 500 Jahren nach Cusanus nie abgebrochen, sie stand nur nicht immer im gesellschaftlichen Mittelpunkt. Auch der italienische Religionsphilosoph Giovanni Pico della Mirandola hat in der Renaissance festgestellt, dass wir alle mit unterschiedlicher Stimme sprechen, und dass eben diese Unterschiedlichkeit das Wesen des Menschen an sich ausmache.

Im 20. Jahrhundert stehen Theologen wie Karl Rahner für diese tolerante Auslegung. Rahers Überlegungen hatten große Auswirkungen auf das Zweite Vatikanische Konzil von 1962 bis 1965, wo die katholische Dogmatik mit Blick auf die damalige Gegenwart interpretiert wurde.

Dennoch schien die Religion ab 1992 mit Francis Fukuyamas These vom „Ende der Geschichte“ und der daran anschließenden Diskussion über den Anbeginn eines komplett neuen Zeitalters mal wieder in den Hintergrund zu rücken. Der Kalte Krieg war beendet, der Eiserne Vorhang niedergerissen und alle monströsen Erzählungen der Vergangenheit scheinbar relativiert. Selbst Samuel Huntingtons 1996 angestellten Beobachtungen zum „Clash of Culture“ konnte den libertären Freudentaumel erst einmal nicht stoppen – wenn man von akademischen Diskursen absieht.

Dann ereigneten sich die fürchterlichen Terroranschläge vom 11. September 2001 und die gesamte Welt sah nun offenbar, was sich in den Jahren zuvor abgezeichnet hatte: Die Religionen, also die wirkungsmächtigsten Erzählungen der Zeit vor 1900, standen plötzlich wieder im Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit und sie waren in ihrem Gegeneinander eine Bedrohung für den Frieden. Die Folgen all dessen, was dann kam, sind im Großen wie im Kleinen bis heute spürbar – weshalb man jetzt erst Recht fragen muss, wie Pluralität in Zeiten des Totalitarismus organisiert werden kann; damit es nicht noch schlimmer wird.

Was erfährt nun der philosophisch aufgeklärte Leser aus dem Buch „Was glaubt Ihr denn – Urban Prayers“ von Björn Bicker? Er lernt erst einmal religiöse Vielfalt kennen, die mal fasziniert, manchmal auch nervt, die komisch oder unverständlich erscheint, die einem mal sehr nah, dann wieder unglaublich fern ist. Man bekommt mit diesem Buch eine Idee davon, weshalb die Sache mit dem Glauben auch im Deutschland des Jahres 2016 keineswegs abgehakt ist, warum Menschen religiös sind, obwohl sie ebenso gut als Atheisten unter uns leben könnten. Man bekommt eine Idee, weshalb ein Denken mit dem Glauben notwendig ist, um im friedlichen Widerstreite miteinander leben zu können – auch wenn das bedeutet, dass der Chor nicht mehr in einer Stimme spricht. Stickig ist die Atmosphäre in diesem Buch nie: Es ist ein Buch der Freiheit, des freien Denkens, des freien Glaubens; ein Buch, das im rechten Ton und zur richtigen Zeit erscheint, denn es zeigt, dass die Freiheit des Glaubens die Freiheit aller ist, die es gegen alle Anwürfe von Totalitarismus zu bewahren gilt.

Björn Bicker: „Was glaubt ihr denn? – Urban Prayers“, Kunstmann, 240 Seiten, 24,95 Euro

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