Machtverhältnisse und Intimitätsterror

Teil 2/2 des Interviews mit Armen Avanessian, der gerade seinen Band „Überschrift – Ethik des Wissens, Poetik der Existenz“ bei Merve veröffentlicht (hier geht es zum ersten Teil des Interviews auf LesenMitLinks). In diesem untersucht er nicht nur die Erscheinungsformen des universitären Machtdiskurs und die Abschottung der Akademie gegenüber der Gesellschaft, sondern auch (weil er kritisch mit ihr umgeht) Wirkung und Erscheinung von Kritik an sich: Fichte, Schelling, Hegel, Foucault etc. In „Antidepressivum Fetischismus“, dem vermutlich wichtigsten Kapitel des Buchs (S. 170 ff) erläutert Avanessian den Zusammenhang von wissenschaftlicher Hingabe, Fetischisierung, Leidenschaft und einem Umfeld, das diese „Triebtäter“ (ein Begriff, den Schriftsteller  Hartmut Lange auf seine Arbeit anwendet) sogleich bewundert/bevorzugt und abstraft/ausschließt.

Die heutigen Interviewthemen erzählen von persönlichen Enttäuschungen, Fragen nach der Relevanz geisteswissenschaftlicher Qualifikationsschriften, suchen Protestformen des prekarisierten Mittelbaus und wundern sich, weshalb so viele Lehrerkinder an deutschen Universitäten lehren. Die F.A.S. hat gestern einen Vorabdruck aus dem  Buch gebracht – und es ist anzunehmen, dass „Überschrift“ in wenigen Tagen eine größere Debatte (oder eine Neujustierung der bestehenden Uni-Prekariatsdebatte) entfachen wird. Das Beitragsbild zeigt Cover und Rückseite des Buchs.

Armen, braucht es 2015 noch Dissertationen? Ist akademisches Wissen überhaupt relevant – für die Öffentlichkeit, für die Entwicklung der Persönlichkeit, für das allgemeine Streben nach Wahrheit? Für mich war das Schreiben meiner Dissertation eine aufregende Zeit. Allerdings bin ich in Paris gesessen, hatte ein aufregendes Leben, und glücklicherweise immer wieder interessante Nebenjobs, um das nötige Geld zu verdienen, obwohl ich damals gerne ein Stipendium gehabt hätte. Die entscheidende Erfahrung war dabei der natürlich immer zum Scheitern verurteilte Versuch, alles in dieses zukünftige Buch zu zwingen; quasi die ganze Welt, alles was ich wusste und erlebt habe. Oder vielleicht sogar: was ich noch erleben wollte. Diese ethische Dimension des Denkens und Schreibens musste ich erst wiederfinden, nachdem ich „professioneller Akademiker geworden bin“ und eine Stelle in Berlin hatte. Das war nicht einfach, obwohl ich immer sogenannte Betreuer oder Vorgesetzte hatte (also Karl Heinz Bohrer, Jacques Ranciere oder Winfried Menninghaus), die zum Glück ein eigenständiges intellektuelles Profil hatten und mich in Ruhe haben arbeiten liessen. Aber der Betrieb selber zwingt einem einen bestimmten Ideologie auf. Es hat einige Zeit gebraucht einen anderen Habitus zu finden oder hervorzubringen.

Aus der Perspektive einer Ethik des Wissens und einer Poetik der Existenz argumentiere ich in diesem Buch gegen die Dominanz der ästhetischen Philosophie und angesichts der Ausweglosigkeit ihres ›kritischen‹ Denkens für dessen Überschreibung mittels zweier Strategien: Poetik und Spekulation. („Überschrift“, Seite 119)

Wie bist Du wieder zu dieser Euphorie der Anfangsjahre zurückgekehrt? Ich habe in meinen ersten akademischen Jahren in Berlin viel darüber nachgedacht, ob ich mich jemals wieder in diesen Enthusiasmus versetzen kann. Letztlich war es nicht das selbstkritische Nachdenken, das mir geholfen hat, sondern das Zusammenarbeiten und -schreiben mit anderen, speziell Anke Hennig. Das hat mich herausgerissen aus der deprimierenden Routine. Dass unsere gemeinsamen Bücher nicht als Qualifikationsschriften durchgehen ist vielleicht symptomatisch. Vielleicht haben wir bald wieder mutigere Zeiten und es werden kollektive Dissertationen erlaubt.

Welche Reaktionen der Universität auf Dein Buch erwartest Du? ‚Die‘ Universität gibt es nicht. Es gibt so viele unterschiedliche Fraktionen, Schichten,  Alters- beziehungsweise Berufsgruppen. Dazu kommt, dass praktisch alle mir bekannten Akademiker ziemlich gespalten sind bezüglich ihres Studier- oder Arbeitsorts. Wenn wir jetzt noch einbeziehen, dass wir in Zeiten einer „expanded academia“ leben, also der Kunstbereich oder der Journalismus auch bevölkert sind von ehemaligen oder Immer-Noch-Akademikern, dann wird die Geschichte noch einmal komplizierter. Daher wird es sicher nicht „die eine“ Reaktion geben. Eher hoffe ich, dass sich die Omertà des akademischen Schweigens etwas lüftet und sich die Diskussion etwas verschiebt.

