Kimmo und die Mörderpuppen

 Der dritte Roman um Kommissar Kimmo Joentaa berichtet von Fake-Leichen, ermordeten Moderatoren, Internet-Katastrophen und dem Rest Liebe in einer klirrend kalten Zeit. Mit Jan Costin Wagner beginnt der Winter.

„Kimmo Joentaa hatte vorgehabt, den Weihnachtsabend allein zu verbringen, aber es kam ganz anders.“ Zu Beginn wartet der melancholische Kommissar allein im „stillen, ausgestorben wirkenden Polizeigebäude.“ Seine Kollegen sind verreist, Sundström zum Skifahren in die Berge, Grönholm sonnt sich bereits in der Karibik. Heinonen, der beim Internetpokern eine Menge Kohle verloren hat, kann nicht wegfahren und ist am Nachmittag gegangen, um den Weihnachtsbaum zu schmücken. Es ist ein trister Abend. Still. Andächtig. Unspektakulär. Doch plötzlich taucht eine junge Frau im Revier auf. Sie ist klein, schmal, etwa Mitte zwanzig – und namenlos. Sie erscheint dem Kommissar, wie die Erzengel vor über 2000 Jahren den wartenden Hirten am Heiligen Abend auf dem Felde überraschten. Doch dieser Engel hier sagt zu Kommissar Kimmo, dem modernen Wächter und Hirten: „Ich bin vergewaltigt worden und möchte das zur Anzeige bringen, du Idiot.“

Das klingt nicht nett. Aber anders versteht der versunken in sich sinnierende Kimmo nicht, die ganze Zeit entschuldigt er sich für irgendetwas bei dieser Frau, er wirkt ziemlich aus der Welt gefallen, an diesem Trauertag. Der Mann, den die junge Hure anzeigen will, war ihr bester Kunde: „Sex für Geld. Schon mal gehört?“ Ja, das hat Kimmo schon einmal gehört, doch er ist kein Mann, der die Huren liebt, das ist das eine. Zum anderen versteht er nicht, wie ein Freier seine Hure vergewaltigen kann – es ist der zweite von vielen Gegensätzen in diesem großartigen Roman. Der erste Gegensatz steckt bereits im Titel, denn es gibt selbstverständlich keinen „Winter der Löwen“. Allerdings wird es auch eine Menge anderer Dinge eigentlich nicht geben, die dann doch auftauchen werden, in diesem Krimi, Untote beispielsweise oder auch „umgekehrte Beerdigungen“ (als sehr poetische Umschreibung einer ganz besonderen Art der Exhumierung).

Bevor diese schlimmen Ereignisse passieren, befinden sich Kimmo und die Hure allein im Revier und der Kommissar ist ganz klar verwirrt von diesem leuchtenden Mädchen, das engelsgleich aus dem Schnee zu ihm hineingeschneit kam, aus der Nacht ins Neonlicht. Wie ein Geheimnis wirkt sie und Geheimnisse gehören klassischerweise zu den Aufgaben, die Ermittler in Kriminalromanen lösen sollen. Doch über dieses namenlose Mädchen, das sich als Larissa vorstellt, aber ganz bestimmt nicht Larissa heißt, weiß der Kommissar so gut wie nichts, außer, dass er verliebt ist und dass er diese Liebe festhalten will, zum ersten Mal seit dem Tod seiner Frau. „Im Winter der Löwen“ ist ein Spiegelbuch in dem neben einem Ereignis gleich sein Gegenteil steht. Die Liebe ist gleichzeitig auch Leiden, Weihnachten, die große Geburtstagsfeier zu Ehren Jesu Christi der schreckliche Todestag eines lieben Kollegen.

Ein Gerichtsmediziner wird tot im Wald gefunden und bald darauf gibt es eine zweite Leiche, später sogar beinahe eine dritte, als der bekannte Fernsehmoderator Kai-Petteri Hämäläinen überfallen wird. Zwischen den dreien existiert eine unheimliche Verbindung: Die Opfer saßen vor einigen Monaten gemeinsam in Hämälainens Talkshow, stellten dort „Film-Leichenpuppen“ vor, die nach dem Vorbild von Unglücksfotos im Internet modelliert worden waren: Tote, die keine Toten, aber auch keine Lebendigen sind, Bestattete, die wieder aus dem Totenreich zurückgeholt worden sind um als Statisten in der doppelten Welt des Films weiter zu leben. Aber warum will der Täter noch mehr Leichen sehen? „Im Winter der Löwen“ geht geradezu magisch dieser Frage nach und beweist, dass auch hierzulande Kriminalromane entstehen können, die sich mit der internationalen Konkurrenz messen können.

Jan Costin Wagner wurde 1972 in der Nähe von Frankfurt geboren. Bevor er zahlreiche Auszeichnungen einheimste (unter anderem den Marlowe-Preis für sein Debüt „Nachtfahrt“ und den Deutschen Krimipreis) studierte er Germanistik und Geschichte. Anschließend folgte Jan Costin seiner großen Liebe in den hohen Norden. Finnland, der Schauplatz seiner Romane um den Kommissar Kimmo Joentaa, ist seitdem neben Hessen seine zweite Heimat. Seine Frau mit dem schönen Doppel-“i“-Namen Niina arbeitet als bildende Künstlerin. Neben so viel Kunst geht Jan Costin regelmäßig kicken. Seine Lesereise zu „Im Winter der Löwen“ stand beinahe auf der Kippe, weil er sich gleich zweimal beim Fußballtraining (Jan Costin ist Mitglied in der Nationalmannschaft der Schriftsteller) verletzt hat: „Beim ersten Mal ist mir die Kniescheibe auf dem Platz herausgesprungen, beim zweiten Mal als ich in den Krankenwagen gestiegen bin.“ Das war Ende 2008. Inzwischen läuft die Tour im dritten Monat und die Humpelzeit ist vorbei. Der Regisseur Baran bo Odar bereitet sich währenddessen auf den Drehstart von „Das Schweigen“ vor. Der Kimmo-Joentaa-Krimi wird ab Juni 2009 mit Henry Hübchen („Alles auf Zucker“) und Justus von Dohnányi („Der Untergang“) fürs Kino verfilmt. Auf der Homepage kann man sich mit sogenannten Location-Moods bereits in Stimmung bringen – und selbstverständlich auch mit dem neuen Roman, der so viele Gegensätze in sich vereint, das Heiße und das Kalte, das Schaurige und das Schöne, „Im Winter der Löwen“.

(Jan Costin Wagner: „Im Winter der Löwen“, Eichborn, 288 Seiten, 17,95 Euro)

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