Ein Ziegelstein für Dörte

Bei Volker Strübing wirkt sogar das Wort „Fleischsalat“ sexy. Im wahnwitzigen Geschichtenbuch „Ein Ziegelstein für Dörte“ geht es um obskures Essen, Amoktage, Himmelspforten-Smalltalk und seltsam klingende Kinderkrankheiten.

Dank Volker Strübing wissen wir, wie sich Menschen außerhalb des 1LIVE-Sektors fühlen, wenn sie vom Radiowecker aus dem Schlaf gerissen werden, „mit einer dieser hysterischen Morgensendungen, bei denen man nicht denkt: ‚Scheiße, jetzt muss ich aufstehen‘, sondern ‚Scheiße, jetzt muss ich aufstehen und Amoklaufen.'“ Berliner können, quasi als Gegenleistung für den ruinierten Tagesstart am Abend die beiden Lesebühnen „Chaussee der Enthusiasten“ und „LSD – Liebe statt Drogen“ aufsuchen, um den Chronisten ihres Prenzlauer-Berg-Alltags live zu erleben. Volker Strübing ist einer der Vorlesehelden unserer Hauptstadt. Restdeutschland bleibt das Internet, die Klicks zu etlichen Auftrittsvideos sowie den grotesk dummschwätzenden Trickfilm-Tresenhockern „Kloß und Spinne“, die Volker mit Kollege Andreas Krenzke entworfen hat.

Was Volker schreibt ist Literatur, weil er auch im Niedrigen, in der Eckkneipe, Poesie findet. Wenn jemand beim Bier behauptet, die Katholiken hätten Jesus aufgehängt, „er war ihnen im Weg“ gewesen, ist dieser Unfug ein herrlicher Anlass, um kurz darauf ebenso debil über CIA, D-Mark und Langerhand zu debattieren. Wer den letzten Namen nicht einordnen kann: Terror, Chaos, Weltuntergang, „das ist alles von Langerhand vorbereitet!“ In ähnlichem Tempo erzählt dieses Buch von einem Fleischsalat verschlingenden Mädchen, das sich wünscht, ihr Freund würde auch mal „ich liebe Dich“ und nicht nur, den Einkauf in der Hand, „hier Schatz, Fleischsalat!“ sagen. Werdende Väter treffen ihre schwangeren Frauen im kafkaesken „Café Prägnant“ (von englisch „pregnant“ = schwanger), wo sie gemeinsam Kaiserschnitzel, Frühchen (junge Möhren) und Nabelschnüre (Spaghetti) verspeisen. Und Volker klärt, weshalb Stuttgart inzwischen ein akzeptabler Wohnort ist: „da alle Nervensägen nach Ostberlin abwandern.“ So klingt der besserwessigenervte Autor.

Dafür geniert er sich nicht, „Vorwärts zum 55. Jahrestag der DDR!“ zu rufen. Mithilfe eines Quanten-Dilatations-Coactors wird der Held in eine DDR-Parallelwelt gebeamt, wo die Wiedervereinigung nie stattgefunden hat. Bezahlt wird dort mit Globo, der gemeinsamen Währung von Kuba, DDR und Nordkorea. Die Mauer wurde längst Richtung Polen und Tschechei errichtet. Nach Arbeitsschluss trifft man sich zu „Frei-Willi“, der „FREIWILLIgen Arbeitsschicht nach Feierabend“ und die einzige Chance, aus dem Elend rauszukommen, ist „von der Stasi verhaftet und vom Westen freigekauft zu werden“. „Fuck!“, ruft da der Held folgerichtig, als er im tristen DDR-Paralleluniversum ankommt. Aber eine graugesichtige Frau berichtigt ihn sofort: „Das heißt: Scheiß Osten“. Großer Spaß! Wer nicht genug bekommen kann von diesem Mann: Im Internet gibt es Texte, Töne, Clips en masse – und eine sehr gute Auswahl auch auf der beiliegenden CD zum Buch.

Volker Strübing: „Ein Ziegelstein für Dörte“ (Buch + CD), Voland & Quist, 158 Seiten, 13,90 Euro

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