Rezension: Jugend & Exzess

Mit Dialogen und Bettszenen wie aus französischen „Nouvelle Vague“-Filmen beschreibt Schriftstellerin Susanne Heinrich aus Berlin „Amerikanische Gefühle – Geschichten von Frauen und Männern“.

„In jeder Beziehung, ob zwischen Mann und Frau, Mutter und Sohn oder besten Freundinnen, spielt Sex eine Rolle, gibt es eine erotische, wenigstens körperliche Ebene.“ Das sagt Susanne Heinrich im Interview und die Paare in ihrem neuen, absolut großartigen Kurzgeschichtenband folgen dieser Sicht. Sie sind zügellos „im Umgang mit großen Worten“, machen sich selbst zu Beziehungs-Schuldigen, vergleichen Flirtsituationen mit bekannten Filmszenen und wissen gleichzeitig, mit großer Sehn-Suche: „Hinter dem Terminal, den Kränen und Betonbauten liegt das Meer“. Sie haben verdammt viel Sex, noch mehr Hemmungen. Sie gönnen sich vampirische Begierden (nur bei „Twilight“ leben Untote enthaltsam).

Dabei sind diese seltsamen Paare, zum Schrecken oder Glück, wie alle Paare unserer Zeit: „Wir sind zivilisierte Tiere“, sagt Susanne Heinrich, „Sex ist notwendig, also banal, kann aber zur selben Zeit Magie erzeugen, die wir anderswo nicht finden. Zwischen zwei Menschen kann Sex alles mögliche sein, ein Instrument, ein Schlachtfeld, ein Barometer, eine Kommunikationsform, Liebeserklärung genauso wie Übersprungshandlung.“

Es gibt eine Fotoserie, in der Susanne Heinrich lasziv (verwirrend ekeliges Wort, aber es stimmt), im Brautkleid mit Kippe und verschmiertem Lippenstiftmund auf einem Bett räkelt. Es sind in sich widerstrebende Bilder, die ähnlich wirken wie die Szenen in „Amerikanische Gefühle“. Es gibt jungfräuliche Gedanken, die über ein Händchenhalten und kleinbürgerliche Sehnsüchte nicht hinauskommen. Dann findet man sich mitten in einer Magen- und Darmspieglung wieder, ständig muss irgendwer irgendwo in irgendeiner Haltung „pissen“ (Originalzitat von mindestens einem Dutzend Seiten) und das männliche Geschlecht heisst, ebenfalls eine Anlehnung ans Tier, das wir alle sind: Schwanz.

Die Figuren schwirren umher zwischen guter Kinderstube, Bravo-Foto-Lovestory-Kitsch und der nackten, fiesen Natur. Vielleicht scheitern die Beziehungen in diesem Buch, weil die jungen Paare beide Kräfte nicht mehr zusammendenken können, weil die unschuldige Braut eigentlich keine Kippe rauchen sollte, weil Beziehung = Theater ist, also Verstellung, weil auch solche Sätze nicht gehen: „Sei eine gute Frau, sagte Nils und klopfte auf das leere Polster neben sich, setz dich zu mir auf die Couch und zeig mir deine Brüste.“

amerikanische-gefuehle-071833908Das ist keineswegs alles. Susanne Heinrichs Texte sind nur ein Teil des „Gesamtkunstwerks“, an dem die Autorin arbeitet. In ihrer Berliner New Wave-Band „watching me fall“ singt sie mit „The Cardigans“- und Riot Grrrl-Stimme über Lolitas, Einsamkeit und „the key (to your heart)“. Ihre (Band-)Fotos sind erotische Inszenierungen, fotografiert von Schriftstellerkollegin Rabea Edel, deren Freund Marcus Braun wiederum Gitarrist von „watching me fall“ ist, man möchte fast von einem Künstler-Kollektiv sprechen. Wie romantisch. Wie schön. Susanne Heinrich macht „aus demselben Grund Musik, aus dem ich auch schreibe: weil ich den Drang dazu verspüre. Meine Musik und meine Erzählungen haben den gleichen Anspruch, persönlich, wahrhaftig und radikal zu sein. Die Lyrics, die ich für „watching me fall“ schreibe, kreisen um dieselben Themen wie meine Prosatexte. Es geht um das Spannungsverhältnis zwischen Liebe und Sex, um Narzissmus, Todesangst, Großstadt, Jugend, Exzess.“ Das ist ausreichend Leben, Theatralik, Gegenwart. Braucht es noch mehr Anlässe, um diese wunderbaren Short Stories endlich zu hören – und um das kommende „watching me fall“-Konzert zu besuchen? Mit Sicherheit nicht!

Susanne Heinrich: „Amerikanische Gefühle – Geschichten von Frauen und Männern“ Dumont, 300 Seiten, 16,99 Euro / Foto: Rabea Edel

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