Angst und Kunst

Die Angst ist zentrales Motiv beim momentan in Dortmund gastierenden Flic Flac-Zirkus. Dressurnummern fehlen, stattdessen sollen wagemutige und lebensmüde Kunststücke das Herz der Zuschauer einnehmen und dessen Lust an der Angst bedienen.

Am vergangenen Dienstag konnten Journalisten bei einem freien Training die Seite wechseln: vom mitfühlenden Betrachter zum sich selbst ängstigenden Artisten. „Wenn du es nicht liebst, fällst du“, sagte Carlos Marin Diaz aus Kolumbien. Der 43-jährige Hochseilkünstler ist 1994 mit seiner Frau in Italien aus 16 Metern Höhe auf den Asphalt gestürzt. Aber Angst hat er nicht.

„Wenn du es nicht liebst, fällst du“, ist jedoch kein Trost, wenn man als ungeübter Journalist auf dem Zirkushochseil in weiterhin respektablen 12 Metern Höhe wankt. Zwar durch ein Klettergeschirr gesichert. Doch zur überschreitenden Balance reicht es nicht. Die Liebe zum Wagemut fehlt hier. Carlos hingegen trainiert weiter, steht jeden Abend auf dem Seil. Die Frau schaut von unten zu.

„Ich liebe das Risiko“, gesteht er, der einst in einer kolumbianischen Fabrik arbeitete, „hier oben bist du frei.“ Aus diesem Grund, der fehlenden Suche nach Freiheit, geht das gesellschaftliche Interesse an aktiven Angsterfahrungen zurück. Die Zuschauer, die ihren Kitzel lieber passiv während Formel-Eins-Rennen, im Kino oder beim Zirkus Flic Flac bedienen lassen, fühlen sich längst frei. Stattdessen bleibt die ewige Bewunderung für Menschen, die ihre Angst scheinbar überwinden.

Die meisten Flic Flac-Helden gaben am Dienstag jedoch an, keine Angst zu besitzen. Somit existiert auch keine Überwindung. „Anfangs war sie da“, gestand ein Artist, „inzwischen ist sie verflogen.“ Routine dämmt hier, wie in jedem gefährlichen Beruf, die Gedanken an mögliche Schrecken ein. Wenn man jedoch zum ersten Mal im sogenannten „Todesrad“ steht, einer überdimensionalen Stahlwippe, an deren Ende jeweils ein Eisenrund hängt, ist die Angst da.

Durch den Gang des gegenüber liegenden Akteurs wird das eigene Rad langsam als Gegengewicht in 16 Meter Höhe gehievt. Die Scheinwerfer brennen, am Scheitelpunkt angekommen, in den ohnehin Angst geweiteten Pupillen. Auch später, im fünf Meter durchmessenden „Globe of Death“, einer Kugel, die vom Schweizer Patrick Nock durchfahren wird, wechselt die Bewunderung in Herzkammern flimmernde Panik, wenn man selbst inmitten der Kugel steht und bei geschlossenen Augen das stetig aufheulende Motorengeräusch wie nahendes Kampfhubschrauberdröhnen wahrnimmt.

Die Angst kann besiegt werden, durch Routine. Das haben die Artisten bewiesen. Und zuschauen ist weiterhin am Angenehmsten. Das ist die abschließende Erfahrung. Der Zirkus gastiert bis zum 12. Oktober an den Westfalenhallen, Parkplatz E und zieht danach weiter in den Duisburger Landschaftspark Nord.

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