Warum funktioniert die Ausbeutung der Nicht-Professoren an den Unis so gut? An konservativen und auf der inhaltlichen Ebene progressiven Institutionen gibt es sicher unterschiedliche Gründe. Generell sind die Universitäten eine Speerspitze der neoliberalen Ökonomie bzw. des kognitiven Kapitalismus. Es gibt Selbstausbeutung, Prekarisierung, mangelnde Politisierung und stattdessen Isolierung oder Individualisierung. Mich hat zusätzlich interessiert, warum an den Universitäten so viel politische Theorie präsent ist, aber so wenig Selbstanwendung dieser Theorie. Die Altvorderen präsentieren sich oft als gute Linke, also als antiautoritär und offen, kritisch und selbstkritisch. Das erschwert den ihnen beruflich Ausgelieferten natürlich die Wahrnehmung der tatsächlich weiter vorhandenen Machtverhältnisse und wie dagegen vorzugehen ist. Das Resultat dieses zuweilen Intimitätsterrors ist entweder Komplizität oder Indifferenz und ebenso eine Internalisierung der Schuld. Die Ausbeutung- oder Selbstausbeutung an den Universitäten hat unfassbare Züge angenommen.

Die an der Universität kursierenden politischen Theorien beschäftigen sich theoretisch – ihrem eigenen Selbstverständnis nach extrem kritisch und sehr radikal – mit allem und jedem, kaum aber mit ihrer, der Universität, eigenen Politik. (141) 

In welcher Weise bringt die deutsche Philologie nur weitere Philologen hervor? Und warum gibt es dort so viele Lehrerkinder? Der Vorwurf ist alt und etwa Kittler diskutiert in seinem Buch ‚Philosophie der Literatur‘ Nietzsches Probleme mit dem akademischen Diskurs und den entsprechenden Einlass Wagners in die Diskussion, wonach die Philologen nur weitere Philologen produzieren, aber kein gesellschaftlich relevantes Wissen. Kittler erweitert das dann zu der Beobachtung, dass einer der Haupteffekte von Humboldt gewesen ist, Horden an Lehrern auszubilden. Der Witz von der Geschichte, die ich erzähle, ist, dass wir heute vielleicht sehen wie sich der Kreis schliesst: Massen an Lehrerkindern steigen ein weiteres Stückchen auf, und werden Professoren. Böse oder konservative Zungen behaupten: dementsprechend sieht auch die Theoriebildung aus.

Aber sind die Achtundsechziger nicht genau dagegen angegangen? Die haben sicher wichtige Impulse gebracht, und ich möchte mir nicht vorstellen, wie es in Deutschland ohne der Studentenbewegung aussehen würde. Problematisch ist jedoch, dass sich eine Diskurshoheit gebildet hat, die gelinge gesagt nicht mehr ganz akkurat auf die Fragen unserer Zeit reagieren kann, egal ob es um Politik, Technik oder Gesellschaft geht. Und im Gegensatz etwa zu Frankreich kommt in Deutschland hinzu, dass die intellektuelle Autorität ja im Akademischen nicht vergleichbar ist. Hier zehrt man etwas überspitzt formuliert immer noch von der Theorieproduktion vor 1968 (Adorno, Benjamin etc). In Frankreich ging es um 68 erst so richtig los und gegen allen Widerstand der Frankfurter Schule hat sich das poststrukturalistische Denken ja glücklicherweise durchgesetzt. Zunächst wie immer außerhalb der der Universitäten. Man könnte das den üblichen Verlauf der Merve Kultur nennen.

Die schönen Seelen der ironischen Forschenden halten bis heute schweren Herzens an ihren Autoritäten fest. In guter alter, seit der Romantik – mittels eines perfid-ironischen double binds – eingeübter Tradition hängt ihr Glaube immer noch sehnsuchtsvoll an einem ihnen unzugänglichen Allerhöchsten, dem sie geflissentlich ausweichen. (171)

Drittmittel sollten das Ganze entzerren. Warum glaubst du, dass die neue neoliberale Hochschulpolitik alles nur schlimmer macht? Ich habe so viele Kollegen erlebt, die über die Drittmittelbetriebe schimpfen oder spotten, auch diejenigen, in denen sie arbeiten und denen sie ihren Job verdanken. Ich habe länger gebraucht um zu verstehen, dass es nicht einfach die böse Politik oder nur der böse Kapitalismus ist, der an allem Schuld ist. Vielmehr sind die Insassen der Bildungsanstalten selber zur Verantwortung zu ziehen, und nicht nur der Neoliberalismus, die Hochschulpolitik oder die DFG. Wenn wir die Cluster, Graduiertenkollegs, Sonderforschungsbereiche nehmen, dann würden die eigentlich ideale Forschungsmöglichkeiten bieten: also die Möglichkeit an neuen theoretischen Paradigmen zu arbeiten, etwas zu riskieren, das zu unterrichten, worüber man gerade forscht, interdisziplinär zu forschen und zu gemeinsamen experimentellen Arbeits- und Schreibformen zu finden.

