Im Halloween-, Allerheiligen-, Totensonntag- und Allerseelen-Monat darf es gruselig werden: mit einer Neufassung des Grimmschen „Hänsel und Gretel“-Märchens von Horror-Altmeister Stephen King, mit einer Motte, die sich im winterlichen Kuddelmuddel wiederfindet, mit der kurzen Geschichte eines langen Krieges, mit einer tierischen Postapokalypse – und der Angst vor großen Höhen.
„Ob rund und fett, ob Haut und Knochen, jetzt ist Zeit zum Kinderkochen“, sagt die böse Hexe in Stephen Kings Überschreibung des „Hänsel und Gretel“-Märchens. Man zuckt unweigerlich zusammen. Entstanden ist diese Fassung entlang nachgelassener Bühnenbilder des 2012 verstorbenen Illustrators Maurice Sendak. Stephen Kings eigene Kinder sind mit dessen Geschichten aufgewachsen, mit „Higgelti Piggelti Pop!“ und „Wo die wilden Kerle wohnen.“ Bereits Anfang der 1990er Jahre hat King im Vorwort seines Pandemie-Schockers „The Stand“ über das Grimmsche Märchen geschrieben, sich fasziniert gezeigt von den Brotkrumen, die Hänsel ausstreut, in der Hoffnung, so fänden er und seine Schwester zurück zum Elternhaus. In der Neuausgabe treffen die umherirrenden Geschwister auf eine Wiedergängerin Rhea vom Cöos’, jener alten Vettel, die im „Dunkle Turm“-Zyklus auf dem fiktiven Berg Cöos haust. Ein von ihr abgerichteter weißer Vogel hat Hänsel und Gretel vors Zuckerbäckerhaus geführt, dessen Gartenweg mit pinken Pfefferminzbonbons gepflastert ist. „Der weiße Vogel hatte seinen Auftrag damit erfüllt. Er erhob sich vom Dachfirst und flog davon. Die Kinder sahen ihm nach. So bemerkten sie nicht, wie die freundliche Miene der Frau sich zu einer Hexenfratze mit trüben gelben Zähnen und einer Warze auf der Nase verzerrte. Das war Rheas wahres Gesicht:“

Auch das Lebkuchenhaus verändert seine Gestalt, sobald Hänsel und Gretel eingetreten sind. „Die Zuckerfenster sanken ein und verwandelten sich in wachsame Augen, die sauren Drops schmolzen zu einem hässlichen krummen Zinken, aus den Zuckerstangen an der Tür wuchsen Zähne. Am schlimmsten jedoch war der Pfefferminzpfad. Der wurde zu einer langen pinken Zunge.“ – Liest man die Fassung der Brüder Grimm, fällt die christliche Grundierung auf. Hänsel beruhigt seine Schwester, verweist auf Gott, der sie niemals verlassen wird. Bei Stephen King gibt es kein Gottvertrauen, die Kinder sind komplett auf sich gestellt. Die ursprünglich für eine Opernadaption entstandenen Bilder Maurice Sendaks verstärken den Grusel, erscheinen grausam – sind bühnenplakativ, überdeutlich, schockierender, und dies vermutlich, weil sie auch aus hinterster Reihe eines Theatersaals erkennbar bleiben müssen. Die Textebene ist hingegen subtiler, eine psychologisch angeglichene, also für unsere Zeit passendere Fassung. Der Vater bleibt gutmütig, aber tumb. Das dunkle Wesen seiner Gattin erscheint hingegen vermittelter als früher.

Sie wird als narzisstischer Drachen vorgestellt. Bei King ist sie diejenige, die mit Gott argumentiert. Als der Vater ihrem teuflischen Plan mit Fassungslosigkeit begegnet, seine Kinder würden, im Wald alleingelassen, unweigerlich von wilden Tieren zerrissen, redet sie beschwichtigend auf ihren Mann ein: „Gott wird die Kleinen beschützen, da bin ich mir sicher. Sie werden ein sicheres Heim finden, wo sie genug zu essen bekommen und glücklich sind. Im schlimmsten Fall schlagen sie sich im Himmel die Bäuche mit Manna voll.“ – Stephen Kings „Hänsel und Gretel“-Text ist durchkomponierter, verweisungsreicher und nachvollziehbarer als die Version der Brüder Grimm. Am Ende ist sie kindgerechter, jedenfalls dann, wenn die Kinder mutig sind. Die ursprüngliche, über 200 Jahre alte Fassung endet mit dem rätselhaften Satz: „Mein Märchen ist aus, dort lauft eine Maus, wer sie fängt, darf sich eine große, große Pelzkappe daraus machen.“ Da schließt ausgerechnet Horror-Meister Stephen King sanfter, weniger verstörend mit den nachgerade beruhigenden Worten: „Ihr wisst, was jetzt kommt: Sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage.“ Stephen King (Text), Maurice Sendak (Illustration): „Hänsel und Gretel“, aus dem amerikanischen Englisch von Lena Riebl, Atlantis Verlag, Zürich, 48 Seiten, 20 Euro, ab 6 Jahre

