Jo Lendle: „Die Kosmonautin“

Tag 2: Gestern habe ich hier Jo Lendles frühe Texte aus „Edit“ und „Bella Triste“ und die 1999 bei Suhrkamp erschienene „Unter Mardern“-Miniaturen angeschaut. Der Anlass: Ich betätige mich derzeit als Eckermann und betreibe literarische Kanonisierungsarbeit. Für das KLG bereite ich einen Essay über Lendles schriftstellerisches Werk vor. Es geht weiter mit „Die Kosmonautin“:

Ein Roman, der neun Jahre nach „Unter Mardern“ veröffentlicht wurde. Er ist das zweite Debüt Jo Lendles – sein erster Roman. Dieser erscheint nicht bei Suhrkamp in Frankfurt, sondern bei der DVA in München, wo seitdem alle Romane des Schriftstellers veröffentlicht werden. Die Geschichte um Hella (Hajo Steinert: „hell ist übrigens ein Lieblingsadjektiv des Autors“), die gerade ihren 13-jährigen Sohn beerdigen musste und nun in die kasachische Steppe aufbricht, um ins All zu fliegen, bekommt eine deutlich gesteigerte mediale Aufmerksamkeit als die „Unter Mardern“-Miniaturen.

Hellas Reise beginnt auf einer geraden Straße die, „Mitte des vergangenen Jahrhunderts durch eine Brigade von fünfzig Männern und einer von Pferden gezogenen Walze gebaut“ worden ist. Der Mensch hat sich gegenüber der Natur behauptet – sein Artefakt ist nun verlassen. Auf dieser „menschenleere(n), hingegossene(n) Doppelpiste“ fährt sie Richtung Baikonur, jenem inzwischen touristisch genutztem Weltraumbahnhof, von dem Kosmonaut Juri Gagarin 1961 ins All geschossen wurde: „Abwurf des Nasenkegels. Ich sehe die Erde! Wie herrlich! Befinden gut, Überbelastung nimmt zu, Sehe Wälder, Wolken.“ Diese Beobachtung Gagarins steht dem Roman als Motto voran.

Hella fährt mit ihrem Kleinwagen an rostigem Baugerät und abgewickelter Industrie vorbei. Deutlich steht vor Augen: Die Sowjetunion ist untergegangen und mit ihr der marxistische Glaube an die Befreiung des Menschen durch Maschinen. Aber noch ist es keine melancholische Situation. Auf der zweiten Seite hebt Hella erst einmal ab, wenn ihr PKW auf dem Scheitelpunkt der immer wieder aufs Neue ansteigenden Bahn hinaus bricht, um „weiter in die Höhe empor zu beschleunigen.“ Für die Dauer eines Herzschlags schwebt sie „zwischen Himmel und Erde.“

Damit ist das Leitmotiv gesetzt, das Bild des in die Höhe strebenden Menschen, der in seinem Tatendrang voller Hybris steckt: „Hella konnte nicht aufhören damit“, der kargen Landschaft trotzend, den verrosteten Maschinen zum Gegenbeweis, koste es, was es wolle. Ein Bild, das später gespiegelt wird, wenn Hella eine verendende Biene beobachtet, deren Stich den eigenen Tod herbeigeführt hat, aus unmerklichem Reiz. „Wie gut hätte sie weiterleben können wie bisher. Es hatte ihr nicht geholfen, wenn man mit Hilfe meinte, daß sie hätte überleben können, weiterfliegen Nektar sammeln, Honig machen, Larven füttern.“

Doch was hier nach fröhlichem Übermut klingt, täuscht. Die alleinerziehende Hella hat vor Kurzem ihren 13-jährigen Sohn Tobi aufgrund Verkettung fataler Umstände verloren. Vor seine Tod hat der weltraumbegeisterte Teenager bei einem Gewinnspiel mitgemacht, das als Hauptgewinn eine Reise zum Mond versprach. Nach seinem Tod zieht Hella postalisch die Bewerbung um den Weltraumflug zurück, legt die Sterbeurkunde bei. Doch statt eines Bestätigungsschreibens bekommt sie eine Gewinnbenachrichtigung zugestellt. Ihr wird gestattet, an Stelle ihres Sohnes ins All zu fliegen.

