Money, Money, Money!

Gleich drei Leben fahren im Roman “Das war ich nicht” mit Vollgas gegen die Wand . Bis zum Crash vergehen 380 atemlose Seiten, obwohl es um Aktien, Optionen, Hypotheken geht. Was ist das Geheimnis von Autor Kristof Magnusson

Enttäusche Erwartungen: Der amerikanische Bestsellerautor Henry hat den großen Roman zum 11. September 2001 angekündigt – aber noch keine Zeile geschrieben. Seine deutsche Übersetzerin Meike ist nach dem ungedeckten Kauf eines alten Bauernhofs überschuldet und flieht nach Amerika, wo sie Jasper kennenlernt, einen Börsenmakler aus Chicago, der Geld verzockt, das ihm nicht gehört, im Namen von Kunden, die gar nicht existieren. – In einer Woche verknüpft sich dreimal böses Schicksal zu einem wahnwitzigen Thrillerplot, in dem sich der Boden öffnet und droht, alle drei Helden urplötzlich zu verschlucken.

Henry ist am Ende. Meike ist am Ende. Jasper ist am Ende. Oder auch nicht. Denn Jasper ist ein Spieler, der mit einer kleinen Börsentransaktion ins millionenschwere Minus rutscht, und darauf hofft, dass sich sein Blatt irgendwie wendet. Um eine illegale Aktion zu vertuschen, wettet er mit Optionsscheinen auf fallende Kurse einer Hypothekenbank. 2008 kracht diese Branche ein, weil Banken maßlos Kredite an Menschen wie Meike, alsoeigentlich arme Schlucker vergeben wurde, die das alles niemals zurückzahlen können.

Doch dann geschieht etwas Unerwartetes: Die Kurse steigen, Japser verliert seine Wette und mit jedem Tag mehr Geld. Es gibt kein Zurück. Oder doch? Immerhin ist Henry, den er zufällig in einem Café kennenlernt, mehrfacher Millionär… Für die meisten Leser dürfte das schnell drehende Börsenkarussell von außen fadenscheinig wirken, als beobachte man ein richtiges, blinkendes Kinderkarussell bei diesigem Wetter aus der Ferne. In fahlen Licht erkennt man dann nur ganz viele kreisende Lichter. Das Ganze schaut irgendwie interessant aus. Nur was da tatsächlich passiert, kann man lediglich erahnen, dass es da verschiedene Pferde gibt, auf die man (sich) setzen kann, dass es für den einen unheimlich, für den anderen der größte Spaß sein mag, dort mitzudrehen…

Kristof Magnusson schafft es, dass sein Karussell ganz klar vor einem steht, dass auf einmal jeder kapiert, was dieses Karussell antreibt, was das Spannende, der Thrill daran ist. In diesem Buch fiebert man mit Jasper, schrickt wie er bei jedem Anruf aus Europa, bei jeder Mail aus der Personalabteilung zusammen. Wenn die Aktien der Hypothekenbank, auf die er gesetzt hat, sinken, sieht man kurz Licht am Ende des Tunnels. Rechnet Jasper am Tag darauf nach, mit wie vielen Millionen er in der Kreide steht, wird einem gleich mit elend. Alles kribbelt.

Plötzlich sitzt man selbst auf diesem komischen Karussell und versteht, welchem Elend ein harmloser Börsenhändler ausgesetzt sein kann. Jasper ist ein armes Schwein. Man muss schon ein verdammt guter Schriftsteller sein, damit Leser selbst für einen der meist gehasste Typen Mitgefühl entwickelt. Kristof Magnusson schafft das, mit Bravour. Dass er sich sich in “Das war ich nicht” mit der Finanzkrise auseinandersetzt, könnte daran liegen, dass Kristof Magnussons Vater aus Island kommt. Dieses kleine Inselland (317.000 Einwohner) steht kurz vorm Ruin. Die drei größten Banken des Landes mussten im Oktober 2008 verstaatlicht werden. Monatelang warteten deutsche Kunden der isländischen “Kaupthing”-Bank auf ihre Spareinlagen, zitterten, weil es zwischenzeitlich so aussah, als würden sie ihr Geld niemals wiedersehen. Nun, Geldprobleme dürften den Autor währenddessen nicht ereilen. Er ist ziemlich gut im Geschäft.

Kristof MagnussonDer 1976 in Hamburg geborene Deutsch-Isländer schrieb mit “Männerhort” eine Komödie, die an über 30 Theatern im In- und Ausland aufgeführt wurde. In Berlin spielten Christoph Maria Herbst und Bastian Pastewka mit. 2002 war Kristof Magnusson Stipendiat im Künstlerdorf Schöppingen. 2005 nahm er am Ingeborg-Bachmann-Preis im österreichischen Klagenfurt teil. Er gewann 2006 den Rauriser Literaturpreis. Im gleichen Jahr war er Stadtschreiber des Goethe-Instituts im indischen Pune, im Herbst 2008 “Writer in Residence” an der University of Iowa. – Nebenbei übersetzt er aus dem Isländischen, gerade die 700 Jahre alte Saga von “Grettir dem Starken”. Und jetzt begeistert es mit diesem Wahnsinnsroman. Wer starke Nerven hat – der sollte “Das war ich nicht” auf jeden Fall lesen.

Kristof Magnusson: “Das war ich nicht” Verlag Antje Kunstmann, 284 Seiten, 19,90 Euro

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