Happy Halloween – mit Motte, Regenwurm, Spinne und Borkenkäfer, die im „Kuddelmuddel“ landen, so der Titel, dieses Bilderbuchs von Casting Director Karen Hottois und Comic-Künstler Vincent Pianina. Sie nutzen die Spielmöglichkeiten des schmalen Hochformats, wenn sie mit viel Weiß aus der Winterschlafzeit, auf teilweise mehreren Ebenen und mit zahlreichen Perspektivwechseln (da merkt man die Film- und Comicerfahrung) ihr „Brouillamini“ inszenieren. In den dunklen Monaten, in denen auch wir fortan verharren müssen, leben die kleinsten Waldbewohner einsam in ihren Behausungen: „Der Regenwurm lauscht nach dem Schnee, der auf das Dach seines Häuschens fällt. Bei jeder neuen Flocke spürt er einen Stich im Herzen: ‚Bei so einem Wetter sollte man nicht allein sein. Bei so einem Wetter sollte man sich verlieben’“, denkt er, greift zum getrockneten Blatt und setzt einen Brief an die Motte auf. Die wetterfeste Postschnecke trägt bzw. schleicht aus, doch Motte liest gar nicht, was an sie gerichtet wurde („liegt es daran, dass die Motte noch nicht ihr Schüsselchen Mehl gefrühstück hat“), sondern nutzt die Rückseite, um ihrerseits dem Grashüpfer zu schreiben. Nun kursiert ein Blatt mit zwei Botschaften im undeutlichen Schriftbild, sodass aufgrund weiterer Antworten zahlreiche Falschlesungen, Interpretationen und turbulent vertauschte Zuschreibungen von Sender und Adressat einen Briefmarathon im lostreten, wie er im 17. Jahrhundert niemals schöner hätte sein können, bis – wie so oft – die Misskommunikation überhaupt erst echte Begegnungen möglich macht. Hygge trifft Heinz Edelmann: ein außerordentliches Buch. Karen Hottois (Text), Vincent Pianina (Illustration): „Kuddelmuddel“, aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel, Péridot, 55 Seiten, 20 Euro, ab 5 Jahre

„Wenn kein Zugang zu Schutzräumen besteht, wählen viele Ukrainer während eines Luftalarms den Flur oder das Badezimmer als Zufluchtsort. Das folgt der sogenannten ‚Zwei-Wände-Regel’, die empfiehlt, mindestens zwei Wände zwischen sich und der Straße zu haben. Die erste Wand fängt die Druckwelle der Explosion auf, die zweite hält Splitter zurück.“ Eine junge Frau wird nachts via Smartphone vorm russischen Luftangriff gewarnt. Sie sucht Schutz und vertreibt sich bangend die Zeit mit einer Hintergrundrecherche: zunächst zum Holodomor, der ukrainischen Hungersnot von 1932/33, einer Folge des sowjetischen Fünf-Jahres-Plans. 3,9 Millionen Tote! Das Buch geht zurück, von der Christianisierung 988 der sogenannten Kyjiwer Rus zum Aufkommen der Kosaken bis zur Zarenzeit, vom Zusammenbruch des Sowjetreichs zur Orangenen Revolution. Die gleichsam orange kolorierten Illustrationen tragen das parteiische Lehrstück. Sie sind didaktische Vortragsfolien, wechselweise angelehnt an mittelalterliche Wandteppiche, den Sozialistischen Realismus, an Holocaust-Erinnerungen wie Peter Lantos’ „The Boy Who Didn’t Want to Die“ oder Neal Shustermans „Courage to Dream“. Ein Hinweis: „Dieses Buch entstand während des Krieges mit Russland. Bei seiner Erstellung wurde keine KI verwendet.“ Krieg und KI – es sind, wir müssen es verstehen: die drängendsten Herausforderungen unserer Zeit, die kaum weiter entfernt sein könnte von Francis Fukuyamas „End of History“. Mariam Naiem (Text), Ivan Kypibida + Yulia Vus (Illustration): „Eine kurze Geschichte eines langen Krieges: Russland gegen die Ukraine“, übersetzt von Daria Velychko, avant, 104 Seiten, 25 Euro

