Rezension: Suizid mit Ankündigung

Autofiktionale Geschichten gehören zum meistbeobachteten Genre unserer literarischen Gegenwart – von Karl Ove Knausgard über Rachel Cusk bis Benjamin Maack und Annie Ernaux. Eine dänische Vorläuferin ist Tove Ditlevsen, 1917 in Kopenhagen geboren. Mit „Abhängigkeit“ erscheint gerade der dritte und abschließende Band ihrer beeindruckenden „Kopenhagen-Trilogie“.

Tausende Menschen, überwiegend Frauen, verabschieden Tove Ditlevsen 1977, nachdem sich die beliebte Schriftstellerin im Alter von gerade einmal 58 Jahren umgebracht hat. Die Tageszeitung „Politiken“ nennt den Trauermarsch durch Kopenhagen eine „Liebeserklärung“. Es ist die Liebeserklärung an eine der radikalsten Schriftstellerinnen Dänemarks, an eine Frau, die vom eigenen Leben berichtet und sogar ihren Suizid ankündigt in „Wilhelms Zimmer“, ihrer letzten, wieder einmal autofiktionalen Geschichte:

„Sie wird ihr Haar unter die alte Strickmütze stopfen, die sie während der Therapie in der Klinik angefertigt und nie getragen hat. Sie wird ein Taxi nehmen und sich in eine bestimmte Straße in Hillerød fahren lassen, die, wie sie weiß, ganz in der Nähe des Waldes liegt. Der Rest wird leicht sein. Sie braucht nur zwei Stunden Ruhe, und sie weiß von den Pillen, daß man bleibt, wo man ist, und nicht, wie bei den Barbituraten, im Zustand der Vernebelung umherirrt und Gott weiß was anstellt. Zum ersten Mal seit langer Zeit denkt sie an Wilhelm, der jetzt ausnahmsweise einmal stolz auf sie sein würde.“

Vier gescheiterte Ehen, zahlreiche Drogenerfahrungen

Wilhelm ist Tove Ditlevsens letzter Mann. Den hier geschilderten Suizid stellt die Schriftstellerin nach, doch er misslingt. Ditlevsen wird rechtzeitig im Wald gefunden. Eine Rettung ist es dennoch nicht. Ihr nächster Versuch wird erfolgreich sein – und das heftige Leben dieser hell brennenden, sich selbst permanent ausbeutenden Schriftstellerin ist abrupt vorbei.

Vier gescheiterte Ehen, zahlreiche Drogenerfahrungen, Schwangerschaftsabbrüche, Depressionen und Psychiatrieaufenthalte stehen einer beeindruckenden literarischen Karriere gegenüber, das eine jeweils erkauft mit dem anderen. Der frühe literarische Ruhm nach ihrem Lyrikdebüt 1939, wenige Monate vor der deutschen Besatzung Dänemarks, ermöglicht Tove Ditlevsen ein emanzipiertes, von Männern materiell unabhängiges Leben – schon als junges Mädchen hat sie ihre Kinokarte aus eigener Tasche bezahlt. Es ist ein besonderes Leben, das ganz gewöhnlich beginnt, im Arbeiterviertel Kopenhagens, in einer Welt, die zunächst heimelig erscheint:

„Das Wohnzimmer ist an vielen tausend Abenden eine Insel aus Licht und Wärme, und wir befinden uns immer darin wie die Pappfiguren hinter den Säulen des Puppentheaters, das mein Vater nach einem Modell im Familie Journalen gebastelt hat.“

Die Kindheit ist lang und schmal wie ein Sarg

Der Vater ist Heizer, einfacher Arbeiter, eine Gesellschaftsstufe unter den wesentlich besser gestellten Handwerkern, weit entfernt vom wohlhabenden Bürgertum, dennoch ein stolzer Mann, ein Gewerkschafter, ein Sozialist, dem Progressiven zugewandt. Trotzdem wird Tove Ditlevsen rückblickend im Jahr 1967 ein Gegenbild zum warmen Wohnzimmer entwerfen, wenn sie im gleichen Buch schreibt: „Die Kindheit ist lang und schmal wie ein Sarg, aus dem man sich nicht allein befreien kann.“

Der erste Teil ihrer als „Erinnerungen“ deklarierten „Kopenhagen-Trilogie“ zimmert diesen Sarg, in dem sich die junge Erzählerin zuerst geborgen, schnell jedoch gefangen fühlt. „Ich bin knapp sechs Jahre alt und werde bald eingeschult, weil ich schon lesen und schreiben kann. Das erzählt meine Mutter stolz jedem, der ihr noch zuhört. Sie sagt: ‚Auch Kinder armer Leute können Grips haben.’ Also mag sie mich vielleicht doch? Mein Verhältnis zu ihr ist eng, qualvoll und unsicher, und nach Zeichen von Liebe muss ich immer suchen. Alles, was ich tue, dient dazu, ihr zu gefallen, sie zum Lächeln zu bringen, ihren Zorn abzuwenden.“

