Rezension: Back in the DDR!

Plan D von Simon Urban

Blutiges Comeback der DDR im Oktober 2011: Mit Simon Urbans Debütroman „Plan D“ – und garantiert noch weniger Bananen. Auf 552 Seiten entwirft der gebürtige Hagener ein höchst umstrittenes Gedankenexperiment.

Vorschusslorbeeren sähen deshalb anders aus: „Ein beschissener Roman“, urteilt Schauspielerin Sahra Wagenknecht im Buchtrailer zu Peter Urbans Debütroman „Plan D“. DDR-Staatschef Egon Krenz lässt sich, wie immer, zitieren mit den Worten: „Kein Kommentar“. Und BRD-Bundeskanzler Oskar Lafontaine wettert: „Ekelhaft. Lächerlich. Abstrus.“ Allein Autorenkollegin Juli Zeh („Spieltrieb“) behauptet: „Man liest die erste Seite von Simon Urbans Roman PLAN D und weiß: das ist ein Text mit Muskeln.“

Geschichtsinteressierten „Tagesschau“-Konsumenten fällt sofort auf, dass Sahra Wagenknecht in unserer BRD-Realität selbstverständlich keine Schauspielerin, sondern stellvertretende Vorsitzende von „Die Linke“ ist. SED-Generalsekretär Egon Krenz wurde 2003 aus der Haft entlassen. Oskar Lafontaine hat sich aus dem politischen Geschäft zurückgezogen. Deshalb kann allein Juli Zehs Urteil gelten. Die vorherigen drei Kommentare sind zum Glück ebenso Fiktion wie Simon Urbans Idee, die DDR erneut aus Ruinen auferstehen zu lassen.

In der Welt von „Plan D“ hat Staatschef Egon Krenz am 17. November 1990 die Mauer aufgrund massiver Westflucht wieder schließen lassen. Am 1. August 1992 wird der in die DDR emigrierte Otto Schily neuer Minister für Staatssicherheit und Oskar Lafontaine amtiert seit dem 1. April 2011 als Bundeskanzler der BRD. Wirtschaftlich entwickelt sich die Ost-Zone aufgrund massiver Transitzahlungen West-Deutschlands für Pipelines, die über DDR-Boden hinweg Erdgas aus Russland nach NRW, Bayern, Rheinland-Pfalz transportieren.

In diesem weltpolitisch heiklen Milieu wird ein erstmal unbekannter, doch schnell als Schlüsselfigur enttarnter Informant in der DDR ermordet – und der querulante Volkspolizist Wegener muss gemeinsam mit Kollegen von Bundesnachrichtendienst die Ermittlungen aufnehmen. Die wichtigen Transitzahlungen in Milliardenhöhe hängen vom Erfolg Wegeners ab. Die BRD vermutet hinter besagtem Mord ein politisches, von der Stasi orchestriertes Sühneverbechen, eine eklatante Verletzung des UNO-Menschenrechtsabkommens, das die DDR am 25. Juni 1992 unterzeichnet hatte.

Abgesehen vom Thriller-Plot, der an „Kalte Kriegs“-Reisser von Autoren wie Colin Forbes („Lawinenexpress“) oder John le Carré („Der Spion, der aus der Kälte kam“) erinnert – „Plan D“ formuliert seinen Reiz aus Science Fiction-Phantasien. Die DDR ist hier Handy-Weltmarktführer. Ihr Stasi-Phone „Minsk“ schlägt jedes Apple-Produkt. Die „Bionier-Brause“ Rhabarber wird auf Augenhöhe mit „Bionade“ produziert und der Trabi-Nachfolger „Phobos Agitator“ verringert den Abstand zur Mercedes S-Klasse spürbar. Amüsante Anleihen an deutsche Nachkriegsliteratur („Karolina salzte nach“) erinnern an Thomas Brussigs Verhöhnung von Christa Wolf („Der geheilte Pimmel“) aus der 1995 erschienenen Ost-Burleske „Helden wie wir“.

Vermutlich ist Simon Urbans Debüt eine perfekte Version des lang ersehnten „Wenderomans“ – weil der schnell lesbare 552-Seiten-Klotz permanent lügt wie gedruckt. Es sind Lügen, die eine ganz eigene Wahrheit offenbaren: Es war nicht alles schlimm in der DDR. Aber es hätte noch wesentlich schlimmer kommen können. „PLAN D“-Propaganda und Einbürgerungstest (Sie wollen Ihre Freundin zum Geburtstag mit Kosmetik aus dem VEB Florena Waldheim überraschen. Die Kosmetikserie von Weltniveau hat welchen Namen?“) im Internet sind übrigens derart gut aufeinander abgestimmt, dass Simon Urbans Brotberuf für jeden Kombinationsbegabten offensichtlich ist.

Selbstverständlich arbeitet er bei einer Hamburger Werbeagentur. 2009 wurde Simon Urban mit dem „Grand Prix in Gold“ bei den so genannten „Clio-Awards“ ausgezeichnet: für die erste literarische Live-Werbepause, einem von etlichen Kreativpreisen, die der gebürtige Hagener bislang eingeheimst hat. Aktuell ist „Plan D“ nominiert für den „Hot List“-Preis der unabhängigen Verlage. Im Internet kann jeder (demokratisch!) abstimmen – ob die Homepage auch übers sozialistische „Transnet“ angewählt werden kann, ist unsicher. Unsere Anfragen ans Informationskombinat der sozialistischen Zone, sowie an die DDR-Behörde von Kulturminister Dietmar Dath wurden bislang ignoriert.

Simon Urban: „Plan D“, Schöffling & Co., 552 Seiten,  Hörbuch, gelesen von Götz Schubert, 6 CDs, ca. 422 Min. Random House Audio

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