Heiligtümer des Todes

Für „Harry Potter“ hat Rufus Beck jeder Figur eine eigene Stimme gegeben. Bei anderen Hörbüchern arbeitet er anders, so beim „Goldenen Kompass“, dem ersten Teil von Philip Pullmans Fantasy-Abenteuer „Man kann nicht bei jedem Buch so in die Vollen gehen“, sagt Beck. „Ich kann mir bestimmt noch ein paar Dialekte ausdenken, aber bei den Büchern von Pullman habe ich mir überlegt: Braucht es überhaupt so viele Figuren?“ Er befürchtete, dass es den Hörern auf die Nerven geht, wenn andere CDs seinen „Harry Potter“-Lesungen ähnlich wären. „Klar, Lyras Vater braucht eine besondere Stimme, weil beschrieben wird, dass er eine sehr tiefe, herrschaftliche Stimme hat“, erklärt Beck. „Aber im Grunde genommen habe ich beim ´Goldenen Kompass´ vor allem sehr viel feiner gearbeitet. So etwas hängt immer vom Stoff ab.“ Der Hörbuch-Star im Interview:

Am Ende des siebten „Harry Potter“ wird klar, dass kein achter folgen wird. Sind Sie erleichtert? Ich finde es schon gut – wenn Schluss ist, ist Schluss. Ich hätte es schlimm gefunden, wenn „Harry Potter“ eine endlose Geschichte geworden wäre. Joanne K. Rowling hat sich hier nicht von ihrem eigenen Erfolg korrumpieren lassen. Sie hätte Harry aber auch sterben lassen können, dann wäre er zum Mythos geworden. Was wäre passiert, wenn James Dean nicht im Porsche verunglückt wäre?

Harry Potter lebt! Rowling hat ihn natürlich nicht sterben lassen, weil sehr viele Kinder den Roman gelesen haben. Ihnen hätte es unglaublich wehgetan, wenn ihr Held gestorben wäre. So haben sie noch genug Projektionsfläche, genug Platz zum Träumen.

Da sind Märchen – über die Sie das Buch „Kinder lieben Märchen … und entdecken Werte“ geschrieben haben – schon grausamer. Das ist nicht vergleichbar. Märchen haben einen Werteanspruch. „Harry Potter“ will dagegen erst einmal eine Geschichte erzählen. Die Geschichte von einem Jungen, der keine Kindheit erleben durfte und der als ein Wunderkind in einer magischen Welt aufwächst, ein herausragendes Kind auf der Suche nach seiner eigenen Kindheit. Voldemort ist der Grund dafür, dass seine Eltern nicht mehr am Leben sind, und es gab eine Zeit, als Voldemort auch ein ganz normaler Junge war. Warum hat sich der Böse so entwickelt? Was war mit Snape? Auch Snape war ein normaler Junge. Warum wurde er so verletzt? Was ist aus ihm geworden? Und es wundert einen natürlich, dass Harry nicht so traumatisiert ist.

Sie waren als Jugendlicher selbst auf einem Internat, wie Harry Potter. Ist Ihnen die Figur deshalb nah? Es hat mich an meine Internatszeit erinnert. Das Gefühl von Harry Potter am ersten Tag an dieser Schule, wenn alle von den Eltern hingebracht werden. Er ist schon da eine Ausnahme, weil er mit Mühe und Not an diesen Bahnhof kommt, und als er dort ist, wird Harry von allen schräg angeguckt, weil er anscheinend so besonders ist. Auch die Lehrer haben Angst vor ihm, dem Wunderkind, weil er so viel kann und den größten schwarzen Zauber überlebt hat, den größten Fluch überhaupt, den die Lehrer nur vom Hörensagen kennen. Durch seine herausragende Stellung ist er erstmal stigmatisiert. Unter all diesen Mitschülern gibt es sofort Gruppierungen, Gangs, Identifikationsfiguren, überall gibt es Wettbewerb, Herausforderungen, das kenne ich, das beschreibt Rowling sehr gut.

Harry Potter muss leiden, damit am Ende stehen kann: Alles war gut. Glück ist wie eine Sternschnuppe. Man sieht sie für einen Moment und ist ganz leicht und frei und wunschlos glücklich. Das sind Momente, die einen süchtig machen, die möchte man wieder erreichen, weil sie so selten, so zerbrechlich sind. Ich glaube wirklich, das hat etwas mit Überwindung zu tun. Man muss einen gewissen Weg gehen, und es braucht eine gewisse Anstrengung, ein gewisses Leid, um das zu erreichen.

Sie arbeiten als Synchronsprecher, sind in den „Harry Potter“-Filmen jedoch nicht zu hören. Warum? Es gab eine Anfrage, und ich habe sogar einen Trailer gesprochen, als Dumbledore. Aber ich kann die Fguren nur so sprechen, wie ich es in meinem Hörbuch mache, ich kann jetzt keine deutsche Normalsynchronstimme sein. Da fühlte ich mich unter Wert verkauft. Das Angebot wäre nur interessant gewesen, wenn ich drei, vier Figuren gesprochen hätte, den Harry Potter und Snape natürlich. Aber das traut man sich nicht im Synchron.

Im Hörbuch sprechen Sie enorm viele Stimmen. Wie machen Sie das? Aus dem Bauch heraus. Es gibt kein Geheimnis, es ist ganz einfach Fantasie, Spaß, viel Erfahrung, ich bin ja schon sehr lange Schauspieler. Die Figuren sind mir zugeflogen. Ich konnte sie mir sehr gut vorstellen. Das ist wie beim Rorschachtest. Da müssen Sie sofort assoziieren. So habe ich das mit den Figuren gemacht. Ich habe sie angeschaut und gesagt: Das klingt wie ein Schmetterling. Oder: Das ist ein Stein. Es gibt andere Bücher, die schwerer waren, aber „Harry Potter“ ist mir wirklich leicht gefallen.

Joanne K. Rowling: Harry Potter und die Heiligtümer des Todes. Aus dem Englischen von Klaus Fritz. Gelesen von Rufus Beck. Der Hörverlag, 22 CDS, 89,99 Euro

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