Linkradar: Speed Read, Lachen mit Sloterdijk, Gesellschaftskritik

„Meine Tante Betsy ist auch Schriftstellerin, kennen Sie sie? Vielleicht sollten Sie ein Buch über (passendes Thema einsetzen) schreiben anstatt über Ihr derzeitiges. Ich habe einen ganzen Roman im Kopf, den müssten Sie nur aufschreiben! Vater erstochen, Bruder erschossen, ich fünfmal dem Tode nah, wollen Sie über mich schreiben?“ Lorenz Jäger berichtet in der F.A.Z. über Dinge, die man Schriftsteller niemals fragen sollte, aufgehängt an dem gerade sehr populären Twitter-Hastag #tenthingsnottosaytoawriter. Was man ebenfalls nicht sagen sollte: „Ihr Buch war so spannend, dass ich es in 45 Minuten durch hatte.“ Oder auch: „Ihr Werk ist so tiefsinnig wie Peter Sloterdijks Gedanken über Richard Wagner.“ Mehr zu diesen Themen gibt es hier im Linkradar. (Das Beitragsbild ist eine Kinderbuchzeichnung von Oli Rogers.)

Hp7Skimming und Scanning: Es klingt nach neuer Sexpraktik am Bürokopierer, ist aber tatsächlich ein Speed-Read-Verfahren (frei nach dem Motto: „für Sie quergelesen von Volker Weidermann“). Der Blog Influenza-Bookosa beschäftigt sich hier mit der Frage, ob man ein Harry Potter-Buch in weniger einer Stunde lesen kann; und ob man das überhaupt will. „Lesen wird optimiert und verkommt mehr und mehr zum Hochleistungssport. Die Buchblogger-Szene ist da ein schönes Frühwarnsystem. Immer mehr Aktionen und Challenges befassen sich mit der Anzahl der Bücher, die eine Person in einem vorgegebenen Zeitraum lesen kann/sollte. Immer mehr Buchblogger definieren ihren ‚Erfolg’ über die Anzahl der gelesenen Seiten und veröffentlichten Rezensionen.“

448px-Joseph_Smith,_Jr._portrait_owned_by_Joseph_Smith_IIIKritikerdebatte: Und dann taucht das Wort „Leitmilieu“ auf im Beitrag von Michael Hasin, der den Literaturkritiker als Fundamentalisten denkt, als Mormone der Bücherwelt (weshalb das Bild links auch Prophet Joseph Smith Jr. zeigt). „Literaturkritik, Kunstkritik als Gesellschaftskritik heißt aber nicht nur Verrisse zu schreiben, ja eigentlich bedeutet es heute in einem Land, dessen Eliten lieber über Fußball sprechen als über Poesie, in erster Linie: das, was gut, aber unerträglicherweise unbeachtet ist, anzupreisen. Ein erfolgreicher Verkäufer allerdings steht hinter seinem Produkt. Daher braucht Kritik Glauben, nicht an Gott, aber an die Literatur.“

Der die das Wagner Taube: Einen sehr unterhaltsamen Text hat Axel Brüggemann hier über Peter Sloterdijks Besuch bei den Festspielen in Bayreuth veröffentlicht. „Wohlgemerkt, es handelt sich hier nicht um einen „Brief von Wagner“ in der „Bild“, sondern um einen Brief an den allgemeinen Wagnerianer von Peter Sloterdijk. Inzwischen scheint der Philosoph, ähnlich wie jener Bild-Franz-Josef-Wagner, in eigenen Sphären zu schweben,

34638762-Kopie-315x175den Sphären eines Engels: ein nichts hören könnender Verkünder. Oder anders: ein selbsternannter Odysseus, der seinen Lesern im Vorfeld die Ohren mit Wachs verschließt und sich selber im Angesicht der singenden Leitmotiv-Sirene Wagner an den morschen Mast aus Nietzsches Abschaum-Kaskaden bindet. Früher hat Peter Sloterdikjk in seinen „Sphären“ noch zu Schäumen verbundene Blasen unsers Zusammenlebens untersucht, heute ist er selber nur ein tauber Schaumschläger.“

11822433_678631418938431_893932303903537878_nIn eigener Sache: Am Sonntag lief in der Deutschlandradio Kultur-Sendung „Sein und Streit“ der zweite Teil meiner Sommerreihe „Philosophisches Kopfkino“, während ich die Zeit beim „Atelier NRW“ im Kloster Knechtsteden verbrachte und über Literatur diskutierte (was bei Kollegen so aussah wie hier im Bild). Am Tag zuvor lief meine Besprechung zu Helmut Kraussers neuem Roman (hier im Blog) im WDR 5-Magazin „Bücher“. Dann gab es noch dieses Gespräch mit mir in Caterina Kirstens „Schöne Seiten“-Blog.

Pausenvideo

Seit anderthalb Wochen liest Alban Nicolai Herbst hier aus seinem Werk – quasi als Auftakt zu seinem Bald bei Mare erscheinenden Roman „Traumschiff“.

Konsuminventur

KonsumFreitisch: Es gibt 30 bis 40 Grundprodukte für den täglichen Bedarf wie Mehl, Öl, Brot – und hier sind die Discounter-Gewinnmargen besonders schmal. Das Geld wird mit anderen Artikel verdient. Die gerade wiederholte arte-Doku „Preiskampf: Was ist unser Essen wert“ erklärt, weshalb französischer Käse hierzulande 30 Cent weniger kostet als im Produktionsland, wie Steuergelder verwendet werden, damit Lebensmittel unter den Herstellungskosten angeboten werden können und was mit den 58 Milliarden Euro EU-Agrarsubvention geschieht.

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