Rezension: „Der Herbst in Barcelona“

Was haben die Männer nicht schon alles unternommen, um die Liebe zu ihrer Angebeteten zu erlangen und erhalten. Nachdem Paris, der Sohn des trojanischen Königs, die schöne Helena geraubt hatte, obwohl sie die Ehefrau des Menelaos war, zogen die Griechen vereint in einen der legendärsten Kriege der Antike. Der liebestrunkene Tristan nahm seinen Tod in Kauf, um die becircende Isolde heimlich zu sehen und Max Frischs’ Gantenbein fingierte seine eigene Erblindung, damit die Beziehung zu seiner Lila bloß nicht zerstört wird wegen jener Kleinigkeiten, die zu sehen und zu kommentieren lange Beziehungen irgendwann zu töten droht. In „Der Herbst in Barcelona“, dem erstmalig auf Deutsch erhältlichen Kurzroman des Katalanen Francesc Pujols (1882-1962) geht der wahnsinnige Held noch einen Schritt weiter und steckt sein Landhaus mit der schlafenden Àgata in Brand, damit er sie fortan in der Erinnerung lieben kann, „da ich weiß, dass sie keinem anderen Mann wird gehören können und, vor allem, dass ich ihres wunderschönen Fleisches nicht überdrüssig werden kann.“

Was für ein Typ war dieser Francesc Pujols, wie beneidenswert dekadent sein Lebensstil. „Elegant gekleidet, und nie ohne seine Markenzeichen – einen breitkrempigen Stetson und einen Spazierstock, dessen Knauf an den Kopf des Philosophen Ramon Llull erinnerte –, frequentierte er ebenso die Künstlerlokale Barcelonas wie das Areneu Barcelonès, damals Zentrum des intellektuellen Lebens in Katalonien“, berichtet Gerhard Wild in seinem umfangreichen, sehr lesenswerten Nachwort. Pujols konnte sich so viel Dandytum leisten, weil ihm sein Vater 1902 ein Vermögen vererbt hatte. Der eher als Philosoph denn als Schriftsteller bekannte Katalane, infiziert durch die Décadence und die deutsche Frühromantik, war nebenbei ein derart großer Fan Goethes, dass er seinem einzigen Sohn tatsächlich den Namen Faust gab, „so wie zuvor sein dichterisches Idol Joan Maragall seine Tochter nach der Protagonistin von Goethes ‚Faust’ auf den Namen Helena taufen ließ.“

„Der Herbst in Barcelona“ ist ein Feuilletonroman, erstmalig erschienen in der Satirezeitschrift „Papitu“, der sich vom reißerischen Sub-Sujet der Gattung emanzipiert, also weniger in der Tradition von Alexandre Dumas oder Jules Verne steht, sondern vielmehr dem Anspruch von Balzacs „Verlorene Illusionen“ gerecht wird (dem vermutlich bekanntesten Feuilletonroman). Außerdem kann „Der Herbst in Barcelona“ als philosophischer Liebesdiskurs eines Pick-up-Artist avant la lettre oder verspäteten Casanovas bezeichnet werden, derart gespickt ist er mit geschmeidigen Winken über Wesen und Wirken der Liebeswerbung: „Das Trinkgeld, das man dem Friseur gibt, ist gespartes Geld bei der Eroberung einer Frau.“ Es gibt also zahlreiche Gründe, um sich anderthalb Stunden lang mit diesem kleinen Roman zu vergnügen.

Erzählt wird die Flucht eines Dichters, der ein großes Landhaus in den katalanischen Bergen besessen und eine Frau geliebt hat: Àgata, die wirklich wunderbar gewesen sein muss. „So, wie es Frauen gibt, die unter ihrer Kleidung gekleidet zu sein scheinen, vermittelt Àgata den Eindruck, unter ihrem Kleid nackt zu sein.“ Doch dann steckt der Dichter sein Landhaus in Brand und ermordet damit die Angebetete – zumindest glaubt er das. Ihm bleibt allein die Flucht, wenn er sich nicht selbst richten oder von anderen gerichtet werden möchte. „Ich will mich ganz entschieden nicht umbringen, denn wie oft bringen wir uns nicht um, weil wir das nicht erlangen können, was uns erst wirklich einen Grund gäbe, uns umzubringen!“

