Rezension: Pop hat Hunger

Toni Mahoni ist das, was man einen “Kult”-Videoblogger nennt. Seine Band hat gerade einen neuen “ Langspieler“ veröffentlicht. Und sein Buchdebüt “Gebratene Störche” ist verdammt leckere Kost.

Endlich gibt es einen Berlin-Roman, in dem die Figuren nicht wie Feuilleton-Puppen reden, sondern tatsächlich berlinern, im breitem, schnoddrigem Slang, echte Typen, die sich aufregen, wenn sie gefragt werden, ob sie denn hier nun rauchen wollen und dann antworten: “Nein! Ick will nich, ick MUSS rauchen. Et is meine verdammte Pflicht als Raucher!” Das verklickert Toni Mahoni als Autor, Sänger, Koch und Hauptfigur seines Debüts “Gebratene Störche” im ersten Liebesurlaub Flamme Peggy Maschke,die sich gerne mal aufregt und fragt, ob man dieses und jenes denn nun unbedingt tun müsse.

Peggy ist Anti-Kapitalistin. Toni stolpert über die junge, stets trashige Bademäntel tragende Frau, als er im Berliner (Edel-)Kaufhaus des Westens vor den Delikatessen steht, die er sich zwar nicht leisten, aber als “Probierhäppchen” wenigstens kostenlos in den Mund schieben kann: “Krümel von der goldenen Torte, hingeworfen für den Pöbel. Seht her, das fressen die Wohlhabenden, kostet von den Dingen, die ihr nie haben werdet.” Dann fällt ihm Peggy auf, die auf die Häppchen speichelt, als sogenannte ”Protestaktion“, die von der Security allerdings als infamer Angriff, Diebstahl, Terrorismus gewertet wird. Peggy fliegt raus – und mit ihr Toni Mahoni, der kleine Büroangestellte und Sänger einer noch kleineren Band, der einfach zum falschen Zeitpunkt in die falsche Richtung schaute und, tja, Pech nun erfährt: Mitjefangen, mitjehangen.

Jetzt hat er Peggy am Hals, in die er sich aber auch über selbigen bis Kopf verliebt, obwohl sie ihn mit ihrem Diskussions- und Protestwillen mehr als einmal in die Bredouille bringt. Ständig fliegt Toni wegen Peggy irgendwo raus, aus Lidl-Supermärkten, Ostsee-Pensionen, Spießer-Parteifeten von “Die Grünen” und nach einem ganz persönlichen Nachahmungsversuch bei dem Klebeband unter Computermäusen von Kollegen und Fake-Anrufe bei ausländischen Erotikhotlines eine Rolle spielen, auch aus dem Job. Dagegen hilft nur Humor: “Wir machten aus unserer momentanen Perspektivlosigkeit Programm”. Toni wird “Tellerassel” und schrubbt dekadente Speisereste von Porzellangeschirr, für fünf Euro Stundenlohn. Er arbeitet als Abfallentsorger und ekelt sich zum Glück nicht gar zu arg vor den fetten Maden, die in Rest-Dönersäcken auf ihn warten.

Er kocht selbst, mit wechselndem Erfolg. Toni ist ein Gourmet und lässt seine Schwiegereltern bis nach Spanien reisen, um eine perfekte Weihnachtsgans mitzubringen – die er dann jedoch mit Innereien im Keller aufhängt, weshalb das Vieh nach drei Tagen innerlich verwest, verrottet ist. Er brät mit seinem besten Kumpel einen Storch (daher der Buchtitel). Er versucht sich als Hausschlachter und scheitert kläglich. Er zettelt beinahe einen Bandenkrieg an, als Kumpel “Driver”, einem Musikproduzenten, das Huhn beim Einbruch zweier ganz peinlicher Gangsta-Rapper geklaut wird. Für ein ordentliches Tellergericht bringt sich dieser Mann in höchste Gefahr. Musik, Essen und Bücher haben sich seit Jahren verbrüdert. Das fing 2004 an mit dem Catering-Kochbuch der “Roten Gourmet Fraktion”, die erzählten, wie sie Backstage-Sonderwünsche von Bela B. bis Tricky bedienen. Das ging weiter mit Franz Ferdinand-Sänger Alex Kapranos, der 2007 in “Soundbites” an den damals aktuellen Bohemian Lifestyle andockte. 2009 schrieb Blixa Bargeld (Einstürzende Neubauten) eine sogenannte Litanei unter der Überschrift “Europa kreuzweise” und futterte sich als Restaurantkritiker quer durch die Gourmet-Tempel diesseits und jenseits des Rheins. Wenige Monate später folgte der sehr gute Kochbuch-Kurzgeschichten-Zwitter “Monsieur, der Hummer und ich” von Stevan Paul und nun kommt “Gebratene Störche”. Pop hat Hunger.

Nach eigenen Angaben ist “Gebratene Störche” ein Beitrag zum Niedergang der deutschen Sprache. “Man könnte echt mal ein Buch schreiben, wo alle so quatschen, wie sie eben quatschen. Könnte zwar anstrengend werden, das dann zu lesen, aber warum eigentlich nicht?” Selbstverständlich ist es das exakte Gegenteil, eben kein Beitrag zum Niedergang von irgendwas, sondern eine in sich absolut stimmige Compilation der besten Gerichte, schlimmsten Unfälle, fürchterlichsten Protestaktionen und erniedrigendsten Jobangebote. Weil Toni Mahoni kein Pessimist ist, steht man mit ihm die ganze Zeit auf der Sonnenseite. Es sind die kleinen Dinge, die einen glücklich machen: “Ich habe immer ein gutes Gefühl in der Videothek, weil ich mich insgeheim zu den ,sauberen‘ Kunden zähle. Die, die noch nie einen Porno ausgeliehen haben.” Na bitte. Geht doch.

Toni Mahoni: “Gebratene Störche”, Galiani Berlin, 258 Seiten, 14,95 Euro / das Hörbuch gibt es bei Tacheles / Roof Music. “irgendwat is immer”, die neue CD der Toni-Mahoni-Band, ist um 22. Februar erschienen.

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