Electronical Ambassadors

In Jürgen Teipels Oral History „Mehr als laut“ erzählen DJs wie Hell, Hans Nieswandt und Acid Maria über After-Hours, Aryuveda und Lederschwule im Ostgut-Club.

Warum ist Jürgen Teipels Techno-Electro-Buch „Mehr als laut“ so viel besser gelaunt, als sein Punk-New-Wave-Vorgänger „Verschwende Deine Jugend“ von 2001? Diese Frage bleibt nach 242 höchst unterhaltsamen Seiten, in denen Miss Kittin über das aufregende Leben normaler Familien redet, Dirk Mantei (erste Geschäftsführer des legendären „milk!“ in Mannheim) bekennt, das nüchterne Clubs „der totale Horror“ seien und Acid Maria begeistert über Philosophiesemiare bei Boris Groys und Peter Sloterdijk referiert.

Teipel_Juergen(c)AlessandraSchellnegger_SVWoran liegt es, dass Techno einen intellektuellen Touch bekommen hat, dass das Diskursive mit den drehenden Scheiben in Eins ging? „Ich glaube, einer der Gründe, warum Techno so intellektuell ist, ist die männliche Dominanz, die – ich kann, wie gesagt, nicht wirklich für heute sprechen – zumindest damals, 2003-2005, auf jeden Fall zu spüren war“, sagt Jürgen Teipel im Interview. „Das hat sicherlich auch mit dem technischen Hintergrund zu tun, auf dem das Ganze mal entstanden ist – und auf dem es sich wahrscheinlich auch heute noch abspielt. Ich habe mir zirka 1982 auch gleich ‘ne Roland TR-808 gekauft und wochen-, monatelang an Rhythmen gebastelt.“

„Das hat mir irre Spaß gemacht. Aber es ist etwas was Frauen viel weniger machen. Das sagt ja auch Anki / Acid Maria im Buch: sie weiß nicht, warum sich so wenig Frauen fragen, wie das eigentlich technisch funktioniert, dass in der Musik kein Break ist … etc. pp. Kristian Beyer sagt auch sowas ,… so ticken die einfach nicht.‘ Auf alle Fälle stellt Techno für mich so eine Art Technokraten-Dominanz dar. Und die ist halt traditionell sehr männlich-kopfmäßig geprägt. Das war auch das, was mir an der Musik gefehlt hat, als es bei mir Anfang der 80er darum ging: ,was mache ich eigentlich nun für ne Musik?‘ Ich bin dann eher zum ,handmade Soul‘ gekommen. Obwohl (rein verstandesmäßig) das technische Element viel interessanter war. Nur war’s für mich emotional nicht so befriedigend.“

„DJs erzählen“ – so heisst der Untertitel dieses Mixes, in dem Jürgen Teipel Interviews überwiegend von 2003 bis 2005 kompiliert und analog zum „Verschwende Deine Jugend“-Collageprinzip thematisch sortiert. Das hätte schiefgehen könne, zumal Teipel nach eigener Aussage keine deepe Ahnung von Techno ausstellen kann. Das Gegenteil ist der Fall, im doppelten Sinne – Teipel hat Ahnung und es geht nicht schief, weil seine Interviewpartner durchweg Humor beweisen, weil sie open-minded in die Gespräche gegangen sind, weil sie „gute Laune“ haben, tausend Mal bessere als die zumeist abgestürzten Punks in „Verschwende Deine Jugend“. Also, woran liegt‘s?

„Weil ich glaube, dass diese Techno- und Clubgeneration aus dem Punk gekommen ist und die Lehren daraus gezogen hat, weshalb Punk Anfang der Achtziger für so viele schief gelaufen ist“, sagt Jürgen Teipel im FAZE-Interview. „Das war, weil es so negativ war, auf Dauer nicht lebbar. Obwohl Aspekte wie die Selbstermächtigung ganz ganz klasse waren – aber eben auch sehr elitär. Es war jeder für sich und es war nicht wirklich eine Bewegung. Da sind Techno und House anders damit umgegangen.“

Ebenso wie Düsseldorfer Punk ist Berliner Techno eine weltweite Bewegung geworden. DJs wie Hans Nieswandt, Hell oder Andi Teichmann reisen im Auftrag von Botschaften und dem deutschen Goethe Institut durch die komplette Welt, geben DJ-Seminare, legen bei Kulturfestivals auf und erklären, warum die Vinyl nicht ausgestorben ist. Richie Hawtin bezeichnete die Posse bereits als „Electronical Ambassadors“, als elektronische Botschafter.

46482_TeipelAlso nichts mit: Party all the time? Ist Techno nun doch (gesellschafts-)politisch anerkannt? „So geht das DJ-Klischee. Dass das Gigolos sind. Alle zwei Wochen ne neue Freundin“, sagt Michael Mayer, um dann, wie seine Kollegen, den Wert stupider Tatort-Sonntage zu erläutern. „Wenn Freunde von mir, die verheiratet sind und Kinder haben und ein ganz gewöhnliches Leben führen – was ja wiederum für mich völlig ungewöhnlich ist – zu mir sagen: Oh, du hast so ein aufregendes Leben! , dann sage ich: Ja, du für mein Empfinden auch“, gibt Miss Kittin zu.

Derartige Bekenntnisse heben „Mehr als laut“ von den übrigen DJ-Erinnerungen heraus, die oft nur in dunklen Hallen, auf Flughäfen, in Hotelzimmern spielen. „Mehr als laut“ ist eher eine Homestorysammlung, eine Mischung aus Die Bunte, Andy Wahrhols „Interview“-Magazin, die reale und gesündere Fassung von Fritz Kalkbrenners „Berlin Calling“ und, wie gesagt, ein sehr humorvolles Buch, beispielsweise dann, wenn Inga Humpe erzählt, wie im Ostgut ein Oberkörper freies Lederschwule mitten im Beat zu seinem Kumpel sagt: „Du, dann hat der mich überhaupt nicht mehr angerufen. Ich hatte nen Kuchen gebacken. Und der ist einfach nicht gekommen.“

Jürgen Teipel: „Mehr als laut – DJs erzählen“, Suhrkamp, 242 Seiten, 14,99 Euro

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