Als Frau verkleidet löst er ein Zugticket nach Barcelona und trifft im Waggon auf Senyora Ridaura, die den so innbrünstig Liebenden sogleich in ihren Bann zieht: „Sie trägt mit Wasserstoffperoxid anmutig rotgefärbte Haare – wie es jetzt die neueste Mode ist (im Jahre 1907). Ich verliebe mich in sie. Auf der anderen Seite des Abteils sitzt ein elegant gekleideter Herr, der sich in mich verliebt. Es ist ein katalanischer Kaufmann aus Barcelona, den ich in Palma de Mallorca kennengelernt habe.“

Man kommt ins Gespräch. Die Frau mit den gefärbten Haaren tuschelt wie unter Geschlechtsgenossinen über ihr ausschweifendes Liebesleben und bekennt, sie sei verschwenderisch, denn „es macht mir nichts aus, einen Mann zu verlieren.“ Dieser (wie der Held aus Murathan Mungans „Tschador“) heimlich in fremde Gefilde lugende Dichter verliert nun endgültig seinen Verstand und bildet sich ein, diese andere Frau sei die von ihm ermordete Àgata, nur weil sie einen Liebhaber hatte, der so hieß wie er und ebenso alt gewesen ist: „Àgata ist nicht tot. Es ist sehr gut möglich, dass sie den Flammen entronnen ist, und noch möglicher, dass sie auferstanden ist.“

Schon in der Figurenkonstellation kommen also Genderspiele, mittelalterlicher Mystizismus und das romantische Doppelgängermotiv zusammen. Die Liebende wird überhöht, zum Heiligenbild stilisiert, mit übersinnlichen Fähigkeiten versehen und der bemitleidenswert hysterische Held, dessen innerer Monolog wiedergegeben wird, sieht sich gefangen. Er fühlt keine Freude, dass seine Geliebte doch lebt. Panik steigt in ihm auf, denn da ist „abermals die Angst, sie zu verlieren, abermals die Angst, sie verlieren zu wollen, abermals das Grauen davor, sie leiden zu sehen. Niemand erträgt es, diejenigen leiden zu sehen, die er liebt. Man würde es vorziehen, dass sie sterben, wenn die Traurigkeit, sie sterben zu sehen, nicht ebenfalls grauenvoll wäre. Abermals die Angst, ihrer müde zu werden, abermals die Angst, ihrer nicht müde zu werden und sie nie verlassen zu können, abermals die Angst, dass sie mich verlässt, abermals die Angst, dass sie mich betrügt, abermals die Angst, dass sie mir treu bleibt und ich keinen Grund habe, sie zu verlassen, abermals die Angst, dass ich ihres schönen Fleisches überdrüssig werde, und abermals die Angst, nachts nicht eine Weile mit den Freunden ausgehen zu können.“

Der Dichter erlebt die Liebe als Passion, als ebenso begehrens- wie vermeidenswerten Leidensweg und seine Gedanken zirkeln, geraten in einen Wahnsinnsdiskurs. Er will sich umbringen. Er will sich wieder nicht umbringen. Er will wenigstens das Handbuch des vollkommenen Selbstmörders schreiben, das aber erst, nachdem er sich umgebracht haben wird, „denn im Handbuch möchte ich beweisen, dass der, der auf ein großes Unglück wartet, um sich umzubringen, verrückt ist.“ Wird der Unglückliche sein Ziel erreichen, kann er überhaupt zu einem Ziel gelangen, wenn sich jede Erscheinung im Relativismus auflöst, mal von dieser, dann wieder von jener Seite zeigt? – Tatsächlich ist Francesc Pujols mit seinem Roman ein spät-dekadentes, das damals allgegenwärtige Kunstbild des Dandys dekonstruierendes Stück gelungen, das mit ein wenig Glück den Auftakt gibt für weitere, im deutschsprachigen Raum zu erscheinenden Geschichten des laut Salvador Dalí „größte philosophische Genie unserer Zeit.“ Bislang nicht auf Deutsch erhältlich ist sein Skandaldebüt, das heutzutage, wo das Sexuelle gewiss nicht mehr anrüchig ist, reißenden Absatz finden können. Der Titel, angelehnt an Jean-Jacques Rousseaus „Julie oder Die neue Heloise“ ist jedenfalls gut und heißt: „El Nuevo Pascual o la Prostitución“ (‚Der Neue Pascual oder Die Prostitution‘).

Francesc Pujols: „Der Herbst in Barcelona“, übersetzt von Magnus Chrapkowski, herausgegeben und mit einem Nachwort von Gerhard Wild, mit Illustrationen von Francesc Labarta, Arco Verlag, 124 Seiten, 11 Euro

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