Das Drama eines begabten Kindes

Spürbare Brüche sind hier sichtbar, das Drama eines begabten Kindes, vom Vater gefördert, doch gleichsam ermahnt, dass ein Mädchen, selbst wenn es liest und zur Schule geht, niemals Dichter werden kann! Das höchste der Gefühle ist, einen braven Handwerker, also nach oben zu heiraten, diesem Handwerker eine gute Hausfrau und Gattin zu sein. Dieses Leben ist für Tove Ditlevsen vorgesehen, die Arbeitertochter und spätere Star-Schriftstellerin, die sich erinnert:

„Mein Vater schlug mich nie. Im Gegenteil, er behandelte mich immer gut. Von ihm bekam ich alle Bücher meiner Kindheit, und zum fünften Geburtstag schenkte er mir eine wunderschöne Ausgabe von Grimms Märchen, ohne die meine Kindheit traurig, grau und armselig gewesen wäre.“

Tagelang von altem Gebäck gelebt

Armseligkeit ist spürbar in diesem absichtsvoll kindlich erzählten Band. Ditlevsens Vater wird seine Arbeitsstelle verlieren, wie viele Menschen in der Weltwirtschaftskrise nach dem New Yorker Börsencrash von 1929. Zwischenzeitlich droht die Armenhilfe, mit ihr der Verlust des Stimmrechts. Tove Ditlevsen muss glücklicherweise nicht hungern, „aber ich lernte einen Halbhunger kennen, wie man ihn beim Duft des Mittagessens spürt, der durch die Türen der Bessergestellten dringt, wenn man tagelang von Kaffee und altem Gebäck gelebt hat, von dem man für 25 Öre eine ganze Schultasche voll bekam.“

Das klingt anrührend, wird jedoch gebrochen vermittels lakonischer Szenen, die auf engstem Raum die Tragik des Lebens als Komödie aufführen, denn „ich muss daran denken, wie ich vor ein paar Jahren verblüfft feststellte, dass meine Eltern im Februar desselben Jahres heirateten, in dem zwei Monate später, im April, mein Bruder geboren wurde. Ich fragte meine Mutter, wie das denn sein könne, und sie antwortete schnell: »Tja, weißt du, beim Ersten dauert es nie länger als zwei Monate.« Dann lachten Edvin und sie, und mein Vater machte ein mürrisches Gesicht.“

Die Zukunft ist ein monströser, übermächtiger Koloss

Die Erzählstimme ist suggestiv, das „Ich“ authentisch. Man übersieht leicht, dass diese Mädchenfigur exakt ein Jahr nach Tove Ditlevsen geboren wurde, nämlich am 14. September 1918, nicht 1917, dass dieser Text um seine Verfremdung, dass diese Erinnerung um ihre Konstruktion weiß.

„Kindheit“ ist autobiographisch inspiriert, aber es ist keine Autobiographie, sondern klug komponierte Autofiktion, die ein Spiel treibt mit dem Voyeurismus ihrer Leserinnen, die aufgerieben aus dieser Geschichte entlassen werden, am Ende der Kindheit, wenn Tove Ditlevsen versagt wird, aufs Gymnasium zu gehen, wenn sie im Alter von vierzehn Jahren arbeiten soll und „die Zukunft ist ein monströser, übermächtiger Koloss, der bald auf mich herabstürzen und mich zertrümmern wird. Meine zerfetzte Kindheit flattert um mich herum, und kaum habe ich das eine Loch gestopft, taucht an einer anderen Stelle ein neues auf. Deshalb bin ich verletzlich und reizbar.“

Mit Hitler hätten wir keine Arbeitslosigkeit

Der zweite Band, „Ungdom“ im Original, exakt so als „Jugend“ auf Deutsch übersetzt, beginnt mit Ditlevsens erster Anstellung in einem wohlhabenden Kopenhagener Haushalt, wo sofort alles misslingt, als Menetekel der kommenden Jahre. Die vierzehnjährige Hausangestellte lässt sich von einem herrischen Kind kommandieren – „Toni will Sardellen haben“ – sie ruiniert mit der falschen Bürste nicht nur die teuren Möbel, sondern scheuert den Flügel mit ihrem Putzwasser und muss sich eine neue Stelle suchen; nach einem Tag und sechs Seiten. Ditlevsen lässt sich fortan in einer Fremdenpension ausbeuten.

