Play.Repeat

Am Oberhausener „Elsa Brändström“-Gymnasium wackelte er mit einer Drei minus durchs Abitur: „Meine Inhaltsangabe von Goethes Faust umfasste nur ein paar Sätze, das war den Lehrern nicht lang genug“, erinnert sich Marcel Maas. Jetzt hat der 23-Jährige aus der Knappheit eine Tugend gemacht und mit „Play.Repeat“ ein sehr kurzes, sehr schnelles Romandebüt abgeliefert.

Auf gerade mal 120 Seiten erzählt sein Roman „Play.Repeat“ von einer Clique, die feiernd verschiedene Clubs des Ruhrgebiets abfährt. Die vage zusammenhängende Geschichte handelt von NuRave-Parties und weißem Rauschen, von der „Konstruktion des Wir“ und von überstrahlende Röhren, die ihre Netzhäute „stempeln“. – „Play.Repeat ist eine beschleunigte Story über’s Erwachsenwerden“, sagt Marcel  Maas im WAMS-Interview, „es geht um Abnabelung, die sich immer damit beschäftigt, wer man werden will, wohin man gehen will. Ich habe Exzesse, Liebe, Angst, Sehnsucht, Freude so übertrieben, ineinandergeschoben, dass jeder sich was rausziehen kann.“

Seine ineinander geschobene Übertreibungen klingen stellenweise nach Drogenrausch: „Wir tanzen als Blut Plasma Bildschirm, wir tanzen und sehen der Welt beim Wachsen zu. Das ist das Erste und das ist das Zweite und das ist das Dritte. Niemand erklärt uns. Fade Out. Fade In. Es klingen Herz-Muskel-Schwund. Das ist ein Echo und das ist ein Echo und das ist ein Echo. Und niemand spielt uns. Wir sind viele aufgehobene Orte, ausgewrungene Nächte, wir sind wie gesampled, automatische Feelings überall.“ Als Genreeinordnung hat Marcel Maas die Wortneuschöpfung „Prosa-Set“ gewählt. Das klingt lässig und kommt den gebrochenen Stil von „Play.Repeat“ erstaunlich nah. Seine rasante Sprache erinnert an HipHop-Battles, Spoken Wort-Poetry und Beat-Juggling, also jene DJ-Disziplin, bei der zwischen zwei Plattenspielern hin- und hergeschaltet wird, bis ein neuer, scheinbar zusammenhängender Sound entsteht. Wer einmal zugesehen hat, wie ein DJ binnen Sekundenbruchteilen mit seinem Crossfader die verschiedenen Vinylscheibe ansteuert und gleichzeitig dreht, der ahnt, welches schwindelerregende Gefühl sich beim Lesen von Marcel Maas‘ ungewöhnlichem Debüt einstellen kann.

Da verwundert es schon, wenn man hört, dass dieser junge, coole Autor weiterhin Mitglied beim Oberhausener Pfadfinderstamm „Unsere Liebe Frau“ ist und auf Pfingstlagern Kinder mit Geländespielen, Kompassunterricht und Nachtwanderungen auf Trab hält. „Meine Spezialität ist der Knotenworkshop“, sagt Marcel Maas. „Verwirrung stiften und dann wieder auflösen – das liegt mir.“ Weihnachten geht es zum Wichteln. Anschliessend wird gefeiert, im Oberhausener Stadtteil Styrum an der Ruhr. Gutbürgerlich, im Eigenheim. Sein Vater arbeitet als leitender Ingenieur. Marcel Maas‘ blonde Zwillingsschwester verkauft Versicherungsverträge. Die Familie fährt einen Audi-Mittelklassewagen.

Von solchen Orten aus lässt sich leichter Rebellion erproben oder vielmehr: in bare Münze verwandeln. 2006 startete Marcel Maas mit DJ Philipp Brinker eine inzwischen wieder eingestellte Indie-Electro-Partyreihe im Oberhausener „Druckluft“. Nebenbei studierte er als jüngster Nachwuchsautor am renommierten Hildesheimer Creative Writing-Seminar. Beworben hatte er sich mit einem dystopischen Theaterstück über vier Jugendliche, die beschließen, beim Aussterben der Menschheit mitzuhelfen, indem sie enthaltsam leben, ohne Sex. Marcel Maas, der dieses Pensum nur deshalb so schnell schaffen konnte, weil er die 11. Klasse übersprungen hatte, arbeitete während des Studiums als Redakteur beim Literaturmagazin „Bella Triste“, für das auch Daniel Kehlmann („Die Vermessung der Welt“) und Tilman Rammstedt (Ingeborg-Bachmann-Preisträger 2008) schrieben. Beim Hildesheimer „Prosanova“-Lesefestival war er selbstverständlich der jüngste Veranstalter.