Selbst als das Unternehmen das den Gewinn ausgelobt hat, in die Pleite rutscht, bleibt die Einladung zum Mondtrip bestehen, und „die Reise geht darüber weit hinaus, sie geht nach Transz und sie geht mit Transz. Das ist im Roman nämlich der Name des ,größten Reisekonzerns des Planeten‘ (den Philosophen ist das nichts Neues)“, schreibt Zeit-Autor Hubert Winkels in seiner Doppelrezension von „Die Kosmonautin“ und der ebenfalls in Kasachstan angesiedelten Erzählung „Turksib“ von Lutz Seiler.

Durch eine leere Landschaft führt der erste Teil des Romans, überschrieben mit „Kleiner Finger“. Die weiteren vier Kapitel zählen jeweils einen weiteren Finger auf. Beim letzten Kapitel weist der Daumen, der die Menschen- von der Primatenhand unterscheidet, die humane Überlegenheit voraus und Hella darf endlich Richtung Mond abheben (gereichte Hände und gezeigte Finger tauchen in diesem Roman immer wieder auf). Zugleich ist dies eine Art Countdown, von Fünf rückwärts gezählt. Nach dem letzte Kapitel schwebt die Story im unbekannten Deutungsraum des jeweiligen Lesers – aber vielleicht sind derartige Interpretationen ein bisschen zu posh und kommen Lendles zaghaft eingesetzter Finesse kein bisschen näher (vgl. Anja Hirsch).

Er weiß, Räume zu inszenieren. zunächst fährt Hella durch diese nahezu menschenleere Steppe, trifft lediglich einen geradezu biblisch in die Szene gesetzten Hirten mit seiner Kuh, bevor nach Tagen gehäuft Zivilisationsmüll am Straßenrand auftaucht, „neben denen jetzt manchmal Hunde standen, in ihrer Suche unterbrochen“. Hella beobachtet „ein Erntedank der Rosenbauern“, lässt sich auf dem Fest ausgerechnet eine Schlange um den Hals legen und gewogen wird sie auch, von drei Badezimmerwaagen, die ein immer geringeres Gewicht anzeigen. Es ist ein Menetekel im direkten Wortsinne. Klar scheint ebenfalls: „Die Leere des Alls ist im Innern von Hella bereits vorhanden, so dass der tatsächliche Mondflug diesen Zustand nur nach außen kehren würde.“ (Kerstin Preiwuß) Am siebten Tag erreicht Hella die Station. „Außerirdisch, fiel ihr ein. Die einzelnen Steine wirkten fein genug, um Spuren im Schotter erwarten zu lassen, Aber es gab keine Spuren, und wenn es je welche gegeben hatte, waren sie verweht.“

Die Geschichte selbst kommt, auch hier der Bibel folgend, an einen neuerlichen Anfang.  (Der „Evangelische Kirchenbote“ identifiziert keine diese religiös konnotierten Stellen). Denn ebenso wie Moses 1.2. die Schöpfungsgeschichte Adam und Evas an jene des 1. Kapitels anschließt, erzählt der Roman nun noch einmal vom Beginn seiner Heldin, stellt sie dem Leser auf zweite Weise von einem Anfang an vor.

„Hella, eben noch Protagonistin einer quasi mythischen Erzählung, wird zur soziologisch erfassten Person“ (Hans-Peter Kunisch) – Unter der Überschrift „Ringfinger“, die aber ebenso gut wie der dritte Teil von „Unter Mardern“ ebenso „Frohe Botschaft“ heißen könnte, kommt Hella Bruns nun in Alfeld an der Leine zur Welt. „Der Vater war fort. Ihre Kopfhaut wurde mit angewärmtem Öl bestrichen, bis sich der Schorf im Frühjahr löste.“ Die so Gesalbte entwickelt sich zu einem schmalen, bedächtigen Kind, das oft einsam ist und als Teenager in ihrem Bett liegt und durch Selbstbeschwörung erste Levitationserfahrungen hat.

