Finale auf der Fanmeile

Benjamin von Stuckrad-Barre schreibt mit “Auch Deutsche unter den Opfern“ seine journalistischen Bände “Remix“, “Deutsches Theater“ und “Festwertspeicher der Kontrollgesellschaft“ weiter – und brilliert. 

Auf der gerade erst beendeten Leipziger Buchmesse stürmte Benjamin von Stuckrad-Barre (BvStB) im schicken Slimline-Anzug auf die Bühne. Sofort fiel auf, dass er neuerdings seine Gäste siezt. “Und ich möchte auch gesiezt werden”, sagt er. Die Fred-Perry-Kleidung, die er in Düsseldorf vor drei Jahren noch angezogen hatte, ist abgelegt. Die DJane ist auch nicht mehr dabei, die noch 2001 in Hamburg Madonnas “Music” spielte und den Bass hochzog, als der damalige Popschriftsteller die Bühne betrat, ins Gekreisch hyperventilierender Mädchenfans hinein.

Eine Lesung Benjamin von Stuckrad-Barres kommt ohne Musik aus. Und statt Johannes B. Kerner, Rainald Goetz, Moritz Uslar oder andere Stars der Entertainment-Szene setzt sich, ebenfalls im Anzug, der freundliche WDR-“Zimmer-frei!“-Mann und KiWi-Autorenkollege Jörg Thadeusz neben BvStB, um mit ihm gemeinsam vorzulesen aus dem brillanten Reportage-Sammelband “Auch Deutsche unter den Opfern”, eine Fortführung der journalistischen Bücher “Remix”, “Deutsches Theater” und “Festwertspeicher der Kontrollgesellschaft”.

Ja, er schreibe die Wirklichkeit mit, sagt BvStB nach seinem Auftritt im 1LIVE-Interview und erklärt das Vorwort Helmut Dietls (”Rossini“, “Kir Royal“), das mit dem Satz irritiert, alles in diesem Buch sei erfunden. “Das ist es allein deshalb, weil ich ganz subjektiv, in meiner Sprache die Ereignisse aufgeschrieben habe”, sagt BvStB. Haben sich seine Geschichten deshalb verändert? Selbstverständlich.

Sie sind noch besser geworden. BvStB beschreibt einen beklemmenden Besuch bei Scientology in Berlin und ruft vorher beim Verfassungsschutz an, um deren Aussagen im besonderen Kontrast zur Gehirnwäsche der Psychosekte zu beschreiben, aufklärerisch und deshalb cool, weil er diesen Verein auch aus ästhetischen Gründen ablehnt: Die Journalisten sind da, und Sabine Weber, die Präsidentin von Scientology Berlin, führt ihnen ein paar Werbefilme ihres Menschheitsbeglückungsvereins vor. “Gegen Verlogenheit und Kitsch dieser Filme wirkt eine Pilcher-Verfilmung geradezu Tagesschau-nüchtern.”

Bei der ausverkauften Leipziger Lesung liest er und unterhält dabei mit Harald-Schmidt ähnlichen Einwürfen, wie bei der Ankündigung, des Westerwelle-Textes, er hat den Außenminister einen Tag während des Bundestagswahlkampfes begleitet, “da muss man jetzt natürlich aufpassen, wenn man sagt, man war mit Westerwelle auf einer Reise, also, ich habe das alles selbst bezahlt und dann auch Charity gemacht, ganz klar, Brunnen gebaut, Kindergärten eröffnet und Negerkinder gestreichelt.”

Er flirtet mit einer sogenannten Laura und einer sogenannten Tanja, die in der ersten Reihe sitzen und denen er anbietet zu Rauchen, “hinten stehen drei Feuerwehrmänner, die aufpassen, denn geraucht werden darf im Theater, wenn es der Inszenierung dient”, und er baggert ungeniert weiter, gibt Flirttipps und zitiert Udo Lindenbergs Kommodenspruch: “Lebe immer First Class, sonst tun’s Deine Erben.” Dann geht es mit einem anderen Text aus der First Class hinab zur nächtlichen Eröffnung eines Saturn-Megamarktes in Berlin: “Wenn man sich hier auf dem Alexanderplatz so umguckt, könnte man auch denken, um null Uhr finde ein großer Bushido-Ähnlichkeitswettbewerb statt. Wenige Frauen, viele fremde Sprachen.”

BvStB wurde in einer Rezension vorgeworfen (er ist sowieso einer der wenigen Autoren, denen seit Jahren reflexartig etwas “vorgeworfen” wird), er kalauere sich durch seine Texte, was nicht stimmt, denn er kalauert nicht, sondern assoziiert wie wie immer frei im seine Textbausteine, bleibt scharf, begutachtet Sprache, ohne Sprachpolizist zu sein, wie beim “Informationsabend für Mädchen” an der Freien Universität: “Aber das schaffen Sie, das kriegen Sie alles hin”, macht ein Studienrat den Interessierten Abiturientinnen Mut. “Physiker sei ein toller Beruf, aber Frauen sind in der Physik trotzdem noch so eine Art blinder Fleck” und BvStB kommentiert: “Zum Glück hat er nicht ,schwarzes Loch’ gesagt.”

Nach der Lesung, draußen, wirkt der Autor entspannt und beeindruckend fit, ja, er gehe regelmäßig joggen, “nur dieses Runners-High, von dem alle reden, das sei ihm bislang nicht begegnet”. – Gibt es Pläne, einen neuen Roman vielleicht? “Ich habe schlechte Erfahrungen mit der Ankündigung von Dingen gemacht, die noch nicht fertig sind.” Auch ansonsten alles gut? “Ja.” Schön. Wir gehen an einer schwarzen Spanplatte vorbei, die im Hinterhof an die Wand gelehnt steht: “Die würde ich mir glatt daheim hinstellen”, sagt BvStB. – Ein Stück Holz? – “Nee, da oben hat jemand mit einem weissen Edding “Night” draufgeschrieben.“ Er holt seinen Fotoapparat aus der Tasche, knipst die Platte, das Wort und hat mal wieder im Vorübergehen ein Stück Wirklichkeit eingefangen. Ausnahmetalent. In jeder Hinsicht.

(Benjamin von Stuckrad-Barre: „Auch Deutsche unter den Opfern“, KiWi, 338 Seiten, 14,95 Euro / Das Hörbuch, eingelesen von BvSt-B und Christian Ulmen ist als 2-CD-Package bei Roof Music erschienen.)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.