Rezension: „The Big C“

Einmal die Sau rauslassen – der krebskranke Yuppie Gruber flippt in Doris Knechts Roman aus. Das heisst Party. Das heisst Sex. Das heisst: Augen zu und durch.

Die Diagnose „Krebs“ reisst Gruber aus seinem Überholspurleben, als hätte jemand bei 280 Sachen die Handbremse angezogen. So könnte die Geschichte von Österreicherin Doris Knecht aussehen, wenn sie ein Rührstück hätte schreiben wollen. Tatsächlich nutzt ihr Tod geweihter Held die Diagnose, um sein Innerstes penetrant auszuführen: Er schläft ein letztes Mal mit schönen Frauen und prügelt sich mit wichtigen Geschäftskollegen. Er lässt sich von Homosexuellen anmachen und gefällt sich dabei. Seine Devise lautet: Anything goes. Denn anstatt zu bremsen gibt Gruber trotz Chemotherapie Vollgas. Man kann Schmerzen auch mit Heroin kurieren und den Trip gleich mitnehmen. Man kann sich an junge Berliner DJanes ranschmeissen und trotz Glatzkopf im Headbanging-Modus die Restzeit verfeiern. So kommt wenigstens keine Melancholie auf. Doch es gibt Wendungen im Leben, die sind ursprünglicher als ein dauernder Endorphinrausch. Denn Grubers Berliner DJane wird schwanger und neben dem Tod tritt nun auch das Leben in seinen Alltag. Und dieser krasse Gegensatz macht „Gruber geht“ zu einem besonderen Roman.

Jede Epoche richtet ihr Augenmerk auf eine zeittypische Krankheit. Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde bei Frauen Hysterie am Laufenden Band diagnostiziert. Das war quasi der männliche Bannstrahl gegen die böse „Femme fatale“. In den hedonistischen 1980er und 1990er Jahren richtete die Welt wiederum  ihr Augenmerk auf AIDS und HIV, veranstaltete ein regelrechtes Pop-Spekakel um die Immunschwäche. Inzwischen ist Krebs die medial interessanteste Diagnose. Es gibt amerikanische Fernsehserien, in denen Krebs die Hauptrolle spielt („The Big C“ und „Breaking Bad“). Krebs-Bücher stürmen die Bestsellerlisten, wie „So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein“ vom bereits verstorbenen Regisseur Christoph Schlingensief, „Der Tod meiner Mutter“ von Feuilletonist Georg Dietz und „Der Knacks“ von Moderator Roger Willemsen. Dieser Gruber passt sich also der gegenwärtigen Krankheitsmode an, was nur für jene makaber klingt, die vergessen haben, dass ein so genannter „Natürlicher Tode“ weiterhin am häufigsten für das Ableben eines Menschen verantwortlicht ist. Aber dieser „Natürliche Tod“ besitzt keine Kunst-Relevanz. Er ist: zu banal. Bei Krebs denken wir aber alle an Chemotherapien, an Schlagzeilen in Boulevardmagazinen, an „alternative Behandlungsmethoden“. Das volle Programm.

51tWH2b69HL._SY344_BO1,204,203,200_Deshalb ist bemerkenswert, dass Gruber nicht weinerlich hoffend zu einem Quacksalber flüchtet, zu einem Krebs-Guru, sondern vielmehr bemüht ist, seine „Mover und Shaker“-Persönlichkeit hinüberzuretten ins neue Leben. Krebs als Party. „Gruber geht“ ist eine rotzige Satire auf die aktuellen Krebstagebücher, weshalb der Held am Ende auch nicht sterben darf, denn das wäre echt nicht witzig. Stattdessen wird Gruber geläutert. Die Krankheit hat ihm ein neues Bewusstsein verfasst.

Da ist Doris Knecht fast bei Thomas Manns Lob auf die Krankheit aus dem „Zauberberg“ angelangt. Persönlich ist Krebs eine Katastrophe, wird es aller medizinischer Fortschritte zum Trotz auch bleiben. Dennoch wird schon bald irgendeine neue Seuche im Vordergrund stehen – „Lupus“, die Lieblingskrankheit von Dr. House scheidet aus, weil zu wenige Menschen daran leiden (und erst Recht keine Stars). Borderline hält sich recht tapfer im Rennen. Und die Nanontechnologie macht Gefässkrankheiten wieder interessant. Frau Knecht, übernehmen Sie?

Doris Knecht: „Gruber geht“, Rowohlt, 240 Seiten, 16,95 Euro

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