Rezension: „Verliebt in die verrückte Welt“

Stars wie Jürgen Prochnow, Konstantin Wecker, Anna Maria Mühe und Gottfried John lesen beim neuen Schönherz-Fleer-Projekt traumhafte Kurztexte des großen Nobelpreis-Dichters Hermann Hesse; ein neues Hitalbum?

„Es ist nicht unsere Aufgabe, einander näher zu kommen, so wenig wie Sonne und Mond zueinander kommen, oder Meer und Land. Unser Ziel ist es, einander zu erkennen und einer im anderen das zu sehen und ehren zu lernen, was er ist: des anderen Gegenstück und Ergänzung.“ Es ist nicht bekannt, ob Richard Schönherz und Angelica Fleer im Sinne des Hesse-Gedichts füreinander Sonne und Mond, Meer und Land sind; doch als des anderen Gegenstück gelten die beiden Komponisten seit ihrem 500.000-fach verkauften Bestseller „Rilke Projekt“, das zwischen 2001 und 2004 den boomenden Hörbuchmarkt überrollte. Damals kehrte die Lyrik zu ihrem alten Ursprung zurück, zum Text, der von einer Lyra, einem Musikinstrument begleitet wird. Alle drei Alben wurden mit der Goldenen Schallplatte ausgezeichnet. 2007 ging die Reise weiter, mit dem immerhin 80.000-fach verkauften „Hesse Projekt“, das sich 16 Wochen lang unter den Top Ten der Hörbuch-Charts halten konnte.

Jetzt folgt die zweite „Hesse Projekt“-CD mit dem schönen Titel: „Verliebt in die verrückte Welt“. Das Erfolgsrezept – bekannte Schauspieler unterschiedlichen Alters und Musiker erstklassigen Rangs lesen zu Filmmusik ähnlichen Kompositionen Erbauliches für Herz und Seele – wurde beibehalten. Jazzmusiker Roger Cicero, Stefanie Kloß und Andreas Nowak von der Popband „Silbermond“, Schauspieler wie Robert Stadlober, Anna Maria Mühe, Jürgen Prochnow und Dagmar Manzel lesen Hesses Worte über Liebe, Leid und Meditation. Star-Klarinettist Giora Feidmann, der Knabenchor Hannover, Sitharvirtuose Gaurav Mazumdar und der deutsche Cellist Jan Vogler begleiten die Texte mit zartem Spiel.

„Bis allein im Leeren, glühst einsam, Herz“, raunt James Bond-Darsteller Gottfried John, „grüsst dich am Abgrund, dunkle Blume Schmerz.“ Dann setzt Giora Feidmanns Klarinette ein, löst dieses ganze Glühen und Blühen, den Abgrund und den Schmerz wortlos auf, in einen neuen Zauber verwandelnd. „Wir waren begeistert von Giora Feidmanns Einspielung Blume, Baum, Vogel“, erinnern sich Richard Schönherz und Angelica Fleer, „seine offene Warmherzigkeit und sein Enthusiasmus berührten und inspirierten uns nachhaltig.“ Selbst 47 Jahre nach seinem Tod pendeln Hermann Hesses Gedichte beinahe jeden Leser oder Hörer an, lassen den Kitsch dahinter vergessen, solange der Ton richtig getroffen wird. Selbstverständlich ist das „Hesse Projekt“ ein bisschen klebrig, die Stimmung schwül. Aber die CD berührt, immer und immer wieder.

Von Ende Oktober bis Mitte Dezember geht das „Hesse Projekt“ auf Lesetour. Wechselnde Stars inszenieren zu einer „assoziativen“ Bildershow, mit Band und Streicher-Begleitung, die Gedichte des neuen Albums, bis die Gedanken frei nach Hesses Gedicht „Weiße Wolken“ schweben, „wie leise Melodien vergessener schöner Lieder“. Weitere Infos gibt es unter hesse-projekt.de.

Richard Schönherz & Angelica Fleer: „Hesse Projekt. Verliebt in die verrückte Welt“, Der Hörverlag, 1 CD, 70 Minuten

Jan Drees

Ich bin Redakteur im Literaturressort des Deutschlandfunks und moderiere den „Büchermarkt“.

Im Jahr 2000 erschien mein Debütroman „Staring at the Sun“, 2007 folgte ein überarbeiteter Remix des Buchs. Im Jahr zuvor veröffentlichte der Eichborn-Verlag „Letzte Tage, jetzt“ als Roman und Hörbuch (eingelesen von Mirjam Weichselbraun). Es folgten mehrere Club-Lesetouren (mit DJ Christian Vorbau). 2011 erschien das illustrierte Sachbuch „Kassettendeck: Soundtrack einer Generation“, 2019 der Roman „Sandbergs Liebe“ bei Secession. Ich werde vertreten von der Agentur Marcel Hartges in München.

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