Sie wächst im christlichen Glauben auf, verliebt sich in einen Jungen aus der Gemeinde, wird zum ersten Mal schwanger und treibt ab. Sie trifft kiffende Tanzlehrer und mit ihrer Ausbildung in einer orthopädischen Werkstatt normalisiert sich Hellas Leben. „Im Sommer schwamm sie in dem Fluß, der die Stadt durchquerte. Sie hatte Freundschaften geschlossen,manchmal klingelte es abends noch, wenn eben jemand in der Nähe war. Sie fühlte sich aufgehoben.“ Mit der Geburt von Tobi schließt dieses zweite Kapitel.

Kapitel drei, das längste der fünf präsentirten, erzählt von Tobi, interstellaren Reisen und von dem „Phänomen, vor dem sich die Pioniere der Raumfahrt fürchteten wie vor wenig anderem. Sie gaben ihm den Namen Sensorischer Hunger und meinten damit den Zustand, der einsetzte, nachdem der Start heil überstanden war. Für die Zeit, wenn die Triebwerke abgeschaltet wurden und das Raumschiff ungeführt und still seinem Ziel entgegenstürzte, sah man eine Leere voraus, der die Kosmonauten schutzlos ausgeliefert waren, schwerelos und ohne den Halt auch nur eines einzigen Lautes.“

Die Differenzen Logik und Wahn werden hier auf geschickte Weise eingeführt, wenn vom „logischen Schloss“ erzählt wird, das Ingenieure anfangs in die Raketen einbauten, um nur jenen die Steuerung zu ermöglichen, die sich weiterhin an den Zahlencode erinnerten. Man wollte mit Berechnung die Unberechenbarkeit im All steuern. „Bereits die Ausbilder lächelten darüber.“ Abwechselnd wird geschildert, wie Hella erste Tage im fast verlassenen Weltraumbahnhof erlebt, von Rückblicken unterbrochen, die ihre Zeit als Mutter schildert. Jede rückblickende Situation wird als Vorzeichen für Tobis Ende gesehen, jede Szene auf der Station als Vorausgriff auf die Schwerelosigkeit im All. .

Gleichzeitig erscheint das Areal in Kasachstan als „geheimnisvolles Interim“, wie es Antje Dossmann in ihrer Rezension beschreibt: „Lendls [sic!] Entscheidung, aus Hella keine Astronautin, wie ursprünglich vorgesehen, sondern eine Kosmonautin zu machen, das Geschehen also von der westlichen in die östliche Hemisphäre zu verlagern, erscheint einleuchtend.“ Nur dort fände man morbide Vergangenheit und futuristischen Glanz derart prägnant nebeneinander stehend.

Hella steht in einem tradierten Zusammenhang mit dem weiblichen Bild an sich, obschon ihr zweiter Name nicht Eva ist. Bereits ihre Urgroßmutter ist in der NS-Broschüre „Lehrfibel Rassen der Welt“ abgebildet. Hella gegenübergestellt wird auf der Station ein Adam genannter Mann, der sie während der Vorbereitungen begleitet und dessen Position zunächst fadenscheinig ist. Adam „spürt den Unterschied zu anderen Mond-Reisenden. Die wollen hin, Hella will nur weg, weg von der Erde, aus ihrem normalen Leben.“ (Rainer Hartmann) Adam ist Mittler, Gefährte, Liebhaber und zugleich das männliche Prinzip an sich.

Im letzte Kapitel, wenn Hella abhebt, halluziniert sie Adam an ihre Seite, „wie er sich über sie beugte und nach ihr faßte, ohne sie je erreichen zu können, so nahe er ihr auch kam“. Es ist, spiegelverkehrt, Michelangelos Bild von der Erschaffung Adams, nur das dieser hier an die Stelle Gottes gesetzt wird, in geradezu idealistischer Weise. Es ist der Sieg des Menschen über die Religion und zugleich Einbruch des Irrationalen ins Wirkliche, einem der zentralen Motive dieses Romans.

