Lokalperlen: Clubnächte, Dracula und Wege ans Licht

Weit mehr als „nur“ eine U-Club-Party: Wer genau hinsieht und Wuppertals Clubszene auf sich wirken lässt, der erkennt, dass Disco auch Kultur ist. (Disclaimer, der Anreißer ist nicht von mir). Erschienen in Westdeutsche Zeitung Wuppertal, 21.8.2006.

Für Literaturwissenschaftler, Shoegazer-Nerds und Intermedialität-Freaks bot der U-Club Samstag ein intellektuelles Fressen. DJ Olli Goolightly bewies, dass auch die Clubszene ganz im Arno Schmidtschen Sinne nur ein Verweisraum ist. Der einstige Frontman von „Mr. Ed Jumps The Gun“ spielt im King-Kong-Rahmen Indiehits. Die „You’re Gonna Say Yeah“-Singleauskopplung der HushPuppies, The Rifles’ “No Love Lost”, The Killers-Vorkost, Razorlight et cetera. Im Hintergrund schnitten die Videojockeys Gabilein und Sender krude Clipausschnitte. Irgendwann wurde Timid Tigers “Miss Murray“ gegeben, und wer auf der Leinwand White-Stripes-Effekte mit DJ-Namen und Plattentitel kombinierte, war sofort in einem multireferentiellen Rauschen gefangen. Alles hatte irgendwie mit allem zu tun.

Ist es das, was die Szene im Innersten zusammenhält, dieses Verweisrauschen? Olli Golightly hat seinen Namen an Truman Capotes „Breakfast at Tiffany’s“-Heldin Holly Golightly angelegt- Verweis Nummer ein: Wir denken an Ausschweifung und zickige Mädchen, die selbst „Pretty Woman“-Prinzen misstrauen. „Miss Murray“ ist natürlich eine Hommage an Bram Stockers „Dracula“. Verweis Nummer zwei: Stenotypistin Mina Murray sammelt und kopiert bei Stoker alle Vampir-Indizien, schafft dafür die rasterfahndungs-Voraussetzungen.

Die gefährliche Nach wird in „Dracula“ durch Technik aufgehellt, verliert auf Schreibmaschinenpapier ihren Horror; der Vampir stirbt. Ebenso wie elektrisches Licht (Razorlight) und gespeicherte Musik (von Vinyl oder CD) in Clubs die Nacht bannen. – Mythen haben im elektronischen Zeitalter keine Chance. Friedrich Kittler beschreibt in seiner Medienschrift „Draculas Vermächtnis“, wie die Diskurs-Platt, die „disque-our-courant“ den Aberglauben bannt. Die Diskurs-Schreibe im Clubbereich läuft auf Technics 1210-Plattenspielern, in pitchbaren CD-Automaten. Die Indie-Band Timid Tiger beschreibt im Song „Miss Murray“ Ähnliches, führt den Hörer ans Licht, in den Morgen, „In The Mirnung“, wo die Nacht keine Macht besitzt.

Verweis Nummer drei: Der Morgen taucht ebenso in Razorlights aktueller „In The Morning“-Single auf. „In the morning it’s gonna be allright“. Der Morgen als das Gute, das Helle, das Aufklärende. Wie bei Novalis. Die alte Platte, die bekannte disque-our-courant. – Disco, Theater, Galerie und Literatur greifen ineinander. Für die Statistik bleibt zu erwähnen: volle Party, Tanz in beiden Räumen, Beatz&Kekse-Wirtin Nina Henkels ist aus dem Urlaub zurück und spielt Sixties-Klassiker. Für den Diskurs ist das Nebensächlich, der Diskurs dreht davon unberührt weiter um sich selbst, im (Platten-) Kreis.

Kasten: Shoegazing & DJ Culture

  • Shoegazing: Das Schuhe-Anstarren war Lieblingsbeschäftigung einiger britischer Bühnen-Bands Ende der 80er Jahre. Keine (Disco-) Queen-Posen, sondern Zurückhaltung beeinflussten spätere Brit- und Post-Pop-Wellen. Bekannteste Vertreter: My Bloody Valentine, The Verve. Wurde besonders gerne von Nerds (Sonderlingen) gehört.
  • Friedrich Kittler: 1943 geborener Literaturwissenschaftler und Medientheoretiker, dem wir die „Sprengung des Schriftmonopols“ mitverdanken. Sein bekanntester Schüler Ulf Poschardt veröffentlichte 1995 die Historiographie „DJ Culture“

 

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