„Besessen von Pop“ in der Diktatur

The Beatles, der Summer of Love, die Zappa-Platten unter Peter Handkes Arm, Hippie-Pop aus Kalifornien und Woodstock bilden das popkulturelle Archiv der Sechziger.

Tausende Künstler aller Sparten lassen sich von einer neuen Art des Schreibens, Performens, Malens inspirieren. Blöd, wenn man zu der Zeit hinterm Eisernen Vorhang hängt, wie Kunststudent Lutz Dammbeck in Leipzig, und sagen muss, „wir waren besessen vom Pop oder besser, von dem, was wir dafür hielten“, gleichzeitig aber diesen Pop, der aus dem verschlossenen Westen kommt, nicht verwenden kann. „Zum einen fehlte die soziale Wirklichkeit, an der sich diese Kunst entzündet hatte, zum anderen waren die Spielräume unglaublich eng.“

Lutz Dammbeck ist einer der herausragenden Künstler der „Leipziger Schule“, die sich stark abgegrenzt hat vom Sozialistischen Realismus der Dresdner Kollegen. Er ist Experimentalfilmer, Grafiker, Mediencollagist, seit 1998 Professor an der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Nun erscheinen seine Erinnerungen in der Edition Nautilus, die zuletzt auf dem Radar stand, als 2010 der Revolutionsessay „Der kommende Aufstand“ erschien.

Das anekdotisch aufgebaute Buch erzählt, wie in vordigitalen Zeiten Mash-Ups, Collagen, Remixe entstanden, wie mithilfe von Zarah Leander, Schnipsel aus UFA-Filmen der 40er, Free-Jazz und Industrial-Rock neue Kunst entsteht. Das macht dieses Buch so großartig. Denn fragt man sich heutzutage nicht ständig, wie beispielsweise elektronische Künstler aus dem unendlichen Pop-Zeichenvorrat der vergangenen sechs  Jahrzehnte zurückgreifen, wie es kommt, dass Kanye West einen belgischen Drum‘n‘Bass-Shootingstar (Netsky) inspiriert, Kriegsbemalung aus dem Mittelalter ein Revival erfährt (Bonaparte) oder Funk-, Rare-Groove-, Indiesamples einen verkleideten HipHop-Bengel aus Süddeutschland hypen (Cro)?

Warum entscheidet sich ein Künstler für diesen Samples, nicht für einen anderen? Weshalb gehen in der einen Saison alle auf Afro-Dubs steil, in der nächsten auf Big Beat? Das Prinzip, das dahinter steckt, ist stets ähnlich. Bei Lutz Dammbeck kann man jetzt Stück für Stück nachvollziehen, wie ein Popnetzwerk im Kopf aufgebaut, wie verschiedene Stile in der Gesellschaft kanonisch werden. Sehr interessant, nicht nur für Live-DJs und Samplenerds.

(Lutz Dammbeck: „Besessen von Pop“, Edition Nautilus, 224 Seiten, 18 Euro)

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