Das Lyrikgespräch im Februar

Zwei auf den ersten Blick höchst unterschiedliche Gedichtbände stehen im Mittelpunk des neuen Büchermarkt-Lyrikgesprächs: mit einem Auswahlband der dänischen Schriftstellerin Tove Ditlevsen, der melancholisch bekennt: „Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben will“ – und mit der All-Poesie von Alexander Schnickmann, der seine Weltraumgedichte unter dem Titel „Gestirne“ bei Matthes & Seitz vorlegt.

„Mit niemandem / kann man die innersten / Gedanken / teilen. / Mit dem Wichtigsten / auf der Welt / bleibt man / allein.“ So eröffnet der Auswahlband, den Übersetzerin Ursel Allenstein über das Werk von Tove Ditlevsen (1917-1976) zusammengestellt hat. Acht Gedichtbände hat die dänische Schriftstellerin seit ihrem Debüt „Mädchenseele“ (1939) veröffentlicht. 1978 erschien posthum eine weitere Sammlung aus dem Nachlass. „Mit Niemandem –“ (inklusive des bedeutsamen Gedankenstrichs) setzt den Ton dieser Sammlung, die Ditlevsen erneut als eigensinnigen Menschen vorstellt, der beinahe zwangsläufig an dieser psychischen Disposition zerbrechen musste. Ihre Gedichte handeln das Spannungsverhältnis Anpassung/Nicht-Anpassung aus, arbeiten sich an Rollenbildern ab („Ich kann nicht / gut: / kochen“), erinnern häufig an ihre Kindheit – mit ersten Depersonalisationserfahrungen. Ditlevsens Hedonismus lässt sie ironisch auf die Männerwelt blicken: „Sie sondern Zärtlichkeit / und gute Ratschläge ab / im Tausch gegen hastig / übergestreifte Hilflosigkeit. / Mit zufriedener / Besitzermiene / braten sie anschließend / Spiegeleier“ – und dieser Hedonismus wirkt wie eine Flucht vor Angst, Vergeblichkeit, vorm Altern: „Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben / will, / sie ist nicht mehr ich, ich bin nicht sie, / doch ihre Augen starren mich aus dem Spiegel an, / als suchte sie etwas und fände es nie.“ Ein klarer Ton, der an Zeitgenossinnen erinnert wie Mascha Kaléko, Getrud Kolmar, Irmgard Keun. Ditlevsen beobachtet ihren Schmerz akkurat – wie ihr norwegischer Kollege Karl Ove Knausgård Jahrzehnte später (gottseidank knapper, lakonischer als er). Es ist ein Schmerz, der ihre Gedichte schon 1947 grundierte, als sie den Wusch hegte: „Wenn ich tot bin und mit dem Licht der Welt / zu Sternenstaub zerfallen werde, / bettet mich einfach auf ein Feld / in feuchte braune Erde.“ Nach diesem Auswahlband will man alle Gedichte kennen. Tove Ditlevsen: „Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben will“, herausgegeben, aus dem Dänischen übersetzt und mit einem Nachwort von Ursel Allenstein, Aufbau Verlag Berlin, 188 Seiten, 24 Euro

Der Mond ist aufgegangen

Der Sternenstaub, zu dem sich Tove Ditlevsen schon zu Lebzeiten zerfallen sah, ist anders bedeutsam für Alexander Schnickmanns „Gestirne“. Der 1994 geborene Leonce-und-Lena-Preisträger legt Band 2 vor nach seinem „Requiem“-Debüt + eröffnet mit „The More Loving One“ von W.H. Auden: „Admirer as I think I am / Of stars that do not give a damn / I cannot, now I see them, say / I missed one terribly all day“. Vor fast 380 Jahre textete Kirchenlieddichter Paul Gerhardt: „Der Tag ist nun vergangen, / die güldnen Sternlein prangen / am blauen Himmelssaal“ – aus dem 1779 Matthias Claudius’ „Abendlied“ entstand mit der berühmten Zeile „Der Mond ist aufgegangen“. Schnickmann beobachtet das All aus der Gegenwart des lichtverschmutzten Berlin: „ein anderer Abend später / einsam & horny & wartend / auf den Mond: die Erinnerung“. Mit ineinander floatenden Bildern („alles : überlagert sich“) sehnt sich diese Lyrik nach einem schwerelosen Raum, landet mal im Marmorkalten, sieht dann „Krater und Ebenen den Schein / um deinen Körper“, ist einem liebenden Gegenüber ganz nah, das für den praktizierenden Katholiken Schnickmann keinesfalls ein Mensch sein muss: „und dass Gestirne gehen / denk ich flüstre und atme bete GOTT“. Im Strudel besingt hier jemand durchaus mit Leonard Cohen: „(only the poem) / (only the poem) / (only the poem)“ und möchte, während sich alles überlagert, „langsam wieder klarkommen“. Das alles hat „zwischen Büffelschädeln“ einen oft US-amerikanischen Zungenschlag, durchmisst den Weltraum und die Rocky Mountains, flieht „über Gebirgskammdecken vor Sonne & Mond“, mehrsprachig wie alle westlichen Metropolen: „blue jeans Cowboystiefel back to the ranch / baby we’ll always have Pinedale / we’ll always have Wichita / und die enormen Schwänze / der Großväter von KANSAS“. Das ist idiosynkratische Dietmar-Dath-Lyrik für SciFi-Nerds und Computerspielfreaks, für digitale Romantiker und christliche Sternsinger, für Neo-Beat-Poetiker und Patti-Smith- Aficionada/o/s: „& wir viben einfach / in der Kohärenz einer Sphäre / die wir nicht verstehen“. Alexander Schnickmann: „Gestirne. Weltraumgedichte“, Matthes & Seitz Berlin, 96 Seiten 20 Euro

Jan Drees

Ich bin Redakteur im Literaturressort des Deutschlandfunks und moderiere den „Büchermarkt“.

Im Jahr 2000 erschien mein Debütroman „Staring at the Sun“, 2007 folgte ein überarbeiteter Remix des Buchs. Im Jahr zuvor veröffentlichte der Eichborn-Verlag „Letzte Tage, jetzt“ als Roman und Hörbuch (eingelesen von Mirjam Weichselbraun). Es folgten mehrere Club-Lesetouren (mit DJ Christian Vorbau). 2011 erschien das illustrierte Sachbuch „Kassettendeck: Soundtrack einer Generation“, 2019 der Roman „Sandbergs Liebe“ bei Secession. Ich werde vertreten von der Agentur Marcel Hartges in München.

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