Rezension: Marlowe in Kabul

Verschwörungstheoretiker aufgepasst: Osama bin Laden gibt es nicht. Er wurde erfunden, von einem Groschenromancier aus Kabul – jedenfalls im mehrfach ausgezeichneten „alternate history“-Thriller „Osama“ von Lavie Tidhar.

In einer Welt, die nur ungefähr wie die unsrige ausschaut existiert der islamistische Terror allein in den Romanen des unbekannten Autors Mike Longshott. Seine Reihe „Osama bin Laden: Vergelter“ erzählt von einem Erzterroristen, der Flugzeuge kapert, Menschen ermordet, Terroranschläge in Afrika, London New York verantwortet. Es ist ziemlich genau die Geschichte, wie sie seit 9/11 durch die Medien jagt.  Der abgehalfterte, allein mit Geckos, Whiskey und abgestandenen Rauch in Laos stationierte Detektiv Joe ist Osama-Fan. Er liest die billig-brutalen Heftchen, während er auf Jobs wartet. Wie die meisten hardboiled Ermittler ist Joe ziemlich auf den Hund gekommen. Doch dann wird er von einer geheimnisvollen Schönheit beauftragt, das Autoren-Phantom Mike Longshott aufzuspüren, egal wo. Geld spielt keine Rolle.

Während Joe nach Paris, London, Kabul fliegt, von einer geschlossenen Tür zur nächsten, von einem ungelösten Geheimnis zum anderen driftet, liest er weiter. Osama bin Laden, der Vergelter, ist ständiger Begleiter des Ermittlers – und der realer Leser des Romans liest mit. Zwischendurch wird Joe zusammengeschlagen, von Unbekannten verfolgt, mit obskuren Figuren konfrontiert, darunter dem zynischen Osama-Verleger, einem unfähigen Barkeeper, zuletzt einer Horde Osama-Fans, die eine Convention für ihren fiktiven Helden veranstalten. Das ist genretypisch, aber auf zwei verschiedene Weisen genial verfasst. Einerseits werden die Thrillerebenen gegeneinander immer mehr ausgetauscht, so dass unklar wird, ob Osama die Figur, und Joe Realität ist oder nicht doch eher Joe das Experiment des tatsächlichen Autors Lavie Tidhar, der seinen Helden in eine Alternativwelt setzt.

Gleichzeitig ist die Spurensuche von Joe eine Odyssee durch die Post-9/11-Bilder, die am Abend des 10. Septembers 2001 noch unvorstellbar schienen, inklusive des perversen Kurzschlusses von Terrorismus und Popkultur. Während Joe mit Gebäuden wie den „World Trade Center“ nichts anfangen kann, kennen wir sogar Tora-Bora oder den Kessel von Bagdad. Wer Guantanamo hört, hat das immer gleiche Bild vor Augen. Deshalb ist das ausgezeichnete Buch von Lavie Tidhar mehr als ein Fantasy-Thriller, eine Alternativweltgeschichte oder eine Popnotiz zum Krieg gegen den Terrorismus,. Es ist die Erinnerung, wie Bilder, neue Wörter, Nachrichten und Phantasien unser Weltbild seit 9/11 verändert haben. Mindestens so unheimlich wie die Tatsache, dass es Al Quaida gibt, ist die Annahme, der Terrorclan sei nur die Erfindungen eines Groschenromanautors mit dem lächerlichen Namen Mike Longshott. Sieger beim World Fantasy Award 2012.

Lavie Tidhar: „Osama“, übersetzt von Juliane Gräbener-Müller, Rogner & Bernhard, 302 Seiten, 22,95 Euro

Die Querverweise

Gleichgültig, ob der Zweite Weltkrieg nicht stattgefunden hat und Deutschland so schön ist, wie das Wort „Neckarauen“ in Christian Krachts „Faserland“, ob die Nazis „gewonnen“ haben (Robert Harris: „Fatherland“), oder die DDR zur Weltmacht über die westliche Apple aufgestiegen ist wie in Simon Urbans „Plan D“. Alternativweltgeschichten sind ein großer Spaß. Gerade lesen alles Hannes Stein: „Der Komet“, in dem Franz Ferdinand rechtzeitig umkehrt und die Weltgeschichte nach Sarajevo weitergeht als sei nichts geschehen, eben weil nichts geschehen ist.

Keine Erfindung, dennoch ein Phantom: Osama bin Laden im Terrorkriegthriller „Zero Dark Thirty“ von Oscarpreisträgerin Kathryn Bigelow

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