In seiner Freizeit hört der Workaholic NuRave-Musik, „darum geht’s ja auch im Buch“. Und dem Indiegenre ist Marcel Maas ebenfalls treu geblieben: „Von der Hamburger Schule bis zu den Drums, Hot Hot Heat, Be Your Own Pet, Tomte, The Decemberists, The Shins.“ Ihn treibt, das merkt man bei so viel Band-Namedropping sofort, die gleiche Sehnsucht wie so viele junge Autoren. Popstar wollen sie sein. Marcel Maas und seine Hildesheimer Mitstreiter Jan Fischer, Lino Wirag und Tilman Strasser haben zu diesem Zweck eine literarische Boygroup gegründet, die sich „Text, Drugs and Rock ’n‘ Roll“ nennt und ambitionierte Ziele verfolgt.

Auch wenn bisher keine BHs euphorisierter Groupies auf die Bühne geflogen sind – das Rampenlicht und alle damit antizipierten Annehmlichkeiten hat sie alle gepackt: „Wir können zwar nicht gut singen und auch nicht musizieren, aber wir können zumindest ein bisschen schreiben, ein bisschen lesen.“ Schlagzeugsticks sind bereits in den Zuschauerraum geworfen worden. Der Rest kommt später, vielleicht bei der Tour zum Buch, wenn DJ-Kollege Philipp Brinker live an den Plattentellern auflegt, während Marcel liest. Hauptberuflich entwirft Marcel Mass mit seinem Hannoveraner Kollegen Lutz Woellert Spiele, die nicht an Computergames, sondern eher an alte Pfadfinder-Nachmittage erinnern. Mit einem Ereigniskarten-Set haben sie vor wenigen Wochen das Hamburger „Dockville-Festival“ belebt: „Auf den Karten, die wir den Leuten pseudokonsirativ in die Hand gedrückt haben, waren immer kleine Aufgaben, Herausforderungen, Spielideen. Es ging darum, sich auf einem Festival auszuprobieren, wo eh jeder Zeit und Lust hat, Sachen zu tun, die er sonst nicht machen darf. Ein bisschen wie Flaschendrehen. Nur neuer.“

Marcel Maas‘ Lieblingsnummer mit dem schönen Titel „Ich kann in die Zukunft sehen, Baby“, geht so: Man spricht sich mit drei, vier Freunden ab, und übt einen kleinen Ablauf von Handlungen. „Zum Beispiel, einer lässt ’ne Flasche fallen, der andere hebt sie auf, dann haut der eine den anderen, man lacht und so.“ Das studiert man ein. Dann geht man zu seinem Schwarm und sagt: „Hey Kleines, ich kann in die Zukunft sehen, wir werden uns gleich küssen.“ Und wenn sie ihm für diese Unverschämtheit eine runterhauen will, sagt man: „Pass‘ auf, ich kann’s dir beweisen. Guck mal da vorne, gleich wird das und das passieren.“ Dann passiert natürlich genau das, was einstudiert wurde. „Und in 90 Prozent der Fälle klappt es natürlich“, sagt der Oberhausener, „das Mädchen ist total begeistert, fragt sich, wie der Junge das getan hat, und dann kann er sie abschleppen.“ – Wen interessiert schon eine Drei minus im Deutschabitur – wenn man längst weiß, was die Welt, im Inneren zusammenhält?

Die Top-5 Ruhrpott-Clubs von Marcel Maas

Druckluft in Oberhausen: „Hier fand immer unsere Veranstaltungs- und Partyreihe Neidryder statt. Alles irgendwie unaufgeräumt und übermalt, aber schön, wenn man die Leute kennt, das Bier günstig kriegt und die Musik selber machen kann.“

Hotel Shanghai in Essen: „Die King-Kong-Klub-Veranstaltungen waren früher unsere Anlaufstelle. Viele ausgeuferte Abende. Legendär immer noch das Uffie-Konzert um halb vier Uhr morgens und unsere Versuche, die Künstlerin selbst (Anna-Catherine Hartley) aufzureißen. (Gescheitert.)“

Hundertmeister in Duisburg: „Das Hundertmeister kann man immer empfehlen, ein Laden, auf den sich immer alle einigen können. Auch in dieser Liste vertreten, weil ich da noch am letzten Samstag die Nacht habe gehen und verschwimmen sehen.“

AZ in Mülheim: „Siffig, dreckig, das Publikum irgendwo zwischen Hippie und Rock, zu künstlerischem Electro tendierend, mit Reggae versetzt, immer offen für Leute, die selber was machen wollen. So ein Laden, der sich mehr durch Ideologie definiert und deshalb hermetisch wirkt, was dann für Details wie Sauberkeit oder die Spielbarkeit des Kickertisches Freiheit schafft.“

Zentrum Altenberg in Oberhausen: „Ohne diesen Laden hätte ich früher eigentlich so ziemlich jeden Samstag Abend auf der Straße gestanden. Mittlerweile durchgehend ärgerliche Musikauswahl und schlimme Leute, aber trotzdem immer wieder ironisch gern und vor allem versuchsweise spät in der Nacht noch einen Abstecher wert – aus nostalgischen Gründen.“

Marcel Maas: „Play. Repeat“, Frankfurter Verlagsanstalt, 128 S., 17,90 Euro

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