Worte finden heut kein Ende

Besser ein Messer als ein Wort. Ein Messer kann stumpf sein. Ein Messer trifft oft am Herzen vorbei. Nicht das Wort. (Hilde Domin)

1170927_523515224397322_418282605_nGelegentlich muss sich die Popkritik den Vorwurf gefallen lassen, es ginge ihr allzu häufig um Texte, jedoch zu selten um die Musik an sich. Hier soll es aber genau darum gehen: Die Lyrics des aktuellen „Messer“-Albums ohne Musik aufzunehmen, keinesfalls vorher hineinzuhören in „Die Unsichtbaren“. Es ist eine Aufgabe, die Mediävisten kennen, beispielsweise vom Nibelungenlied, über das wir nicht wissen, in welcher Weise es gesungen werden soll. Vor dem Hören kommt der Text, so wie vor dem Singen der Text in der Produktion entstanden ist. Es sollen die geschriebenen Zeichen zählen, obwohl das erste Stück (Angeschossen) appelliert: „Schmeiß den Stift weg, bitte sprich.“ Reflexionen zu dem bislang unveröffentlichten, neuen Album der Band „Messer“, verfasst von Hendrik Otremba (Spex, testcard), erschienen in „Das Wetter“ – dem neuen Magazin für Text und Musik aus Hamburg.

Angeschossen

hongkong_klein-500x675.jpgDas Wort Messer kann nicht stechen, das sagt sich so leicht. Es geht ums Schießen, angeschossen sieht sich das lyrische Ich der Welt gegenüberstehen, in einem Zustand der Ermattung. „Werde nichts mehr in den Strudel werfen/Alles kommt von dort zurück“, die moderne Reformulierung des biblischen Satzes: „Der HERR hat‘s gegeben, der HERR hat‘ genommen“ aus Hiob 1.21. Heute nimmt das Netz (auch im Sinne des textus, des Gewebes) alles in sich auf, wir sind von Wörtern umzingelt, die sich im Strudel, im schnell drehenden Diskurs bewegen, „ein Karussell, die Nacht so heiß“, heißt es im Lied, sehnsuchtsvoll geht der Blick zurück in den „alten Garten“, oder ist dieser doch nur ein „totgesagter park?“ Die Zeiten, als Retro unbekannt, Retweets keine Vision gewesen sind, scheinen versunken wie tausendjährige Gewissheiten über den Bilder zerreißenden Säbelzahntiger Schrift. „Worte finden heut kein Ende“, da ist Sehnsucht, vom Fixierten ins Flüssige zurückzugehen, in nicht archivierbare, trotz des Sprechens nicht abhörbare Räume: „Bitte sprich, oh sprich mit mir/Und es gibt nichts anderes hier.“

Die kapieren nicht

foto19-500x669„Schmeiß die Pennies gegen die Wand.“ Ist das eine Hin- oder Abwendung vom anglo-amerikanischen Verweisraum der Popmusik? Professor Moritz Baßler, bei dem Messer-Dichter Hendrik Otremba über den „Retrodiskurs“ promoviert, hat kürzlich in einem Vortrag über die emanzipatorische Haltung im deutsch-englischen „Nur ein Traum“ der NDW-Band  Trio gesprochen (dreißig Jahre vor dem austro-amerikanischen Album „DMD KIU LIDT“ von Ja, Panik). Letztere haben sich mit Pennies der Hamburger-Schule entzogen, sich schon im Titel allem Verständnis erzogen, denn nur wer die Leute kennt, die immer hierhin kommen, der weiß, dass es darum geht: „Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit.“ Wie eine Spinne kommt er auf uns nieder, mit Pennies allein können wir ihn besiegen, indem wir uns dem Verstehen entziehen – das ist schon nah an Heideggers Esoterik, nur wenn es heißt „Die kapieren nicht“ scheint die Wahrheit nah.

Tollwut (Mit Schaum vor dem Mund)

dscf2331-500x379Ein Text, ins Wasser geschrieben, „während ich dir dann die Wahrheit sage/gehst du den nächsten Schritt“, das Phänomen von „Angeschossen“ einmal umgedreht, denn alles fließt hinab. Worin wir uns einzuschreiben versuchen, ist „warmes, trübes Wasser“ nicht mehr, es sind „Die Unsichtbaren“, die mit Schaum vorm Mund aus den Archiven schöpfen: „Während ich nach de Vergangenheit grabe/Passiert so viel damit“. Wobei zu fragen wäre, ob hier im Blick zurück die Dinge (neu) entstehen, oder es nicht doch ein Phänomen der Jetzt-Zeit ist, dass alles Suchen in dunklen Ecken abgebrochen wird durch stete Erleuchtung. Man kommt weder dem Zeitgeist hinterher, noch den Interpretationen über Vergangenes: „Während ich dich nach dem Abgrund frage/Machst du den letzten Schritt.“

Staub

bildschirmfoto-2013-09-11-um-125405-500x672Geisteswissenschaftler lernen seit Jahren die Gesetze der Thermodynamik, ohne sie zu verstehen, am häufigsten zitiert wird das Phänomen der Entropie, gegen die man wieder nur Beerdigungssentenzen bemühen mag: „Erde zu Erde! Asche zu Asche! Staub zu Staub!“, als hoffendes Zurückgehen in den Urzustand, wie in der Genesis verkündet: „Gott, der HERR, pflanzte einen Garten in Eden, im Osten. Dorthin setzte er den Menschen, den er geformt hatte. Gott, der HERR, ließ aus der Erde alle Bäume wachsen. Sie waren schön anzusehen und gut zum Essen. Mitten im Garten war der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse.“ In welchem Zustand passiert nun etwas, wie nennt man es (Aufklärung?) wenn ein Mensch hereinkommt und „sein Schatten färbt den Schein (…) Der Staub verwischt/Und die graue Schicht/Wirbelt auf und tanzt im Licht.“ Man möchte bei diesem epiphanischen Bild ausrufen: in dubio pro disco! Denn nur dort ist es eben so: „Die graue Schicht/Wirbelt auf und tanzt im Licht.“