„Wie ängstlich Menschen doch sind – und wie lange sie brauchen um zu springen“, ist die abschließende Weisheit dieses Bilderbuchs, das wie mit leergehenden Filzstiften gezeichnet ist, und einen Mann vorstellt, der am Sprungbrett eines Freibades steht. Er schaut in die Tiefe hinab, und zögert ob der vielen eingebildeten Folgen. Da lauern Gefahren, die nicht einschätzbar sind. Haie könnten im Becken schwimmen, tief unter der Oberfläche. Doch kann ebenso gut sein, dass der Mann nach seinem Sprung von der Menge gefeiert, gar zum Bürgermeister eingeladen wird. Der argentinische Illustrator Joaquin Camp lotet in zweidimensional gestalteten Bildern das Wagnis an sich aus, mit Zweifeln, Euphorie, Übersprunghandlungen und menschlich, allzu menschlichen Ausreden: Philosophie für Vorschulkinder und jene, die über jene Geschichten und Gesichte nachdenken wollen, die wir uns selbst tagtäglich über unser Leben (und die vermeintlichen Limitierungen) erzählen. Joaquin Camp: „Der Sprung“, aus dem Italienischen von Stefanie Malleier, Katapult, 40 Seiten, 16 Euro, ab 5 Jahre

Das 2,5-Kilogramm schwere und ausgeklappt anderthalb Meter breite Epos von Jakob Martin Strid dürfte Top-Weihnachtswunsch vieler Vor- und Grundschulkinder sein. Es ist in 15-jähriger Arbeit entstanden, war 2023 Dänemarks meistverkauftes Kinderbuch – und es lebt von seinem Detailreichtum (deshalb das Großformat), von seinem zeichnerischen Wahnwitz, den quietschbunten Farben und seiner comicähnlichen Bildführung. In einer postapokalyptischen Zukunft hausen zivilisierte Tiere am Rand einer fiktiven Hafenstadt, darunter die grüne Katze Spir, Gorilla Leonard, Silberrücken Tolstoj und das einäugige Nashorn Jackson. Hund Taku berichtet: „Die Geschichte beginnt hier in Ahnstarr City, wo wir wohnten. Wenn ich wir sage, meine ich uns, die unten am Hafen in selbstgezimmerten Häusern wohnten. Die Häuser durften dort im Grunde gar nicht stehen, und man hatte angefangen, sie abzureißen, weil alles neu gebaut werden sollte.“

So wird aus dem Klassiker „Als die Tiere den Wald verließen“ eine Abenteuerreise ins Traumland Balanka (wo – wir erinnern uns ans Gilgamesch-Epos – die allesheilende Safran-Lilie wächst). „Etwas Besseres als den Tod finden wir überall“, erkannten die Bremer Stadtmusikanten im Märchen der Brüder Grimm – die sich einst zu Fuß, Kralle, Huf aufmachten. Die Helden von Strids Buch zimmern hingegen den fantastischen, auf mehreren Stockwerken angelegten 18.500-PS-Bus (mit Plasma-Generator), der Arche-Noah-Dimensionen hat, Safe Space wird für alle Tiere, die ihr Schicksal nun selbst in die Hand nehmen, die aufbrechen zur Grand Tour. Man kann sich minutenlang auf jeder einzelnen Seite aufhalten, sitzt bass erstaunt vor Wimmelbildern, Blaupausen, ist mal auf Höhe der kleinen Tiere, hat hier die Übersicht, ist dort urplötzlich vom Nachtschwarz umhüllt, pest durch Hochebenen, begegnet kleinen Tierkindern, die ihre Geburtstagsgeschenke einem ominösen Diktator geben müssen, fühlt sich dann wieder an den Pixar-Film „Oben“ erinnert, trifft hilfreiche Götter, erlebt die Post-Apokalypse ausnahmsweise kindgerecht – und am Ende: ist alles gut. Jakob Martin Strid: „Der fantastische Bus“, aus dem Dänischen von Sigrid C. Engeler, Kunstmann, 204 Seiten, 68 Euro, ab 5 Jahre
