Jörg Thadeusz: Long Way Down

Airbuskapitän Lukas leidet unter Flugangst. Bundestagsabgeordnete Sarah befindet sich nach einer ungeschickten Pressekonferenz bereits im Sinkflug. Dennoch ist in Jörg Thadeusz‘ zweitem Roman beinahe „Alles schön“. Auf 285 Seiten steuert der Grimme-Preisträger und öffentlich-rechtliche „Zimmer frei“-Held zwei Yuppies auf Kollisionskurs. Es folgen abwechselnde Episodenkatastrophen aus dem belanglos gewordenen Alltag von Sarah und Lukas.

Allein Thadeusz‘ unterhaltsamer und sicherer Erzählstil wird dem „Alles schön“-Buchtitel gerecht. Wenn Sarah Berliner Tristesse-Essen mit Genossen, Lukas traurigen Speisewagen-Small-Talk mit einem Kollegen erleidet, denkt man unwillkürlich an Bilder aus Sofie Coppolas Kinofilm „Lost in Translation“. Dort verebben ausfransende Leben eigentlich erfolgreicher Menschen auf gleiche Art und Weise, mit ähnlichem Witz, ebenfalls trauriger Ironie. Was bei „Lost in Translation“ Tokio, Werbebranche, Hotelbar ist, taucht in „Alles schön“ als Berlin, Lufthansa-Kabine, SPD, Spa und Rollfeld wieder auf. Wo es von aussen glitzert,also „alles schön“ ist, wartet für die Bewohner dieser scheinbaren Neidwelten nur noch pastellfarbener Horror. Doch dann passiert das Unwahrscheinliche: Lukas lernt Sarahs Hand kennen. Er verkrallt sich in diese Hand panisch während eines Rückfluges, den er nun als verängstigter Passagier durchleiden muss. Verknallt ist Lukas wenig später – nicht in die Hand, sondern den Rest der unsicheren Berufspolitikerin. Langsam finden die beiden Leben, finden die beiden Liebessuchenden zueinander. Natürlich mit der genreüblichen Verzögerung, geplatztem Rendesvousz, verpassten Telefonaten, Missverständnissen.

Irgendwann bleibt allein ein großes Problem. Lukas ist verheiratet, wenn auch unglücklich, mit getrennten Schlafzimmern, schweigsamer Entfremdung und so weiter. Jörg Thadeusz‘ gibt seinen Hauptfiguren Zeit, um das Problem möglicherweise zu lösen, die Sehnsucht greifbar zu machen. Er inszeniert gemeinsame Aufwachkaffees am kleinen Campingtisch von Sarahs Wohnung, Küsse, die an Mascarpone-Creme erinnern, erneutes Auseinanderdriften der beiden. Bis letzte Augenblicke dem Buchtitel endgültig gerecht werden. Im anderen, als im erwartbaren Sinne. Es bleibt ein Gedanke von Seite 195: „Ich glaube, es war schön. Aber war es schön genug, was meinst du?“ Zynische Schwiegersöhne und -töchter verschenken dieses Buch Flugpanikern zur Bescherung am 24. Dezember. Vielleicht mit einem zusammenhanglos gekürzten „Alles schön“-Zitat auf der Weihnachtskarte: „Keine verlässlichen Lotsen, die Technik am Boden der reinste Schrott, das weißt du doch hoffentlich, oder?“ Romantiker kaufen diesen Text ebenfalls, für kalte Winterabende, und segeln mit Jörg Thadeusz sanft ins Jahr 2005.

Jörg Thadeusz: „Alles schön“, KiWi, 285 S. 8,90 Euro

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