Rezension: Jetzt ist Ende

Stadtkinder wollen zum „Schluss machen auf einer Insel“ anlegen, weil sich „schlechte Botschaften leichter in einer schönen Umgebung verkünden lassen“. Nikola Richter erzählt in ihrem zweiten Kurzgeschichtenband von Liebe, SMS und tiefen Blicken im Café. 

„Da beschlagen schon wieder die Scheiben und der Blick nach draußen wird weich, aber betrübt“. Auch in diesen 17 „Storys“ gehen junge Menschen mal eben aneinander vorbei, „Herz vergeben, Herz verrenkt“, das ist durchaus gang und gäbe in der aktuellen deutschen Literatur. Man richtet sich sanft ein. Biedermeier Galore! Schnell sind diese zarten Begegnungen bei „Schluss machen auf einer Insel“ vorbei, das One-Night-Stand-, das Lebensabschnittspartner-Ding. Zurück bleibt Tristesse oder im atemraubendsten Fall „auf dem Rückweg ein totes Schaf auf dem grünen Gras. Sein Kopf ist abgetrennt, aufgefressen von den Aasfliegen.“ Zurück bleibt die Erkenntnis, dass die Quersumme der bisherigen Männer eine abscheuliche Mischung ergäbe. „Aber jeder für sich, der hatte doch was.“

Dennoch: „Es könnte auch anders ausgehen, denkt Lara. Die Gewalt müsste raus, sie würden sich grün und blau schlagen, sie würden vor Verzweiflung in Ohnmacht fallen.“ In etlichen Feuilletonkritiken wird bemängelt, dass genau diese Dinge in den aktuellen Texten junger deutscher Autoren nicht passieren, dass sie zu brav sind. Nikola Richterss Buch sollte Anlass sein zu der Frage: Ist eine derartige Diagnose besorgniserregend? Die Autorin beschreibt kleine Dramen des Alltags. Selbst dieser Satz ist eine Floskel, eine Provokation, aber eine Provokation, die passt, zu Geschichten, die sich selbst gerne am Floskel-Wortschatz bedienen. Man trinkt bei Nikola Richter gern „eine schöne, heiße Tasse Kaffee“ und stellt währenddessen fest: „Das Handwerk an sich stirbt aus.“ Hier fliegen keine Terroristen in World Trade Center. Die Klimakriege des 21. Jahrhunderts tauchen nirgendwo auf. Der Börsencrash, die G8-Gipfel, EU-Osterweiterungen und das Palästina-Problem – all das fehlt mal wieder. Aber die Geschichten sind dennoch gut.

Stattdessen geht es um Pärchen, die sich auf dem Trockenlaufband kennen lernen. Es geht um Imke, die ihrem Schwarm Konert Naschwerk nach Hause trägt, in einer Silbersterntüte: „Plätzchen haben etwas von einer angenehm unauffälligen, kleinen Höflichkeit, die man nicht unbedingt erwidern muss.“ Alles schön. Den Erzählband „Schluss machen auf einer Insel“ lesen, ist ein bisschen wie Musik vom französischen Synthie-Pop-Duo Air hören. Niemand würde Nicolas Godin und Jean-Benoít „JB“ Dunckel vorwerfen, ihre Musik sei politisch unengagiert oder nett klingende Bügelbegleitung für regnerische Montagabende im Mai. Man sollte auch bei der Literatur solche Maßstäbe (manchmal) beiseite schieben. Tatsächlich ist Nikola Richters Sprache das Ereignis, ihr beinebaumelnder Ton, ihr melodisch begleiteter Blick aufs Jetzt. Das Cover zeigt wehende Haare im Sommerwind. Man vergisst einen derartigen Moment, wenn der Wind die Haare erfasst, erstaunlich schnell. Aber ist er deshalb weniger schön? Natürlich nicht, man kann süchtig danach werden.

Nikola Richter: „Schluss machen auf einer Insel“, Berlin Verlag, 190 Seiten, 8,90 

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