„Ich trete jeden Morgen um acht Uhr den Dienst an und arbeite zwölf Stunden in einer rußigen und fettigen Küche, wo niemals Ruhe einkehrt. Wenn ich abends nach Hause komme, bin ich so müde, dass ich direkt ins Bett falle. ‚Diesmal’, mahnt mein Vater, ‚hast du auf deiner Stelle zu bleiben.’“

Wenig später kommt im benachbarten Deutschland Adolf Hitler an die Macht und weckt in Dänemark Sehnsüchte, die den eigenen, sozialdemokratischen Statsminister Thorvald Stauning blindlinks abqualifizieren. »Die Damen in der Pension jubeln und sagen, wenn Stauning so wäre wie Hitler, hätten wir keine Arbeitslosigkeit. Stattdessen sei er schwächlich, korrupt und versoffen, und seine Regierung mache alles falsch. Anstelle ihres Mittagsschläfchens hören sie die Nachrichten im Radio, kehren mit leuchtenden Augen zurück und sagen, der Reichstagsbrand sei von den Kommunisten gelegt worden, und während des Prozesses würde das nun auch bewiesen. Mein Vater und Herr Krogh sagen, die Nazis hätten ihn selbst gelegt, und wenn ich überhaupt eine Meinung habe, dann dieselbe wie sie.«

Viggo F. weiß davon nichts

Im dritten Band steht Dänemark seit dem 9. April 1940 unter deutscher Besatzung. Tove ist verheiratet mit dem Herausgeber jener Literaturzeitschrift, die ihr erstes Gedicht abgedruckt hat. Viggo F. Møller ist so alt wie ihr Vater, aber das stört die junge Lyrikerin angeblich nicht „Ich schlafe allein im Wohnzimmer, weil Viggo F. so lange allein war, dass er sich nicht daran gewöhnen kann, plötzlich mit einem anderen Menschen im Bett zu liegen. Das kann ich verstehen, und es passt mir gut, weil ich diese frühen Morgenstunden so ganz für mich allein habe. Ich schreibe an meinem ersten Roman, aber Viggo F. weiß nichts davon.“

Der Herausgeber ist ein schweigsamer, ein einsam gebliebener Mann, der sich nicht an die neuen Verhältnisse seines Lebens gewöhnen kann. Nie nimmt er seine junge Frau in den Arm: „Sobald Viggo F. mit seinem finsteren, mürrischen Gesicht zur Tür hereinkommt, plappere ich fieberhaft drauflos, als wollte ich damit irgendein Unheil abwenden, ohne zu wissen, welches. Beim Essen rede ich weiter, obwohl er nur einsilbig antwortet. Ich bin von der Angst erfüllt, er könne etwas Unglaubliches, Unwiderrufliches sagen oder tun, etwas, das er nie zuvor gesagt oder getan hat. Gelingt es mir, seine Aufmerksamkeit zu fesseln, wird mein Herzklopfen ein wenig gedämpft, und ich kann wieder ruhig atmen, bis eine neue Gesprächspause entsteht.“

Piet ist ein gefährlicher Mensch

Er handelt abweisend und treibt sie geradezu in den Schoß des Kopenhagener Autors Piet Hein, der in der Geschichte eine Neben-, im dänischen Leben jedoch eine Hauptrolle gespielt hat. Hein (1905-1996) ist Erfinder der siebenteiligen Somawürfel, einem Gedudlsspiel, dass der Literat und Mathematiker während einer Vorlesung über Quantenmechanik von Werner Heisenberg entworfen haben soll. Außerdem gilt er als Erfinder des optimalen Kreisverkehrs und einer Kurzgedichtform, die im Dänischen „Gruk“ genannt wird und dem Aphorismus nahekommt. Tausende dieser selbstgeschriebenen Gruks hat Piet Hein illustriert und veröffentlicht, darunter eines anlässlich der ersten Romanveröffentlichung Ditlevsens:

„Ich schwinge meinen Dichterhut
nicht für jede Tove Tunichtgut,
aber diesmal juble ich: Juche!