Stattdessen gibt es eine Autopoiesis des Systems? Leider funktionieren diese Drittmittelbetriebe meist nur zur Aufrechterhaltung des Lehrbetriebs der Institute, als Karrieredurchlauferhitzer und als Netzwerkschmiede. Diese Orte sind dann Produktionsstätte individueller Qualifikationsschriften im Windschatten mächtiger Professoren und bereits seit Jahrzehnten etablierter intellektueller Theoriebildungen die evtl um irgendwelche nur den Beteiligten sichtbare Nuancen variiert werden, als ob davon die Welt abhinge. Jeder kennt die Klage über die ständigen Veranstaltungen und Sammelbände, deren Wert man ja einmal danach bemessen könnte, wie hoch ihre Auflage ist und wie groß der Druckkostenzuschuss dazu nötig ist. Das wäre ein Spass. Was mich dabei aber hauptsächlich interessiert: woher kommt dieser Zwang, immer weiterzumachen, obwohl man doch weiss, dass es falsch ist.

Für einen hohen Prozentsatz an deutschen Professoren gilt, wie allgemein bekannt, dass sie keine Bücher (mehr) schreiben, wenn sie sich erst einmal im Alter von ca. vierzig Jahren auf ihren Professuren eingerichtet haben. Weniger bekannt ist, dass sie niemals Bücher geschrieben haben. Produziert wurden und werden stattdessen – ergänzt um Einführungen und Reader zur Sicherung der Diskurshoheit – Qualifikationsschriften. (225)

Wie wirkt sich das Unileben gesundheitlich auf seine Mitarbeiter aus? Es gibt immer mehr und mehr Statistiken und Untersuchungen (einstweilen vor allem aus dem angloamerikanischen Bereich) über das starke Anwachsen klinischer Depressionen an den akademischen Institutionen, und zwar in absoluten Zahlen, aber auch relativ zu anderen Berufen. Doch statt kritisch-nostalgisch den Kopf in den Sand zu stecken wollte ich im Buch eher das ethische und damit politische Versagen der Akademiker selbst thematisieren, das sie mit Scham und Depression bezahlen. Wir laufen Gefahr die nächste über den Kapitalismus hochinformierte akademische Generation auszubilden, die politisch scheitert und völlig passiv bleibt.

Immer häufiger hört man von Protesten und Streiks des prekarisierten Mittelbaus, wie unlängst in Köln und Düsseldorf. Wie kann man sich außerdem wehren? Proteste und Streiks kann ich nur begrüssen. Ich habe ja nur ein bescheidenes ethisches Buch geschrieben. Das System falsch zu finden, aber weiter mitzumachen, das ist auch politisch falsch und ethisch prekär. Ich begreife nicht, wie meine Kollegen fast kollektiv darauf hoffen, irgendwann einmal durch Zufall auserwählt und auf sicherem Posten zu landen. Bis dahin ist man höchstens ausreichend deformiert und intellektuell ausgelaugt, um so etwas wie grosse Bücher zu schreiben.

Erstaunlich ist, wie viele mit ihren Dissertationen unzufrieden sind, und zwar sowohl im Stadium der Konzeption, den langen Jahren der Ausführung und naturgemäß auch nach der Fertigstellung. (…) Schon im Korrekturstadium der Dissertation wird hauptsächlich an das Exposé für die Habilitation gedacht, die dann gleich von Beginn an so lieblos pragmatisch konzipiert wird wie die inzwischen verhasste Dissertation. (227)

Ich arbeite gerade selbst an einer Qualifikationsschrift über Hartmut Lange. Sollte ich heute noch eine Dissertation schreiben? Letztlich geht es nicht um die Frage: Dissertation oder nicht. Es geht darum, wie man die anderen inkludiert und adressiert. Und ob es um mehr geht als um die Produktion von Wissen. Wahr wird ein Wissen für ein Subjekt nur, wenn der untersuchte Gegenstand mein Denken und damit meine ganze Welt verschiebt. Meine persönliche Erfahrung als Geisteswissenschaftler (was für ein abgründiger Ausdruck eigentlich) ist, dass ich bessere wissenschaftliche Ergebnisse produziert, wenn es mir persönlich um etwas geht, egal wie abstrakt oder scheinbar lebensfern das Thema ist. Vielleicht kann der Adressat des Schreibens die ganze Welt oder auch ich alleine sein. Das muss jeder selbst entscheiden. Hauptsache, wir schreiben nicht kalkuliert mit Blick auf irgendeine akademische Institution. Dann kann die eigene akademische Arbeit mitunter, das soll ja vorkommen, sogar eine breitere Öffentlichkeit interessieren.

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