26268905zDenn schon der Tod von Tobi stürzt Hella in paradoxe Gedankenspiralen. Unendlichkeit und Entropie werden als geradezu mystische Deutungsmuster inszeniert, die Physik wieder in magische Nähe gerückt. Auf dem Weltraumbahnhof leben domestizierte Tiere und Bedienstete in fast bäuerlicher Eintracht zusammen. Füchse kommen aus dem Wald und stehlen auch mal eine der Gänse. „Zur Küche gehörte eine eigene Kuh.“

Der Mondflug wird als eher eine in romantischer Tradition stehende Reise vorgestellt, bei der auch auf discours-Ebene technische Trainingsmittel ausgespart bleiben. Statt einer  Zentrifuge und Parabelflügen steht ein traditioneller Schwitzraum bereit, in dem sich Hella und die dicke Stationsköchin gegenseitig mit Birkenreisig auspeitschen. Statt echter Raumanzüge gibt es Helme, die wie Goldfischgläser aussehen. Aber Hella will trotz dieser zunächst unprofessionell wirkenden Rahmenbedingungen hoch hinaus. „Ja, sie würde in den Himmel stechen, wie man früher in See gestochen war.“ Irgendwann sitzt sie, kurz vor Schluss, in dieser Kapsel und hebt ab. „Dann wandte sie sich zu dem Rund des Fensters zurück, zu dem blassen, hellgelben Licht, das dort einfiel, und hob langsam die Hand, um zu winken.“

Deutscher Idealismus und menschliche Hybris im Zeitalter des technisch Machbaren, Liebe und Tod, Religion und marxistische Ermächtigungskonzepte, die Position des Tierischen im Anthropozän – es ist bemerkenswert, aus dieser überbordenden Stofffülle  „einen Roman zu schreiben, der trotz seines fernliegenden spektakulären, radikal-romantischen Reiseziels mit leichtem Gepäck auskommt, ohne philosophisches Schwergewicht, ohne schwer wiegende Metaphern, ohne fette Sätze ohne, das ganze Gerümpel aus jenen bis zur Decke gefüllten Lagern, wo die scharf zurechtgeschnittenen Fertigbauteile moderner Debütromane schon auf ihren Abtransport warten.“ (Hajo Steinert)

Jo Lendle: „Die Kosmonautin“, München 2008, DVA, 192 Seiten, 16,99 Euro

Zeitungsartikel (Auswahl)

Roman Luckscheidter: „Hellas Himmelfahrt“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 12.3.2008.

Katharina Bendixen: „Frau im Mond“. In: kunststoff, März 2008.

Hubert Winkels: „Kasachstan als inneres Erlebnis“. In: Die Zeit Nr. 12/2008. Sonderbeilage. .

Hajo Steinert: „Auf der Flucht voreinander und zugleich getrieben“. In: Die Welt, 19.4.2008.

Hans-Peter Kunisch: „Erst bei den Sternen wird das Leben anders sein“. In: Süddeutsche Zeitung. 15.5.2008. .

Sascha Müller: „Reise zum Mond führt zurück ins Leben“. In: Evangelischer Kirchenbote. 18.5.2008. .

Eveline Petraschka: „Die Kosmonautin“. In: in münchen – Das Programmmagazin. 29.5.2008. .

Hans-Willi Hermans: „Warum Hella völlig losgelöst von der Erde ist“. In: Kölnische Rundschau. 29.5.2008. .

Jürgen Wicht: „Fliehkräfte“. In: literaturkritik.de, Nr. 6, Juni 2008. .

Rainer Hartmann: „Im Kleinwagen zur Mondfahrt“. In: Kölner Stadt-Anzeiger. 7.6.2008. .

Hirsch, Anja: „Vom Charme des Ostens“. In: Frankfurter Rundschau. 20.6.2008. .

Samuel Moser: „Grundlos aufgehoben“. In: Neue Zürcher Zeitung. 29.7.2008. .

Peter Mohr: „Sprachlich ausgefeilte Mondfahrt einer Technikerin“. In: Mannheimer Morgen. 6.9.2008. .

Antje Dossmann: „Hellas lange Reise zum Mond“. In: Neue Westfälische. 13.10.2008. .

Kerstin Preiwuß: „Als ginge es darum, allein zu sein, wenn man alleine war“. In: Edit Nr. 46.

2 thoughts on “Jo Lendle: „Die Kosmonautin“

  1. Pingback: Lesen mit Links

  2. Pingback: Lesen mit Links

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.