Es war ein Debüt ganz ohne Debatte,
ein solcher Erfolg, dass ich fast Bedenken hatte,
man täte einem Kindlein weh.“

Heins Ex-Freundin Nadja sagt im Buch gegenüber Tove, „Piet sei ein gefährlicher Mensch, nur dafür geschaffen, möglichst viele Frauen ins Unglück zu stürzen.“ Er ist ähnlich kompliziert zusammengesetzt wie der von ihm erdachte Würfel, aber sein Wesen ist aufmerksamer als das von Viggo F. und seine Bemühungen erinnern an jenes narzisstische Love-Bombing, vor dem 2021 flächendecken gewarnt wird. „Ich weiß immer noch nicht, ob ich in ihn verliebt bin. Es belastet mich, dass er für mich sorgt, und wie alle jungen Mädchen sehne ich mich nach einem Zuhause und einem Mann und Kindern.“

Ein Kind wurde verletzt

Nach einer Phase rauschhafter Verliebtheit, die zur Trennung (aber nicht zur Scheidung) von Viggo F. führt, zieht es Piet zu einem neuen Mädchen: „’Vor Kurzem’, fährt er hastig fort, ‚habe ich eine junge Dame kennengelernt, sehr hübsch, sehr reich. Wir haben uns sofort ineinander verliebt, und jetzt hat sie mich auf ein Gut in Jütland eingeladen, das ihrer Familie gehört. Ich reise morgen ab, du bist doch hoffentlich nicht traurig?’“

Doch Tove ist nicht nur Opfer, sondern auch Täterin, denn sie hat auch aus strategischen Gründen Viggo F. geheiratet, aus einer Sehnsucht, die ihren Dichter- und Veröffentlichungswillen mit dem Wunsch nach Versorgung verbindet. Piet tritt erst auf ihren Plan, als Tove keinen Herausgeber, keinen Verleger, keinen gut vernetzten Mann benötigt. Während der Besatzung veröffentlicht sie 1941 ihren ersten Roman: „Man gjorde et barn fortræd“ – „Ein Kind wurde verletzt“.

Als sie wenig später mit drei Gedichten in der Tasche die Tageszeitung „Røde Aftenblad“ besucht, prüft der zuständige Redakteur, ein alter Mann mit einem buschigen, weißen Vollbart, ihre Sachen. „Während er die Gedichte liest, tätschelt er mir zerstreut und mechanisch den Po. ‚Die sind gut’, sagt er dann, ‚Sie können zur Kasse gehen und sich dreißig Kronen auszahlen lassen.’“

Die raffinierte Unschuld

Beiläufige Szenen wie diese belegen, dass die Schriftstellerin ihren kindlich-staunenden Ton absichtsvoll gegen das Unerhörte stellt. Permanent kontrastiert die „Kopenhagen-Trilogie“ Form und Inhalt, steigert so die Wirkung des Erzählten. So verwundert es nicht, dass eine Politiken-Rezension zum ersten Roman treffend überschrieben ist mit: „Raffinierte Unschuld“ – dieser ist Ditlevsen schriftstellerisch treu geblieben.

„Gift“ heißt der abschließende Band im doppeldeutigen Original, das im Dänischen nicht nur „Gift“, sondern auch „verheiratet sein“ bedeutet. „Kindheit“, „Jugend“, „Abhängigkeit“ sind kurze Bücher, die ihren Plot auf 110 bis 170 Seiten entwerfen. Schon jetzt haben sie zu Tove Ditlevsens Durchbrauch in Feutschland geführt, nach zahlreichen Versuchen, die Schriftstellerin auch in Deutschland bekannt zu machen.

Was ein echter Wille ist

Bereits 1962 erschien die erste Übersetzung von „Straße der Kindheit“ in der Büchergilde Gutenberg. Mit den Bänden „Sucht“ und „Gesichter“ wurde Ditlevsen in den 1980er Jahren bei Suhrkamp verlegt, in schwierig zu lesenden Ausgaben. Das gilt vor allem für „Gesichter“, ihr experimentelles Protokoll einer Psychose, damals von einer Dänin ins Deutsche übertragen.

Nun macht sich die Hamburgerin Ursel Allenstein verdient durch ihre berückend klare Übersetzung der „Kopenhagen-Trilogie“. Mit ihr erfahren wir, was es bedeutet, ein echtes Individuum zu sein; mitteilsam, unteilbar, eine Stimme findend allen Widrigkeiten zum Trotze – bis zum Ende, bis zum selbstgewählten Tod, dem letzten Kapitel, einer weit vorausgehenden Schriftstellerin, einer Arbeitertochter, die angetreten ist, Kraft ihrer Vorstellung zu zeigen, was ein echter Wille ist.

Tove Ditlevsen: „Kindheit“, „Jugend“, „Abhängigkeit“, aus dem Dänischen von Dagmar Manzel, AufbauVerlag, Berlin, je 18 Euro. Die Hörbucher, gelesen von Dagmar Manzel, erscheinen in Der Audio Verlag, Berlin.

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