Neonlicht

mannundfrau-500x344Es gibt einerseits das Neonlicht des Goose- und Klaxons-New Rave-Kosmos‘ und es gibt ein Neonlicht im entgegengesetzten Raum: streng bewacht, auf weißen Fliesen sitzt jemand dort, wo man einen Schutzhelm braucht, im Guantanamo der Liebesnot. Es ist die Klage des Verlassenen, der seine Umwelt als Gegensatz des klassischen locus amoenus entwirft: Stechendes Licht, kein beruhigendes Plätschern, es ist dunkel, nirgendwo hell, und kalt, „das Wasser läuft den Schacht hinab“.

Das Versteck der Muräne

Jetzt sind auch die Stimmen kalt und wo im Lied zuvor ein Kinder noch leise lacht, steigen Geister empor. Da ist jemand ganz tief gefallen: „Ihre Stimmen sind so kalt/Sie zerstören dich als Mann.“ Kann das schon der anti-feministische Impetus sein, „im Rausch die Idee“, oder ist es im Rausch der Idee, wo sich zwei Lager in Flammen gegenüberstehen und die andere gießt Öl ins Feuer und erschrickt.“

Tiefenrausch

united77-500x665„Irgendwo zwischen 4 Uhr nachts“ – hier ist das Setting komplett verschoben, denn aus Raum wird Zeit, im Dazwischen kommt der Traum, entgegen seines Wesens „mit ganz viel  Macht“. Es ist: Ein Wesen auf jener Vergangenheit, die in dem Album immer wieder als Problem beschrieben wird. Dieses Mal geht, „einfach nur weil es so einfach geht“ jemand mit. „Alles ist wieder, wie es niemals war/Und es wird auch nie so werden.“

Es gibt etwas

Das ist besser als nichts. Der Sänger wird zum Hörenden und erschrickt über das, was er zu hören bekommt. Nur von wem? Denn es geht um einen, „der anders war als ich“. Ein Eifersuchtsanfall? Zurückgeworfen auf sich selbst, nimmt sich da jemand an die Hand und hofft, sich nicht selbst zu verlieren:

c2bbneil-andrew-megsons-blaue-phasec2ab-36x48-cm-aquarell-auf-buttenpapier-2013-500x685„Und am Ende dieser Worte/Werde ich damit sterben müssen/Dass ich der bin der ich bin/Und ich werde es bleiben wissen“. Eine Furcht vorm griechischen Gnothi seauton?, zurückgeworfen auf sich selbst, in einem letzten Akt der Autonimie dann dieser Trotz: „Denn es gibt etwas in mir/Das brauchst du gar nicht wissen/Und du wirst es nie erfahren/Wirst es nie erfahren müssen.“

Platzpatronen

Pop ist alles, was knallt, doch was ist, wenn dieses Knallen nur aus Platzpatronen kommt? Summer in the City, die Stadt im Sommer, die Stadt im Regen, „der Geruch von Regen“, das sind klassische Liebesliederzeilen, das Anrufen der Unerreichbaren: „Träum mich in eine Welt/Die ich nicht haben kann/Hol mich einfach hier raus/Und hilf mir irgendwann.“

Süßer Tee

derjungem-500x657„Nebel auf Wasser“, trifft mit dem alles verschwindenden Dunst aus „Die kapieren Nichts“, der in „Staub“ kein Dunst ist, sondern dust. „Jetzt wird es dunkel“, das lyrische Ich „kann nichts mehr sehen“. Es ist ein Am-Abgrund-Stehen, alles findet im Nahbereich statt, im interzone wird das Leben zur Kleinigkeit, „und der Tod gerät in Vergessenheit/Ein Schatten hinter einer Tür/Er lacht mich an, zeigt mir den Weg zu dir.“ Das ist die Inszenierung eines paralogischen Raums, eines magischen Zwischenreichs, in grünes Licht getaucht: Nebel auf Wasser, ein stetes Hinabziehen, jetzt wird es dunkel. War es das, was Orpheus dachte, bevor er in die Unterwelt stieg, ein Sänger und Dichter übrigens – das kann kein Zufall sein. Gelockt wird er, der selbst die Sirenen übertraf, vom süßen Tee zu nippen. Der  Mythologiegelehrte weiß, dass allein bei Marcel Proust Erinnerung mit süßem Tee aufkommen kann. Im Blick zurück vergehen die Dinge, davon erzählt „Die Unsichtbaren“, mögen auch die toten Fische wieder schwimmen, es ist nicht mehr als: „Ein Lichtertanz im Schattenmeer“.

(Die Bilder sind alle von Hendrik Otremba)

Jan Drees

Ich bin Redakteur im Literaturressort des Deutschlandfunks und moderiere den „Büchermarkt“.

Im Jahr 2000 erschien mein Debütroman „Staring at the Sun“, 2007 folgte ein überarbeiteter Remix des Buchs. Im Jahr zuvor veröffentlichte der Eichborn-Verlag „Letzte Tage, jetzt“ als Roman und Hörbuch (eingelesen von Mirjam Weichselbraun). Es folgten mehrere Club-Lesetouren (mit DJ Christian Vorbau). 2011 erschien das illustrierte Sachbuch „Kassettendeck: Soundtrack einer Generation“, 2019 der Roman „Sandbergs Liebe“ bei Secession. Ich werde vertreten von der Agentur Marcel Hartges in München.

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